Larry Derfner in Gefahr (Bild: Joseph Dana)
Larry Derfner in Gefahr (Bild: Joseph Dana)

Aus dem ARD-Hörfunkstudio Tel Aviv berichtet Tim Aßmann von der Begrüßung, die 120 Teilnehmende an der Aktion Welcome to Palestine von seiten israelischer „Sicherheitsorgane“ im Flughafen Ben Gurion  gestern erleiden mussten. Nicht dass dies irgendwen überrascht hätte:

Flug LH 690 aus Frankfurt kam in der Nacht schon mit Verspätung an, aber auch nach der Landung in Tel Aviv ging es alles andere als zügig. Die israelischen Behörden überprüften alle Reisenden genau und nahmen schließlich 35 von ihnen zur Befragung fest. Allen wurde die Einreise verweigert, weil die Behörden sie für Provokateure halten, die nur gekommen sind, um gegen Israel zu protestieren.

Es wäre ein Leichtes für Israels Regierung gewesen, dem – sich ja leider als allzu wahr erwiesenen und von den AktivistInnen sicherlich einkalkulierten – Vorurteil zu widersetzen, wer bei Ankunft in Tel Aviv-Lod/Lydda den Grenzbeamten gegenüber auch nur andeutet, Gebiete ansteuern zu wollen, wo Palästinenser, unzweideutig gezeigt bekommt, wo der Bartel den Most holt. Wie hätte alle Welt gestaunt, hätte man die AktivistInnen einfach durchgelassen.

Sicherlich, Leute wie meine Wenigkeit hätten sich dann sicherlich darüber geklagt, dass man selbst als Einzelperson schon einiges hat erleiden müssen im Zusammenhang mit Flügen nach Israel bzw. von Israel weg und dass Israel ja ohnehin nur einknickte gegenüber einer größeren Menschengruppe. Doch sei’s drum: Die Rollen waren verteilt und wurden bestens ausgefüllt.

Was also vor den Augen aller Welt vor sich ging und von Fluggesellschaften so verärgert quittiert wird, dass Tim Aßmann flugs das Adverb „inoffiziell“ aus dem Hut zu zaubern sich anscheinend genötigt sah, finden besagte Behörden super und „feiern ihr Vorgehen als Erfolg“. Dümmer geht’s, scheints,  nimmer.

Liest man Tim Aßmanns Bericht von der Verhaftung von 120 Palästina-AktivistInnen am Ben Gurion Airport hat man den Eindruck, ein Szenario mitgeteilt zu bekommen, bei dem alles klar ist. Ein Erlebnisbericht des israelischen Journalisten Larry Derfner wirft allerdings Fragen auf.

Als Reporter für die Jerusalem Post war Derfner anlässlich der Dingfestmachung der Welcome-to-Palestine-AktivistInnen  am Flughafen zugegen. Und nun kommt’s: In seinem Blog kann Derfner nicht umhin, sich bei den oben gescholtenen israelische Sicherheitsorganen zu bedanken: Wäre es nach den Leuten gegangen, die in irgendwelchen zutiefst besorgten Israel-Blogs sicherlich als Gegendemonstranten heroisiert werden dürften – oder es schon worden sind (Herr Mercator! Zugriff!) -, wäre nicht nur den Palästina-AktivistInnen Schlimmeres zugestoßen, sondern auch Derfner selbst:

It’s a good thing those Free Palestine activists got arrested; otherwise, the little mob that formed spontaneously would have punched them up pretty good. […] I was there ostensibly as a journalist, and I was scribbling notes, but I felt cowardly not saying anything to these nationalist hooligans, so I started telling them in Hebrew, “What are these people doing?” The woman who wanted them thrown in the garbage said, “They’re hurting us!” I said, “They’re talking,” and the little mob turned on me, a couple of the men raised their fists. The woman told me, “Go back home, get out of here.” I said, “I live here.” The cops mistook me for a demonstrator, put me in the police van, but when I showed them my press card, they let me go.

Nicht verwunderlich, dass Derfner nur von einem Mob sprechen kann, der sich versammelt hat, um dem Recht des vermeintlich Stärkeren und Lauteren durchzusetzen. Ein Haufen Bescheuerter, die für bare Münze nehmen, was Ministerpräsident Netanyahu und Außenminister Liebermann über die Willkommensaktion, aber auch über die Gaza-Flotte zu sagen nicht unterließen: Alles Antisemiten! Die zweifeln Israels Existenzrecht an. Und nein: Ich spreche hier nicht von sämtlichen Fraktionen des deutschen Bundestags und auch nicht vom US-Kongress. Israel – von der Demokratie zur Mobokratie?

