Natürlich gibt es Antisemitismus bei Linken – aber hätten wir das nicht auch ohne Salzborn und Voigt gewusst?

Was DIE LINKE nicht alles auf die eigene Kappe nehmen muss...
Was DIE LINKE nicht alles auf die eigene Kappe nehmen muss...
Einer meiner Lieblingswitze, weil er so viel Wahrheit spricht, geht so: „Warum lecken sich Hunde oft ihre eigenen Genitalien? Weil sie es können.“ Das Böse ist in der Welt, u.a.  auch deshalb, weil man nicht genug dagegen unternimmt. Der Antisemitismus ist in der Welt, und damit ist nicht allein das gleichnamige Presseorgan aus dem Hause Springer gemeint. Nakba-Tag hin, 15. Mai her: Israelkritik muss sich immer die Frage nach den eigentlichen Motiven gefallen lassen. Und ja: Es gibt ihn wirklich, Antisemitismus in linken Kontexten. Nicht zuletzt die jüngsten Vorfälle in Duisburg machen deutlich: Das Thema Judenhass muss auch in der Partei Die Linke ernsthaft bzw. ernsthafter als bisher zur Sprache gebracht werden. Wie konnte ein derartig widerliches Flugblatt auf die Website der Duisburger Partei-Linken gelangen? Mit Antwortversuchen wie diesem hier ist es nicht getan:

Das Pamphlet wurde am 31. Januar 2011 kurz nach 20 Uhr in der Region Essen-Gelsenkirchen auf die Internseite des Jugendverbands der Linken, [’solid], gestellt, die mit der KV-Seite verlinkt ist, und zwar von dem Nutzer einer ­t-online.de-Adresse. Ebenfalls bekannt wurde – aus dem Protokoll des Providers – die IP-Adresse.

Das Pamphlet war nun – und das sollte angesichts der politischen Kampagne gegen die Duisburger Linke nicht unbeachtet bleiben – so versteckt unter »Materialien«, daß es mit hoher Wahrscheinlichkeit seit Januar keine öffentliche Wirkung entfaltet hat und nicht entfalten konnte. Von einer bewußt platzierten Veröffentlichung als Bestandteil einer angeblichen Anti-Israel-Politik bzw antisemitischen Politik der Duisburger Linken konnte und kann überhaupt keine Rede sein.

Ich hätte nicht in der Haut der Dusiburger Betroffenen stecken wollen. Dennoch: So etwas hätte nicht passieren dürfen. Punkt.

Nicht ganz einleuchten will mir nun, was die taz – zusammen mit zahlreichen weiteren Zentralorganen hiesiger Meinungsbildung – dazu bewegt hat, den beiden bekennenden Israel-Wahnsinnigen (schöne Formulierung, Ghassan) Samuel Salzborn und Sebastian Voigt eine derartig breite Öffentlichkeit zu verschaffen – als Autoren einer „wissenschaftlichen Studie“ über „Antisemitismus und Israelfeindschaft“ in der Partei Die Linke. Gibt es nicht geeignetere Kandidaten zur Erstellung einer solchen Studie als diese beiden Freizeit-Likudisten und Pseudo-Polit-Kommissaren? Und dieser taz-Artikel, hat Herr Gessler den verfasst?
Wurde bis vor10 Jahren hierzulande in den entsprechenden Kontexten und Diskussionszirkeln mancher Versuch unternommen, den Gegensatz zwischen Israel- und Palästinasolidarität zumindest zu diskutieren, scheint heute die Alternative zu lauten: Entweder Islamismus oder Likudismus.  Entweder religiös verbrämter Judenhass oder „um Israel besorgter“ Rassismus. Nimmt man die Partei Die Linke zum Maßstab – sowohl linker Israelkritik als auch linker Antisemitismuskritik geht es dieser Tage beschissen.

„Warum lecken sich Hunde oft ihre eigenen Genitalien? Weil sie es können.“ Warum werden Salzborn und Voigt ernst- bzw. hingenommen? Die Antwort: Siehe oben. (Ober waren es Katzen?)

15 Gedanken zu “Natürlich gibt es Antisemitismus bei Linken – aber hätten wir das nicht auch ohne Salzborn und Voigt gewusst?

