Ablass empfangen im Jahr 2011

Vor gut einer Woche wurde in der katholischen Kirche das Hochfest des Leibes und Blutes Jesu Christi gefeiert. Richtig: Die Rede ist von Fronleichnam. Anlässlich der Feier des „nachgeholten Gründonnerstags“ – an jenem Tag geht es ja auch um das Leib und das Blut Jesu, aber weil Karwoche ist, steht Feiern eben nicht auf dem Plan, übermittelt der für die Katholischen Pfarrgemeinden St. Johannes der Täufer, Lage-Rieste, und St. Paulus Apostel, Vörden, zuständige Pfarrer den Gläubigen im wöchentlich erscheinenden Pfarrbrief  folgende Botschaft:

An den Festtagen dieser Wochen können alle Gläubigen einen Ablass empfangen,
• die am Fronleichnamsfest (23. Juni) an der Prozession teilnehmen und das „Tantum ergo“ beten und singen;
• die beim Kirchenbesuch am Patronatsfest das „Vater unser“ und das Glaubensbekenntnis beten, also auf Lage am
24. Juni (Johanni) und 26. Juni (Kirchweihfest) sowie in Vörden am 29. Juni (Peter und Paul)
• die am Freitag des Herz-Jesu-Festes (1.Juli) beim Gottesdienst das Weihegebet an das Herz Jesu sprechen
• die am 3. Juli beim „Ewigen Gebet“ und der Sakramentsprozession in Vörden teilnehmen.

Ich als Zeitgeist-Katholik, der ja ohnehin dem Werterelativismus allzu oft ins bleckende Maul geschaut haben mag, denke beim Stichwort Ablass ja wieder das Schlümmste. Und ich frage mich: Steht uns eine neue Reformation bevor? Ecclesia semper et nunc reformanda?

Nun, so dramatisch will man es zwischen Rieste und Vörden dann doch nicht verstanden wissen:

Worum geht es beim Ablass? Ein Gebet oder ein gutes Werk ist nicht nur hilfreich für uns selbst. Wir glauben, dass unser
Gebet anderen Menschen hilft und vertrauen uns selbst dem Gebet anderer an. Bei der Gewährung des Ablasses wird
deutlich, dass die ganze Kirche, Lebende und Verstorbene, füreinander vor Gott einstehen.

Ich bin in einer der beiden Pfarreien groß geworden. Und mein Entschluss, Theologie zu studieren, war eine Entscheidung gegen meine Gemeinde: Ich war und bin mir sicher: Kirche ist da, wo Gott in der Welt ist.  Doch als gläubiger Katholik weiß ich auch: Gottes Abwesenheit, die gibt es auch. In einem Milieu aufzuwachsen, wo nicht Gott verehrt wird, sondern die Angst davor, was der böse Nachbar sagen mag – nun, wer bin ich zu sagen, dass Gott ausgerechnet dort abwesend sein soll? Aber: Ich kenne sie noch allzu gut: Diese zutiefst bürgerliche und hasserfüllte Selbstgerechtigkeit, die von ach so vielen gar so rechtschaffenen  Gemeindemitgliedern als Gottesfurcht dargestellt wurde. Meine Eltern haben bis heute darunter zu leiden. Und so drängt sich die Frage förmlich auf: Wo Gott allzu unbesorgt im Munde geführt wird – hat man ihn nicht schon längst verschluckt? Womöglich gar verdaut?

Mein Selbstverständnis als Katholik beinhaltet seit jeher die Überzeugung, dagegen an zu leben: Gegen all jene, die Gott benutzen, um mit seinem Namen die eigene Krankheit als Gesundsein zu verhökern. Gottes Abwesenheit? Überall dort, wo keine Fragen gestellt werden dürfen.

2 Gedanken zu “Ablass empfangen im Jahr 2011

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