Atmosphäre erzeugen

Den Osloer Massenmord habe ich natürlich mitbekommen – weit weg vom Computer. Seit einer Woche haben wir in NRW Sommerferien, und so hatte ich Besseres zu tun als meine Sicht der Dinge in Bezug auf Anders Breivik ins Netz zu schießen. Nicht nur schleppe ich mich mit einer fetten Bronchitis herum. Diese hinderte mich nur unzureichend daran, im Garten herzerreißende Ungeschicklichkeiten nicht zu unterlassen, mit meiner Frau diverse Baby-Kaufhäuser und -abteilungen zu durchforsten und mich in die Lektüre eines Romans zu vertiefen, dem ich eigentlich von Anfang an mit aktiv und inbrünstig empfundenem Argwohn gegenüberstand. Schon Jonathan Franzens Erstlingsroman The Corrections war seinerzeit – 2001 – mit soviel Vorschusslorbeeren überhäuft worden, dass einem ganz anders wurde. Und bei Freedom sah es, wenn ich mich nicht irre, auch nicht so anders aus. Nun, die Wahrheit ist: Ich bin ein durch und durch neidischer Mensch, der selber nach Anerkennung, und sei sie auch noch so sehr aus der Luft gegriffen, giert und schmachtet. Und: Franzen ist ein genialer Autor. Und sei es nur in meinem Bücherkosmos. Franzen schafft es nämlich, dass ich meinen Neid und meine Ressentiments gegen dieses Hätschelkind des angloamerikanischen Literaturbetriebs, diesen Klischeeintellektuellen mit Lederflicken auf dem Cord-Ellenbogen, runterschlucke – und nicht aufhöre zu lesen, lesen, lesen. Sicherlich könnte ich hinzufügen, dass mich Franzens Charakterbeschreibungen sehr berühren und auch die Art und Weise, wie er Atmosphäre bzw. Störungen derselben zu inszenieren im Stande ist, mich begeistert – aber ich als Blogger bin zunächst einmal Narzist, und so halte ich mal lieber die Bälle flach: Jonathan Franzen bringt mich dazu, meine eigenen Vorurteile nicht als liebenswerte Grenzüberschreitungen abzutun – sondern sie mit dem Werk eines Genies uz konfrontieren. Das Genie ist er selbst.
Frantzen ist ein gefragter Mensch. Selbst im Litertaturteil der Welt konnte man schon seine Hornbrille bewundern. Ja, genau, ich komme auf die Welt zu sprechen. Und auf die Tatsache, dass in diesem Blatt seit Jahren das betrieben wird, was man gern als „Atmosphäre schaffen“ und „Boden bereiten“ beschreibt, wenn es um jene Weltanschauung geht, die man – möglicherweise ein Mü zu vereinfachend – als „Islamophobie“ beschreibt. WO wir gerade dabei sind: Es geht also um eine Islamfeindschaft, die gar nicht erst davor gewarnt werden muss, sie könne in den Rassismus abgleiten, denn: Sie soll gelten als Ausdruck tiefster Sorge um den Staat Israel. Genau darüber habe ich auf dieser Website schon so manchen Gedanken endgelagert. Deutliche Worte zur Arbeit der Welt findet die Islamwissenschaftlerin Sabine Schiffer im Gespräch mit der taz:

Das Blatt ist führend in Sachen Islamfeindlichkeit und dem damit verbundenen neokonservativen Denken. Denken Sie nur an Texte von Mathias Döpfner, Andrea Seibel oder Leon de Winter. Hinter der vordergründigen Unterscheidung: Wir kritisieren nicht den Islam, sondern nur den Islamismus findet sich stets die Botschaft vom Muslim an sich als potenzielle Gefahr für das Abendland. Der 11. September wird als Kriegserklärung an „uns“ gewertet, so dass nur mehr die Frage bleibe, ob wir den Kampf annehmen oder nicht, und wenn wir das nicht tun, ob es „uns“ dann morgen noch geben wird. Das könnte fast aus der Feder des Terroristen stammen.

Ist es nun Hilflosigkeit, Verblendetheit oder Blindheit, wenn hiesige Politiker und unsere sattsam bekannten Experten bei dem Versuch versagen, Breiviks Verbrechen und seine, ähem, „Ideologie“ mit bisher als funktionabel geltenden Kategorien zu beschreiben? Mit Absicht wähle ich das Wort Blindheit, denn, so Schiffer:

Dieses Schema funktioniert so nicht mehr. Es gibt heute einen Rechtspopulismus, der sich in vermeintlicher Solidarität mit Israel gegen die Muslime im Allgemeinen richtet und ansonsten alle Elemente des Rechtsradikalismus aufweist.

