Der Educational Bookshop in Ostjerusalem (Bild: www.gehaltlos.net)
Der Educational Bookshop in Ostjerusalem (Bild: http://www.gehaltlos.net)

Wie ich in diesem Blog schon gelegentlich habe anklingen lassen, verbrachte ich bereits manche Zeit innerhalb und außerhalb der Mauern Jerusalems. Zu den Orten meiner intensivsten Erlebnisse zählt ein Lädchen in der Ostjerusalemer Salah-Al-Din-Straße, das bis zur Decke angefüllt ist mit Büchern, Zeitungen, Zeitschriften, Landkarten und Schreibmaterialien. Der Educational Bookshop besteht aus einem einzigen Raum mit Tresen und Regalen. In Bücherläden bin ich vernarrt. Warum es mir dieser Laden seit jeher angetan hat und ich deshalb dankbar bin, dass er mittlerweile über eine eigene Internetpräsenz verfügt, liegt in dem Umstand begründet, dass er mir die Chance gab, meine eigenen, in West- und Ostjerusalem gemachten Erfahrungen zu verarbeiten. Beim Durchstöbern der Bücherregale vermochte ich, Anknüpfungspunkte auszumachen für all das, was sich vor meinen Augen Tag für Tag ereignete und in mir anstaute. Ich verbrachte vor zehn Jahren einige Monate in Jerusalem und lebte im Muslimischen Viertel der Altdtadt. Beim Blick aus dem Fenster konnte ich frommen Juden bei der Verrichtung ihres Gebetes an der Westmauer zuschauen. Von meiner winzigen Terasse aus, ließ ich mich immer wieder von den Gebetsrufen der Muhezzine und vom Geläut der Kirchen im wahrsten Sinne begeistern. Beim Gang durch die engen Gassen der Altstadt wurde mir bewusst, wie spannungsgeladen  sich die Existenz an einem Ort ausnimmt, der nicht weniger ist als der Auge des Orkans, das Herz aller gegenwärtigen Weltkonflikte und aller Städte. Palästinenser, jüdische Israelis, jüdische Siedler mit amerikanischem Akzent, Yarmulke und MP, muslimische Frauen und Männer, israelische Soldaten, im wörtlichen Sinne lustwandelnde „christliche“ Zionisten, einheimische und auswärtige Ordensbrüder und Ordensschwestern, überfordert-fasziniert dreinblickende Touristen, geschäftsmäßig tough tuende „Internationals“ (studentische Hilfskräfte bei irgendeiner NGO oder Parteistiftung), Freiwillige von Aktion Sühnezeichen mit der bereits vorhandenen, theologisch und politisch korrekten Strenge von zutiefst betroffenen Pfarrerinnen und Pfarrern, Gerüche, Klänge, Menschengedränge.

Ich habe Sehnsucht nach Jerusalem und nach dem Educational Bookshop, in welchem die Bände von Amos Oz und David Grossman bei meinem letzten Besuch noch neben den Übersetzungen der wichtigsten Werke von Mahmoud Darwish zu finden waren.

Darwish ist bekanntlich nicht mehr am Leben, und Oz und Grossman sind jüngst in die Schlagzeilen geraten, um gegen die von israelischen Behörden angeordnete Ausweisung von Munther Fahmi zu protestieren. Manchmal ist es kaum zu ertragen: Besagte Anordnung hätte sicherlich kaum Aufsehen erregt, hätten Grossman und Oz diese nicht öffentlich thematisiert. Soviel zur besonderen Bedeutung öffentlicher Intellektueller vom Schlage dieser beiden international renommierten Literaten. Soviel auch zum Ungleichgewicht der öffentlichen Wahrnehmung: Unrecht wird erst akut und virulent, wenn es von respektierten Wortschmieden, -advokaten und -akrobaten beim Namen genannt wird. Es müssen israelische Geistesgrößen sein, die sich für die Ausrufung eines unabhängigen Staates Palästina aussprechen, damit diese von Palästinensern schon allzu lang erhobene Forderung den Ruch des Verbotenen ablegen kann.

Munther Fahmi, so lautet der Name des Inhabers des Educational Bookshop, Ostjerusalem. Sein Laden, so Ynet, galt als „hub  for diplomats, artists and academics from across [the] world“. Aber auch, ich habe es selbst gesehen, Palästinenser haben dort schon so manchen Bleistiftanspitzer käuflich erworben.

2 Gedanken zu “Der Educational Bookshop, Ostjerusalem, ist in Gefahr

  1. Leider war ich noch nie in diesem Laden, obwohl ich schon öfters davon gehört habe. Hoffe sehr dass es ihn noch gibt bis ich das nächste mal in Jerusalem bin.
    Schmunzeln mußte ich (verzeih!) über Deine Formulierung, dass Jerusalem nicht „nicht weniger ist als der Auge des Orkans, das Herz aller gegenwärtigen Weltkonflikte und aller Städte.“ Klingt fast wie bei Leon Uris, Friede seiner Asche. Bei aller Bedeutung des Konflikts, aber die Leute in Tschetschenien, Ruanda oder dem Jemen werden diese Meinung zum „Herz aller Konflikte“ kaum teilen😉
    Danke jedenfalls für diese schöne Hommage an einen Buchladen!

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    1. Sehr geehrt fühle ich mich, wenn Du mich in einem Atemzug nennst mit einem Autor wie Leon Uris… Du hast natürlich recht, ob die Leute in Tschetschenien oder in Kolumbien die Dinge so sehen wie ich, glaube ich natürlich mitnichten. Aber mein Blog ist in seiner Spannbreite und -weite nur sehr begrenzt, und wer sich erreichen lassen möchte, der soll erreicht werden…🙂

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