Schon wieder ist es Zeit, den Atem anzuhalten. In einer Wohnung in Gaza wurde in hängender Position gefunden: der Leichnam des ISM-Aktivisten Vittorio Arrigoni. Offenbar wurde der Italiener von Mitgliedern einer Bande religiös motivierter Gewalttäter entführt, gefoltert und gehängt. Man ist hilflos. Wie auch die Verfasserin der folgenden Zeilen aus einer Email, die nicht nur abermalige Fassungslosigkeit zum Ausdruck bringen, sondern auch erkennen lassen, worin ein wesentliches Problem von Palästinasolidarität bestehen könnte:

Was steckt wirklich dahinter?? Man kann sich gar nicht vorstellen, dass es Palästinenser sind; denn für sie hat er sich 100 %ig eingesetzt. Vielleicht pal. Kolaborateure, die ja vom Mossad bei jeder Gelegenheit (in den Gefängnissen, Checkpoints…) angeworben werden.

Noch ein Wort zum von Latuff angefertigten Bild mit Arrigoni und Hantalah, das man auf verschiedene Weise interpretieren kann. Nicht nur kommt in diesem Bild jene Solidaritätzum Ausdruck, die von dem Ermordeten verkörpert wurde. Auch die Hoffnung in eine Zukunft für Palästinenser, die es wert ist, „Zukunft“ genannt zu werden und die beide Figuren zum Victory-Handzeichen animiert, reicht als Interpretation nicht aus.

Bekanntlich stand der Schöpfer von Hantalah, Naji Al Ali (1936/37 – 1987) der PFLP nah, der Volksfront zur Befreiung zur Befreiung Palästinas. Es gibt reichlich Negatives, was man über Geschichte und Gegenwart dieser Organisation sagen könnte – ein Blick auf ihren deutschsprachigen Onlineauftritt mag schon reichen -, aber in noch stärkerem Maße als etwa die Fatah stand die PFLP seit ihren Ursprüngen für ein säkularistisches Befreiungs- und Staatskonzept. Lange Jahre repräsentierte sie zudem, was man als palästinensische Linke bezeichnen könnte. Auf Latuffs Bild gehen der ermordete Arrigoni, der sich in seinem eigenen Handeln auf antifaschistische Wurzeln in seiner Familie berief, und Hantalah davon, Hand in Hand. Internationale Solidarität mit Palästinensern, der Kampf für ein freies, säkulares Palästina – war’s das? Soll das die Botschaft der Mörder sein?

Nachrufe auf Arrigoni, ich kann sie nicht lesen. „He was more Palestinian than the criminals that killed him“, was heißt das schon?

7 Gedanken zu “Vittorio Arrigoni (1975 – 2011)

  1. Es ist in der Tat unsinnig gleich Kollaborateure hinter dem Attentat zu vermuten. Wieso soll es unter 1,5 Millionen Palästinensern keine zwei, drei kranken Idioten geben, die zu so einer grauenhaften Tat in der Lage sind?

    Was aber für Menschen überall gilt, gilt auch für Palästinenser: Idioten gibt es überall, aber die Mehrheit der Bevölkerung ist friedliebend. Aber immer wenn sowas passiert geben viele ihr bestes, um uns davon zu überzeigen, dass das Palästinensische Kollektiv in seiner Gesamtheit ein gewaltliebendes ist. Dagegen muss man sich wehren und es lohnt zu erwähnen, dass unmittelbar nach dem der Mord bekannt wurde, viele Leute in Gaza auf die Strasse gingen, ein Trauerzelt aufbauten, und ihre Abscheu gegenüber dieser Tat kund taten.

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  2. Da zeigt sich doch in wahrhaft brutaler Deutlichkeit, dass die Palästinenser, auch deren irgendwie islamistischer* Teil, nicht das einheitliche Kollektiv sind, als das sie so häufig in der Palästina- und Israelsolidarität erscheinen (dort positiv, hier negativ). Darum auch der Reflex, das können ja gar keine, oder zumindest keine „richtigen“ Palästinenser gewesen sein! Doch, auch Palästinenser können radikale Salafisten sein, die sich gegen alle stellen, gegen Hamas, Fatah und Israel. Auch wenn’s nur wenige sind.

    *sofern man Islamisten und Dshihadisten nicht sowieso trennen will; hier zeigt sich die Frontlinie ja sehr deutlich

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  3. Die Äußerung von „Brand“ hat mich in dem Verdacht bestärkt, daß dies nicht unbedingt eine unbekannte palästinensiche Gruppe gewesen sein muß. Dies sieht mir eher nach einem Geheimdienstkomplott aus. Gezielte Tötungen treffen zur Zeit nicht nur sogenannte Extremisten, wie Hamas-Leute u.a., sondern auch Aktivisten, die sich verstärkt für die Aussöhnung im Alltag oder für kulturelle Zusammenarbeit einsetzen. Dies ist Methode: töte den Gemäßigten, den Verständigen, um die Wut der anderen anzustacheln.
    Wir sollten m.E. sorgfältiger hinsehen, wo die Informationen her kommen und von wem sie kontroliert werden. Die Sache mit der angeblichen unbekannten Palästinensergruppe, deren Name wohl vorher keiner kannte, sieht eher nach einer Desinformationkampagne eines israelischen Geheimdienstes aus.Sie haben die Informationshoheit in diesem Konflikt.
    Fast alles, was wir heute aus Konflikt- bzw. Kriegsgebieten erfahren, ist durch die Desinformatiosabteilungen vor allem westlicher Geheimdienste gefiltert. Vielleicht sollte man sich verstärkt die Frage stellen, wem nutzt eine solche Meldung im Moment am meisten !

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