Ohe, „Solidarität mit Israel“. Warum muss ich ausgerecnet jetzt an Oliver Polak denken… „Ich bin Jude. Ich darf das“
U.a. hier ist der Grund zu finden, warum die vor Rassismus nur so schäumende Website PI vom Verfassungsschutz nicht unter die Lupe genommen wird: Wer sich zur transatlantikschen Freundschaft und zur Solidarität mit Israel, sowie zum Freiheitlichen Ordnung der Bundesrepublik bekennt, kann kein Extremist sein? Christian Rath kann man nur zustimmen:

Blogs wie „politically incorrect“ beschreiben nicht nur Integrationsprobleme, was völlig legitim ist, sondern sie präsentieren Muslime als gefährliche Fremdkörper, die einer angeblich verbrecherischen Religion den Weg bereiten. Sie warnen vor einer scheinbar übermächtigen Bedrohung, einer muslimischen Machtübernahme, einem Bürgerkrieg. Diese Hetze erinnert fatal an den Antisemitismus und ist deshalb alles andere als harmlos. Wer darin keine Bedrohung des friedlichen Zusammenlebens in Deutschland sieht, muss schon ziemlich blind sein.

USA/Israel hin, Grundgesetz her. Und noch etwas: In Bezug auf „Israelsolidarität“ rechts der Linkspartei benutzte Genova 68 neulich in diesem Blog das Wort Heuchelei. Angesichts von Leuten wie Breivik und vor dem Hintergrund eines ganzen, politisch mittig sich positionierenden, publizistischen Milieus, das es geschafft hat, „Solidarität mit Israel“ einerseits als moralisch positiv zu besetzenden – um nicht zu sagen: okkupierenden – Begriff zu pflegen, diesen Begriff aber gleichfalls substantiell zu füllen mit einem Hass gegenüber allem, was sich ausnimmt als irgendwie „orientalisch“, „arabisch“, „islamisch“, „muslimisch“ etc. – ist da „Heuchelei“ nicht ein viel zu milder Begriff?
De Winter, Sarrazin, Schwarzer, Broder, Giordano und Konsorten, sowie ihre Adjutanten auf der (vormals) linken Seite (konkret, Jungle World, iz3w etc.) dürfen sich bei Anders Breivik bedanken: Islamhass und Rassismus werden sich in Zukunft nicht mehr so recht verkaufen lassen. Spiegel, stern und Focus werden es sich dreimla überlegen, ob sie ihre neuesten Ausgaben mit Titelbildern „veredeln“, auf denen unverhohlen Angst gemacht werden soll vor „dem“ Islam. Koran = Mein Kampf? Islam = NS? No way! Oder wie sagte es Hape Kerkeling in einem seiner frühen Sketche: „Von Wegen. Norwegen!“ „Terrorexperten“ wie Ulfkotte und Theveßen. tja, muss ich noch mehr sagen?
Was aber bedeutet es, wenn künftig von „Solidarität mit Israel“ die Rede ist? Detlef Kuhlbrodt zeigt sich – ebenfalls in der taz – angeekelt nach der Lektüre von Breiviks „Manifest“:

Man liest die Passagen über Autoren und Themen, die man selber studiert hat, über die Frankfurter Schule, Dekonstruktivismus, Derrida und fühlt sich dabei unsittlich berührt. Länger als eine Stunde hielt ich es nicht aus, darin zu lesen.

Müss nicht jeder, dem es um den Staat Israel geht, um dessen Gegenwart und Zukunft, um dessen Demokratie und das Wohlergehen aller seiner Bürger, nicht ähnlich gehen, angesichts solcher Passagen aus Breiviks Konvolut:

Let’s end the stupid support for the Palestinians that the Eurabians have encouraged, and start supporting our cultural cousin, Israel…(page 338)

I believe Europe should strive for:

A cultural conservative approach where monoculturalism, moral, the nuclear family, a free market, support for Israel and our Christian cousins of the east, law and order and Christendom itself must be central aspects (unlike now). Islam must be re-classified as a political ideology and the Quran and the Hadith banned as the genocidal political tools they are…(page 661)

A public statement in support of Israel against Muslim aggression should be issued, and the money that has previously been awarded to Palestinians should be allocated partly to Israel’s defence, partly to establish a Global Infidel Defence Fund with the stated goal of disseminating information about Muslim persecution of non-Muslims worldwide.

Hartmut hat natürlich recht: Leute wie Broder oder Leon de Winter, die nur eine bestimmte Atmosphäre erzeugt haben, sind eben nicht in einen Topf zu werfen mit einem wie Breivik. Und auch Larry Derfner liegt nicht daneben: Selbst die rechtesten unter den rechten Parteien in Israel tragen keine Verantwortung an den Verbrechen von Oslo. Aber: Von der Bettkante würden sie einander auch nicht stoßen… Ohne Atmo keine action

10 Gedanken zu “Atmosphäre erzeugen

  1. Ohne atmo keine action, so ist es. Ich glaube nicht, dass es da im einschlägigen Spektrum ernsthafte Dissonanzen gibt. Man muss diese Verbindung bei Bedarf gut begründen können. Aber wer nur mal Broders „Hurra, wir kapitulieren“ überfliegt, bekommt einen deutlichen Eindruck von dieser atmo. Und sowas lesen ja eh nur Leute, die gefährdet sind.