Eine insgesamt äußerst interessante Perspektive, die Derfner, der in der ansonsten bekanntlich erzlikudistischen Jerusalem Post das linke Kleinod Rattling the Cage betreut, im Hinblick auf die beschriebenen Vorgänge am Ben Gurion Airport eröffnet. Was ARD-Korrespondent Aßmann dem ja wohl hoffentlich fassungslosen Publikum hierzulande als „einmaligen Vorgang“, für den die israelischen Sicherheitsbehörden in all ihrer Dusseligkeit verantwortlich zeichnen, schildert, was sowohl von israelischer Seite aus, wie auch von Seiten der AktistivistInnen sicherlich genauso erwartet worden war und was bei tagesschau-Online-Konsumenten zu nicht wirklich überraschten Kommentaren geführt hat, sieht Derfner anders:

Let me repeat – the police started off arresting the demonstrators, but very shortly their main task was to keep them from being assaulted. They had to hold back the herd = and that’s what these people were, a herd incited by the idea that these protesters, non-violent protesters trying to get to the West Bank, were a menace, an immediate threat to their security.

And I do not buy the idea that these people are helpless pawns being manipulated by the government, the media, the right-wing politicians. Most Israelis, even if they wouldn’t join a mob like the one at the airport, want to hear the belligerent rhetoric the opinion-makers are feeding them. They hate anybody who says anything bad about Israel, and take their words automatically as “blood libels.” The opinion-makers know this, and the ones who are popular and want to stay that way tell the people what they want to hear.

Bleibt nun die Frage: Haben israelische „Sicherheitsbehörden“ sich nicht etwa als Trottel, sondern sich als rettende Engel erwiesen? Von Personen, die den Zielen und Praktiken der israelischen Regierung gegenüber kritisch eingestellt sind? Vor einem Mob, der sich genau die hasserfüllten und angsterzeugenden Parolen führender Politiker des Landes zu eigen gemacht hat?  Wenn die Verhaftung der 120 Palästina-AktivistInnen ein voller Erfolg war  – so müsste man fragen: für wen? Für den Staat Israel und seine gegenwärtigen Verfechter? Dann bliebe ich bei meiner oben aufgestellten These: Alles Trottel! Für all jene, die Demokratie für etwas Anderes halten als den Extremismus der Mächtigen? Dann würde ich alles widerrufen.

Wenn der Mob, der Larry Derfner ans Leder wollte, für das momentane Klima steht, in welchem die israelische Gesellschaft um Atem ringt, so sind Palästina-AktivistInnen wie die 120 Verhafteten mehr als ein frischer Wind. Wie meint Derfner selbst: „They’re bringing oxygen to a suffocating nation.“

5 Gedanken zu “Ben Gurion Airport: Ringen um Sauerstoff

    1. Vielen Dank! Auch Peter Novaks Artikel zum Thema ist lesenswert. Am Ende schreibt er:

      Da die Aktivisten ihre Absichten vorher öffentlich bekannt gegeben haben, hatten die israelischen Behörden auch Zeit für Gegenmaßnahmen. So wurden Namen der Aktivisten an die Fluggesellschaften weitergegeben, bei denen die Solidaritätsreisenden ihre Flüge gebucht hatten. Diese verweigerten daraufhin den Transport.

      Was aber von den Aktivisten als Maßnahmen der proisraelischen Lobby denunziert wurde, zeigt sich eher als eine Maßnahme, wie sie auch im Vorfeld von Protesten bei politischen Großevents wie G8- oder Natotreffen praktiziert und mit Recht kritisiert wurde. Nur fällt im Fall der Palästinaflüge die explizit antiisraelische Note ihrer Stellungnahmen auf, während bei Zurückweisungen bei Gipfelprotesten gegen die staatliche Maßnahmen nicht speziell gegen ein bestimmtes Land protestiert wurde.

      Zumindest bedenkenswert, oder?

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      1. findest du? ich schätze dich und deinen blog ja, sonst würde ich mich nicht hier „herumtreiben“, aber deine bewertung dieses kommentars kann ich nicht nachvollziehen. gegen wen soll sich die stellungnahme der betroffenen und der mit ihnen solidarischen denn richten bzw. wen sollen/dürfen sie kritisieren? wer hat diese maßnahmen geplant und ausgeführt wenn nicht der israelische staat? wäre etwas anderes wenn andere staaten (und nicht bloß fluggesellschaften, welche dem israelischen druck nachgaben) in dem fall wie israel gehandelt hätten, dann wäre es tatsächlich auffällig gewesen, einen der „akteure“ herauszustreichen. bedenklich, eher grotesk, finde ich es, hier etwas „antiisraelisches“ im sinne von „ungerechte behandlung/beurteilung“ zu konstruieren.

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        1. Danke für Deine Wertschätzung! Mir geht es in meinem Blog aber auch um verschiedene Perspektiven und Wahrnehmungsweisen, und sowohl Larry Derfner als vor Ort Betroffener – nicht so betroffen wie Palästinenser, aber immerhin direkt dem Hass eines – wenn auch kleinen – Mobs ausgesetzt, als auch Peter Novak bieten mal was Anderes. Ich bleibe dabei: Die Flytilla-Aktion als Ergänzung der Flotilla-Aktion ist zu unterstützen, aber die Szenen am Flughafen waren absehbar und damit einkalkuliert. Eine schöne Aktion, um auf das Unrecht, das den Palästinensern Stunde um Stunde wiederfährt, und das ist ja auch schon was. Aber auch wieder mal eine schöne Gelegenheit, in Sachen Israel-Palästina Freund-Feind-Unterscheidung zu betreiben. Auch okay, aber nicht wirklich aufregend.

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