  1. In dem Artikel der FR wird nicht nur auf die „wissenschaftliche Untersuchung“ von Voigt und Salzborn verwiesen, sondern ebenso wichtig erscheinen mir die Behauptungen der FR das die Bundestagsabgeordnete Höger, „sich erst kürzlich bei einer umstrittenen Konferenz von Hamas-Sympathisanten in Wuppertal mit einem Tuch präsentiert,(hat) auf dem eine Karte des Nahen Ostens abgebildet war. Nur Israel fehlte.“ Das ist die selbe Frau, auf deren Internetseite darüber spekuliert wurde ob der Tod von Vittorio Arrigoni und der Tod von Juliano Mer-Khamis von den Israelis zu verantworten sei.
    In dem besagten Artikel wird zudem behauptet das der Duisburger Linken Stadtrat Dierkes gesagt haben soll, das die in den israelischen „Staatsdoktrin“ enthaltenden Grundsätzen „jüdisch“ und „demokratisch“ sich in einem „unlösbaren Widerspruch“ befänden.
    Die jetzt mit großem Pomp verbreitete „wissenschaftliche“ Untersuchung hat sicher den ZWECK jedwede Kritik an der Politik des Staates Israels zu diffamieren. Es geht den Autoren offensichtlich nicht darum Antisemitismus in einer Weise zu bekämpfen, die es möglich macht in der Linkspartei (oder der Gesellschaft) ein Spannungsverhältnis herzustellen in der argumentiert wird und mit offenem Visier gestritten würde.
    Andererseits braucht es offensichtlich solche „Freizeit-Likudisten und Pseudo-Polit-Kommissaren“, da sie sich mit den immer mehr werdenden Freund-innen von Hamas und Hizbollah in der Linkspartei auseinandersetzen. Ich fändes es gut wenn Betreiber_in und Leser_innen dieses Blogs den „Pseudo-Polit-Kommissaren“ diesen Job aus der Hand nehmen würden.

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  2. Die Studie ist ein Witz. Laut Berliner Zeitung soll sie einer „Fachzeitschrift“ zur Begutachtung vorliegen. Welches seriöse wissenschaftliche Blatt will sich seien Ruf mit diesem Schwachsinn ruinieren?
    Die arme Hans-Böckler Stiftung , die Sebastian Voigt als Doktoranden finanziert …

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  3. @ Barg Michael

    Fehlendes Israel: Wie meinst du „Israel fehlte“? Ein Loch wird es in dem Tuch ja kaum gehabt haben. Waren Israel und Palästine etwas zu einem einzigen Staat verschmolzen? Nun, diese Ein-Staaten-Lösung („Ein sekuläres Palästina für zwei Völker“) wird auch von durchaus namhaften israelischen Linken vertreten und scheint mir ein sehr fortschrittlicher Ansatz zu sein. (Übrigens das Modell, das auch die Hizbollah mittlerweile vertritt – Deren Veränderung in den letzten Jahren sollte unbedingt berücksichtigt werden. Auch wenn sie deswegen jetzt nicht plötzlich toll ist)

    Widerspruch „jüdisch“ und „demokratisch“: Dabei ging es wohl kaum darum, dass es einen Widerspruch zwischen diesen beiden Wörtern gäbe, das wäre tatsächlich absurd und antisemitisch. Sondern dass ein Staat, in dessen Gebiet halt auch Nicht-Juden leben und der sich dabei ganz klar als „jüdisch“ defniniert, den anderen Teil der Bevölkerung kategorisch ausschliesst. Die Folgen von Vertreibung und Ghettoisierung lassen sich ja leider gut mitverfolgen. Und da ists halt mit der Demokratie dann doch nicht so weit her.

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  4. Ich glaube angesichts der Entwicklung des Nah-Ost-Konfliktes beginnen uns langsam die Begriffe zu verschwimmen !

    1. ist der Begriff des Antisemitismus als tradioneller Begriff von Feindschaft gegenüber Juden nie sehr glücklich gewesen. heute noch sehr viel weniger, da auch die Araber und Palästinenser mit diesem Begriff belegt werden, aber selbst semitischer Abstammung sind. Der Begriff beinhaltet tatsächlich eine rassistische Vorbehalte, wie sie im 19.Jahrhundert in Europa entstanden, als nationalistische Stimmungen den Aufstieg der Nationalstaaten begleiteten und die traditionelle Judenfeindschaft des Christentums in der öffentlichen Propaganda ablösten.

    2. ist der Begriff des Antisemitismus heute sehr ambivalent, schwammig und sehr aufgeblasen. Heute werden vor allem Kritiker Israels damit belegt, wird. Abstakt gesehen gesteht man Kritik an Israel zu, wird es konkret, eine abstrakte Kritik gibt es ja nicht, wird sie in jedem fall als antisemitisch diffarmiert. Es wird ständig ein „neuer Antesemitismus“ entdeckt, der dann die aktuelle Funktion übernimmt, Israel vor internationaler Kritik zu schützen.