    Mal sehen, was Hartmut zum Thema noch schreiben wird.

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    1. Ohne nun rumschleimen zu wollen, aber Hartmuts und auch Deine Überlegungen zu Broder und Breivik halte ich für äußerst lesenswert, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis ich auch mal wieder einen Deiner Beiträge hier verlinke🙂.

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  2. In höchster Not und äußerster Gefahr die Lage immer nur zu beschreiben ohne zu handeln, ja selbst nicht einmal ein mögliches Handeln wenigstens zu formulieren, ist eine zum Irrsinn gesteigerte Inkonsequenz.
    Breivik war davon schlichtweg genervt, und so beschreibt er es auch selbst: Er war es leid, immer nur die Situationsanalysen zum x-ten mal vorgelabert zu kriegen, aber nichts geschieht.
    Breivik hat – nachvollziebar, rational und fern jeden Wahnsinns – die als schmerzlich empfundene Wunde der Praxislücke geheilt.

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  3. Eins vorweg: Ich bin mir ziemlich sicher, dass „die Broders“ keineswegs ein solches Blutbad wollten. Der Attentäter scheint aber zurechnungsfähig zu sein, er hat über Jahre hinweg die Littmans und Wilders gelesen, scheint, mit dem einen oder anderen von ihnen sogar virtuellen Kontakt gehabt zu haben (siehe http://www.youtube.com/watch?v=9xwz3JQ1aac), er hat sich in seinem Bekennerschreiben positiv auf sie bezogen, hat gemeinsame Ideale mit ihnen gehabt. Daher werden sich diese schon gefallen lassen müssen, dass man sich mit ihrer Wirkung kritisch auseinandersetzt, aber auch mit ihren Inhalten. In Norwegen hat es seit dem 2. Weltkrieg nichts derartiges an Gewalt gegeben, und wenn der Attentäter in seinem Bekennerschreiben beispielsweise von „Eurabia“ faselt, muss es wenigstens jetzt erlaubt sein, sich dieses „Konzept“ und seinen Urheber etwas genauer anzusehen. Schliesslich gibts auch nach jedem Amoklauf mit Jugendlichen, die gewalttätige Videospiele konsumierten, eine Diskussion über diese und nach jedem islamistischen Attentat im Westen eine Islam-Diskussion. Natürlich sind die Broders um ihre Reputation besorgt (Reputation und Resonanz bekamen sie übrigens in Folge anderer, islamistischer Gewalttaten), stellen Breivik als einzelnen Spinner dar, der seine Gewalt rational (mit ihren Inhalten!) zu begründen versuche

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    1. Dass Broder und Co. soetwas nicht gutheißen, dessen bin ich mir sicher. Die Frage ist nur, ob sie in sich gehen werden und ihre eigene Methode überdenken werden. Der gesellschaftlich mittig verankerte Hass auf alles, was irgendwie „orientalisch“ daherkommt, wurde m.E. auch sehr stark nach dem Motto „Wir sagen das, weil wir es können“ praktiziert. Solange Broder als der große Tabubrecher daherkommen konnte, der seine durch und durch bürgerlichen Leser allesamt als Rebellen und echte Helde umschmeicheln konnte, funktionierte das. Nun wendet man sich womöglich ab, denn: Broder und Breivik – das fängt ja beides mit „br“ an… Es sei denn, Broder findet ein neues Zielobjekt, frische Beute, um seine Methode weiterhin anzuwenden.

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  4. Diese ganze rassistische sogenannte Israelfreundschaft Konservativer bis ganz Rechter ist von Springer und seinem Freund, dessen affirmativen fetten Wehrmachtsschund wir als Schüler in den Siebzigern lesen konnten, Paul Carell bzw. Paul Karl Schmidt konzeptioniert worden, von dem eigentlich.
    Wenn man schon nicht aller Juden habhaft geworden war, kann man wenigstens Israel benutzen; man muss nur sprachlich etwas kurbeln. Das machen sie intensiv.

    „Paul Carell (eigentlich Paul (Karl) Schmidt; * 2. November 1911 in Kelbra; † 20. Juni 1997 in Rottach-Egern) war SS-Obersturmbannführer, Pressesprecher von Außenminister Joachim von Ribbentrop und nach 1945 ein erfolgreicher Buchautor und Journalist bei der „Zeit“ und dem Magazin „Der Spiegel“. Ab 1993 gibt es auch die Eigenbezeichnung „Carell-Schmidt“, z. B. auf der Gründungsurkunde der Hans-Filbinger-Stiftung, der Trägerin des Studienzentrums Weikersheim. (…)“ Wikipedia

    Wigbert Benz dazu zu lesen, ist irgendwie sehr finster.

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