Von Wilders bis Broder, von Palin bis Bush, von Wertmullah bis Pünjer, von der Welt bis zur Titanic – Susann Witt-Stahls Hintergrund-Beitrag mit der martialischen Überschrift „Sieg oder Holocaust“ versammelt wahrlich die Pro-Israel-Allstars. Gruselig! Nicht nur gelingt es ihr auf recht überzeugende Weise, die operettenhaften Denkschemata und den selbstherrlichen Rassismus gegen Palästinenser und andere „Nazis“ treffend zu beschreiben und verschiedene Richtungen zu porträtieren. Der Autorin kommt das Verdienst zu, auf besonders deutliche Weise nachvollziehbar zu machen, dass maßgebliche Akteure des radikal pro-likudistischen Lagers nicht etwa versehentlich, sondern mit voller Absicht, gewissermaßen denkenden Kopfes, genau jene Opfer in den Dreck ziehen, um die es doch eigentlich gehen soll:

„Seit Adolf hat sich bei den Rechten einem Naturgesetz gleich nichts zu verändern – und basta“, beschreibt
einen seines Erachtens unter Antifas verbreiteten Irrtum. „Die Pro-Israel-Haltung, die sich dort breitmacht, könnte nicht nur einer Rechten, wie wir sie kannten, das Ende bereiten. Zugleich ist sie es, um es mit Walter Benjamin zu sagen, die sich offensichtlich einer Erinnerung bemächtigt, wie sie im Augenblick einer Gefahr aufblitzt. Denn im Gegensatz zur Linken scheint sie im Kampf gegen die neue Gefahr an der Seite Israels in erster Linie auf die Verteidigung der Freiheit des Einzelnen, und nicht wie die Linke auf das Völkerrecht, also auf das Kollektiv zu setzen“, freut sich [Bahamas-Autor Sören] Pünjer. „Dieser Unterschied ums Ganze lässt sich in der Jerusalemer Erklärung nachlesen.“

Walter Benjamin hatte seine geschichtsphilosophischen Thesen als Grundlage einer Theorie entwickelt, „von der aus der Faschismus gesichtet werden kann“. Dass  Pünjer ausgerechnet mit seinem Werk für Sympathie mit Rechten wirbt, die gern mal die Hand zum Kühnen-Gruß (einer in Österreich legalen Variante des Hitler-Grußes) heben und der Meinung sind, dass die Wehrmachtsdeserteure „oftmals Mörder gewesen“ (Heinz-Christian Strache) und daher eine Diskussion über die Aufhebung der NS-Unrechtsurteile gegen sie nicht angemessen sei, ist makaber.

Aber Pünjer begnügt sich nicht mit der Besudelung der Opfer des Faschismus, zu denen auch Walter Benjamin zählte. Bereits im vergangenen Jahr bekundete er Zuneigung für das militante Fußvolk der Neuen Rechten, die bevorzugt Muslime schlagende Verbindung English Defense League (EDL): eine aus Fascho-Hooligan-Netzwerken und dem Umfeld der British National Party entstandene Bewegung, deren Mitglieder sich als Wahrer der westlichen Zivilisation auserkoren fühlen und auf ihren Demonstrationen das Sankt-Georgs-Kreuz (das Symbol der Kreuzzüge) und Israel-Fahnen mitführen.

Scharf kritisiert Witt-Stahl die Haltung gar so vieler (vermeintlicher) Israel-Freunde gegen die internationale Kampagne Boycott – Divestment – Sanctions (BDS). Dabei benutzt sie den Ausdruck der „demagogischen Überdehnung“, wenn sie besagte Position wie folgt umreißt:

Der Aufruf zum wirtschaftlichen Boykott Israels schüre „antisemitische Vorurteile“ und „knüpft an die NS-Parole ,Kauft nicht bei Juden’ an“ – so werden in einem Begleittext einer von „antideutschen“ und anderen Mitgliedern des rechten Flügels der Linken initiierten Unterschriftenaktion gegen BDS gleichzeitig Nazi-Verbrechen verharmlost und Judentum mit Israel gleichgesetzt.