    3. Dazu wurde vom israelischen Außenministerium eigens eine Propagandaabteilung geschaffen, die Schreibern für Blogeinträge Anleitung und aktuelle Informationen zukommen lassen, um dort Gegenpropaganda gegen Kritik zu verbreiten.

    4. Folglich ist der heuteige Antisemitismusbegriff stark mit dem heutigen Rechts-Zionismus verbunden ! Antizionismus wird per se als antisemitisch diffarmiert. Und so auch ganze politische Richtungen, die aus ihrer Emanzipationsgeschichte heraus den heutigen Zionismus ablehenen, als eine nationalistische Fehlentwicklung.

    5. Ist der heutige politische Zionismus enger verbunden mit der neuen Rechten als mit irgentwelchen linken Kräften in der Welt. Das aller merkwürdigste ist, die übereinstimmende prozionistische Haltung der neuen Rechten in Europa in Holland, Italien und Frankreich etc, die zu Israels Freunden zählen, und den sogenannten „Antideutschen “ !

    6. Die Nakba der Palästinenser 1948 ist ein Unrecht an Ihnen, die von einem zionistischen Israel begangen wurde. Es war kein Unabhängigkeitskrieg, das sind Mythen. Sebst Benny Morris hat die Massaker in Deir Yassin und anderen Orten bestätigt. Das ist Geschichtsschreibung.

    Fazit: Die Lösung des Palästinakonfliktes ist sicher nicht leicht und ziemlich komplex.. Die Materie kan leicht verwirren, und man kann, wenn man hier mit Begriffen opperiert, die man nicht versteht, in eine Falle tappen. Das machen sich vor allem zionistische Protagonisten zu nutze.
    An eine Zweistaatenlösung glaube ich nicht. Auch wenn ein Mann, wie Uri Avneri dafür eintritt. Israel hat in seiner Besiedlungspolitik alles unternommen, einen künftigen Palästinenserstaat zu verhindern. Das Westjordanland ist dermaßen zersiedelt und mit 500 Checkpoints übersäht, daß hier eigentlich kein einheitliches Staatsgebiet für einen Palästinenserstaat entstehen kann. Die Ironie der Geschichte will es so, daß dann nur noch die Einstaatenlösung möglich ist.

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  5. @Name,

    Ich habe einige israelische Freunde, die vor 20 Jahren und vor noch längerer Zeit von einem gemeinsamen Staat von allen Bewohnern der Region geträumt haben. Keine/r diese Menschen setzt sich gegenwärtig für eine solche Idee ein. Unter Anderem auch deshalb, weil
    eine geografische Karte (auf dem Tuch, das Höger sich umlegen ließ) der Region- mit Staatsgrenzen- aber ohne Israel, doch kein Anschluss an diese Idee ist, sondern eine grafisch umgesetzte Drohung.
    Wegen der Aussagen von Hermann Dierkes gebe ich Dr zum Teil Recht. Dierkes will wohl nicht die prinzipiellen Ausschließungen der Begriffe „jüdisch“ und „demokratisch“ behaupten, allerdings ist es doch auffällig das Hermann Dierkes dieses Maß bei religiöser (Selbst-) Zuschreibungbei anderen Staaten offensichtlich nicht verlangt. Dieses, zweierlei Maß anlegen, ist es was mich so ärgert. Bei vielen Staaten, internationalen Organisationen und Parteien müsste Dierkes ja dann ebenfalls behaupten, das sie nur bedingt demokratische seien.
    Das heißt ja nicht, das ich die Verordnungen und Praxen der Staatsorgane die ungerecht gegenüber Menschen nichtjüdischer (oder anderere ethnischer Kriterien) Herkunft sind, nicht kritisieren will.
    Ich bitte einfach darum, zwei Vorausetzungen bei der Debatte zuzulassen.

    1.) Der Maßstab der an staatliches Verhalten von Israel gelegt wird, gilt in derselben Weise für alle Staaten.
    Israel soll nicht „der Jude unter den Staaten“ sein.

    2.) Der Sprechort spielt eine wichtige Rolle um sich zu positionieren.
    Wenn Norman Finkelstein sich in New York im Flur seines Hauses den Arm zum Hitlergruß erhebt ist er vermutlich bekloppt. Wenn ein DEUTSCHER Politiker vom „läppischen“ Existenzrechts Israel faselt ist er nicht nur bekloppt sondern auch gefährlich.