Wahrscheinlich hätte es den Rahmen gesprengt, aber an dieser Stelle vermisse ich eine Erläuterung, was an einer solchen Kritik an BDS so verwerflich, so „demagogisch“ überdehnt sein soll? Man muss kein (anti-)deutscher Extremist sein, um mit dem Blick auf deutsche Geschichte Anliegen und Strategie reserviert gegenüberzustehen. Genau das habe ich in diesem Blog desöfteren entsprechend artikuliert. Damit soll nicht gemeint sein, dass BDS sozusagen automatisch gleichzusetzen sei mit tumben SA-Leuten vor jüdischen Kaufmannsläden in den 1930er-Jahren. Ich bin Peter Ullrich sehr dankbar, dass er mir hier zur Hilfe kommen kann:

Der Rahmen jeder politischen Diskussion ist von vielem abhängig, zum Beispiel von den jeweiligen historischen Prägungen. Und die sind in Deutschland mit seiner NS-Vergangenheit nun einmal besondere. Deshalb wird man einen Aufruf unter der Überschrift „Boykottiert Israel“ hier anders bewerten müssen – die assoziative Nähe zur antisemitischen „Kauft nicht beim Juden“-Kampagne der Nazis ist einfach nicht wegzudiskutieren. Dass es einen international akzeptierten Boykott von Waren aus den von Israel besetzten Gebieten gibt, der nicht antisemitisch motiviert ist, ändert daran nichts, sondern zeigt, dass die Komplexität der Situation sich einfachen Urteilen entzieht und viel Gespür und Abwägen verlangt.

Was Peter Ullrich als „historische Prägung“ bezeichnet, hat Thomas Ebermann, einer der ganz wenigen verbliebenen respektablen Antinationalen/Antideutschen – noch dazu der ersten Stunde -einmal „Sprechort“ genannt. Nicht dass das von Ullrich angemahnte „Gespür“ nun in der pro-zionistischen Querfront von Gremliza bis Strache nun wirklich zu finden ist – aber im Zusammenhang mit BDS geht die Autorin nach meinem Geschmack eine Spur zu wurstig über ebendiesen Hinweis hinweg. Pünjer macht gemeinsame Sache mit österreichischen Neonazis, also kann auch der historisch bedingte mahnende Zeigefinger in Sachen Israel-Boykott getrost ignoriert werden. Was momentan an Anti-Boykott-Gesetzgebung von seiten der israelischen Regierung in die Wege geleitet wird, ist skandalös, ändert aber nichts an meiner Skepsis gegenüber BDS.

Insgesamt aber eine lohnende, ja notwendige Lektüre, die Susann Witt-Stahls Artikel bietet. Wem danach noch zum Spielen zumute ist, dem sei der Gesinnungstest bei den Einzigwahren Freunden wärmstens empfohlen.

2 Gedanken zu “Susann Witt-Stahls pro-israelische Allstar-Truppe

  1. Sicher ist die Boykott-Kampagne nicht unproblematisch. Aber sie bezieht sich m.E.
    zum großen Teil auf in den besetzten Gebieten von Israelis hergestellte Waren. Selbst in Israel versucht man die Aufrufe dazu zu kriminalisieren. Es ist ein gutes Beispiel für eine der zugespitzten Diskussionen, bei denen wahrscheinlich bei jedem der Diskutanten ein ganz persönlicher Knackpunkt erreicht wird, an dem er Antisemtismus feststellen will. Das beste Beispiel für die Verwirrung um diesen Begriff, bei dem es scheinbar keine objektiven Kriterien mehr gibt, sondern nur noch Projektionen.

    Hier im übrigen ein schönes Beispiel dafür, wie proisraelische Lobbyarbeit vor Ort, in diesem Falle in der Schweiz, organisiert wird.

    http://www.infosperber.ch/data/attachements/WigdorovitsSchweizIsrael.pdf

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    1. danke für den link. immer dasselbe: man stellt sich als opfer und underdog dar, und jede wahrnehmung von opfern auf palästinensischer seite als ausdruck verzerrter wahrnehmung und von vernichtungswünschen gegenüber juden, welche dem gleichen geist wie der holocaust entsprängen. auf diese weise kann man auch ablenken von den wahren gräben/konfliktlinien im innerjüdischen/innerisraelischen kontext. gnädigerweise hat de winter neben dem unvermeidlichen darfur auch den bürgerkrieg im kongo genannt. denn darfur dient in diesen kreisen üblicherweise dazu, jede israelische aggression zu relativieren und „israel-kritikern“ eine „antisemitisch motivierte“ gestörte wahrnehmung zu unterstellen. zumal dort auf der einen seite vermeintlich wieder araber involviert sind (dabei ist gerade im fall sudan zu sehen dass „araber“ nicht eine sich über viele länder erstreckende ethnische gruppe bedeutet, hat man es dort doch in erster linie mit arabisierten nubiern zu tun). das übliche links-liegenlassen von den ebenso blutigen inneren kriegen in kongo oder ruanda zeigt dass sudan/darfur nur gleichgültiges kanonenfutter in der hasbara-argumentation ist.

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