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  6. eine geografische karte der region auf der israel „fehlt“, zeigt demnach das ganze von israel kontrollierte/besetzte gebiet (also auch „westbank“) plus gaza das immer noch zu einem hohen maß unter israelischer kontrolle steht. eine karte die diese gebiete und das vor-1967-israel optisch voneinander trennt, wird erst recht unbehagen bei israel-verteidigern hervorrufen, einem sehr grossen teil von ihnen wenigstens. echte autonomie oder gar unabhängigkeit wollen die wenigsten davon den palästinensern zugestehen und die (derzeit) regierenden keinesfalls.
    wer fragt eigentlich danach inwiefern palästinenser dies als grafisch oder sonstwie ausgedrückte drohung auffassen?

    die sache mit „jüdisch“-„demokratisch“: es handelt sich hier eben nicht um eine „religiöse“ (Selbst-) Zuschreibung sondern eine ethnische. wenn sich israel als jüdischer staat definiert, bedeutet das nicht in erster linie dass jüdische religiöse feiertage staatliche feiertage sind oder jüdisches kulturelles erbe einen besonderen platz hat, sondern die privilegierung der als jüdisch definierten einwohner zugunsten der anderen. wie encolere, der auch sonst einige gute punkte gemacht hat, geschrieben hat, muss man hier eigentlich mit dem krieg 1948 und den damals vollzogenen vertreibungen (an palästiensern) anfangen. auch das „rückkehrrecht“, also das recht von juden (oder zum judentum übergetrenen) auf einwanderung nach israel wird man in dem zhg. sehen müssen, wenn gleichzeitig von dort stammenden palästinenser auch schon das recht auf besuche verweigert wird.

    zweierlei maß wird oft genug, von verschiedenen seiten, zugunsten israels angelegt.

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  7. Es ist total lächerlich, dass diese Karte, die Frau Höger dort auf einem Schal trug, sowohl von den beiden „Wissenshaftlern“ als auch von der pro-Israel Lobby zu so einem Popanz aufgebaut wird.
    Wenn man sich Karten des israelischen Tourismusministeriums oder jeden x-beliebigen jküdischen Lobbygruppe ansieht, dann sind es die gleichen Karten, nur dass das Land dort Isarel heisst.
    Aber „Existenzrecht“ ist ja offenbar ein Vorrecht der einen Seite

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    1. Eins meiner Hauptanliegen besteht darin, immer wieder darauf hinzuweisen: Es gibt einen Unterschied zwischen jüdisch und israelisch. Wäre es nicht präziser, von einer „x-beliebigen jüdisch-israelischen Lobbygruppe“ zu sprechen – zumal mehr als eine Millionen Israelis gar keine Juden sind?

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      1. Stümmt, und es gibt auch einen Unterschied zwischen israelisch und israelisch und jüdisch und jüdisch.
        Also vielleicht : israelische Nationalisten und rechte pro-israelische Lobbygruppen aus dem christlichen, jüdischen und vormals linksradikalen Spektrum benutzen Karten, die…

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  8. @ Barg Michael

    Allerdings gibt es auch wieder neue Projekte, welche die Idee des einen Staates für zwei Völker aufgreifen. Bekannte haben mir diesbezüglich hoffnungsvolles von der Haifa-Konferenz der http://www.abnaa-elbalad.org berichtet. Ich für meinen Teil halte dieses Modell auf jedenfall für das mit Abstand fortschrittlichste, bloss ist so etwas mit der momentanen Schwäche der Israelischen Linken halt enorm schwer vorzustellen.

    Zu dem Tuch und der restlichen Debatte will ich mir lieber nicht zu viel rausnehmen. Ich lebe in der Schweiz und kenne mich in der deutschen Linken daher auch eher bedingt aus. Worin ich dir natürlich recht gebe, ist die Tatsache, dass wer Israel wegen mangelnder Demokratie oder anderem kritisiert, dies natürlich genauso gegenüber anderen Staaten tun muss, ansonsten wirkt diese Schwerpunktsetzung reichlich seltsam.

    Allerdings habe ich die Debatte in Deutschland auch immer als sehr hysterisch empfunden. Wenn ein Boykott israelischer Waren gleich als Antisemitismus gilt, dann läuft meiner Meinung auch etwas falsch. Man kann ja durchaus darüber diskutieren, aber dann irgendwelche Nazi-Bilder aus den 30er-Jahren als Vergleich heranzuziehen ist doch wirklich absurd. Ich kenne selbst genügend Leute, die israelische Produkte boykottieren, aber keinem von denen würde es in den Sinn kommen, jüdische Läden (von denen gibt es hier in Zürich einige) zu boykottieren. Da wird doch einfach wieder der Fehlschluss Israel=Juden=Israel gezogen.

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