Hat Jonathan Franzen Walt/Mearsheimer zum Sieg verholfen?

Die Frage im Titel zu beantworten – das lasse ich mal lieber.

Ich hatte ja erzählt, dass ich gerade Freedom von Jonathan Franzen lese. Die Charaktere begleiten mich momentan überall hin, und wann immer es geht, schaue ich in mein zunehmend zerlesenes Buchexemplar dieses großartigen Romans. Die amerikanische Gesellschaft im 21. Jahrhundert, ihre geistigen Wurzeln, ihre Sehnsüchte, Ängste, Obsessionen, Kämpfe und Niederlagen – all das versinnbildlicht am Beispiel des Ehepaars Berglund, ihrer Kinder und engen Freunde. Reibungen, Reibungsverluste, Generationskonflikte, die in ideologische Grabenkämpfe ausarten – nach wie vor, und ich habe jetzt gut 380 Seiten gelesen – bin ich begeistert und kaum gelangweilt von Detailinformationen über Walters Lieblingsvogel, den Pappelwaldsänger (Cerulean Warbler). Was mich als befindlichkeitssensiblen Zeitgenossen besonders aufhorchen lässt, ist Franzens gelegentlich anklingende Kritik an amerikanischen Neocons. Pattys und Walters Sohn Joey nimmt zu Thanksgiving an einem Essen bei den Eltern seines College-Zimmergenossen Jonathan teil. Dieser ist ganz begeistert darüber, dass Joey jüngst damit begonnen hat, sich mit seiner eigenen jüdischen Identität zu beschäftigen, und schwört ihn ganz auf die Werte seines (Jonathans) Elternhauses ein. Jonathans Vater leitet einen Think Tank in Washington und hat es aufgrund seiner vorzüglichen Kontakte zu Reichtum und Einfluss in den allerhöchsten Kreisen gebracht. M.J. Rosenberg erkennt in der Figur von Jonathans Vater Norman Podhoretz, und am Essenstisch formuliert der nicht mehr ganz junge Herr des Hauses auch gleich seine neokonservativen Vorstellungen von der Zukunft einer durch und durch amerikanisch befriedeten Welt aus. Eigentlich geht es imer um Israel. Wir schreiben das Jahr 2004, noch wird Amerika regiert von Bush-Cheney. Und obwohl der Irakkrieg als Mission Accomplished bereits gefeiert worden ist, ist er ein wichtiges Thema.

Sehr interessant, das. So interessant, dass der bereits erwähnte M.J. Rosenberg sich veranlasst sieht, ein weiteres wichtiges Buch ins Spiel zu bringen. Von der fiktionalen Erzählliteratur kommen wir nun zur politischen Literatur. Die Tatsache, dass Franzen der Darstellung und Problematisierung neokonservativen Gedankenguts – auch und gerade in Bezug auf Israel – in Freedom einigen Raum zugesteht, führt Rosenberg zu der Diagnose: Stephen Walt und John Mearsheimer ist endgültig der Durchbruch gelungen – ein Durchbruch, wie ihn Verkaufscharts nicht nachzuweisen in der Lage sind. Richtig, die Rede ist von The Israel Lobby. Die Beschreibung des proisraelischen Milieus in und um Washington, wie Franzen sie in seinem jüngsten Roman vornimmt, zeigt, nach M.J. Rosenberg: Walt und Mearsheimer haben gewonnen:

Nobody much argues about the role of the neocons in promoting Middle East wars.

The bottom line is that Walt-Mearsheimer triumphed despite the obvious flaw in their own thesis i.e, that the lobby could stifle critics of Israel. They can — but not if the critics are respected and well-known academics or journalists. The lobby was able to get many of their speaking dates cancelled, were able to plant unfriendly reviews everywhere and were able to have them universally smeared both personally and professionally.

But, in the end, they won the day. And, no, the lobby will not be able to shut Franzen down. It only goes after those it considers vulnerable. They thought Walt and Mearsheimer were but they weren’t. Franzen, the biggest author in America, is untouchable.

And so a „thesis“ once thought shocking becomes uncontroversial although dealing with the reality of it is more necessary than ever. They want an Iran war even more than they wanted to invade Iraq. I am grateful to Franzen for aiming his powerful searchlight at this bunch.

Nicht ganz so dankbar zeigt sich Adam Kirsch, Kolumnist für The New Republic. Er glaubt, in Jonathans Vater den Philosophen Leo Strauss erkenen zu können, einen der Gründerväter neokonservativer Philosophieversuche. Den typischen Franzen-Leser porträtiert Kirsch als einen Leser von Nation oder LRB, als unverbesserlichen Linken und Sympathisanten von Verschwörungstheorien. Und dreimal darf geraten werden, welchen Vorwurf Kirsch am Ende seines Beitrags an die Adresse Franzens äußert. Zugegeben, das Wort, um das es eigentlich geht,  benutzt er nicht. Aber das muss er auch gar nicht:

What’s important is that, in fictionalizing this left-wing conventional wisdom about Strauss, the Jews, and the Iraq war, Franzen is spreading it to a much wider audience—complete with images of a wizened, cranially distorted Jewish puppetmaster, who cynically chuckles about how “we” control the U.S. government from behind the scenes.

Mit anderen Worten: Bollocks. Schon jetzt freue ich mich auf den großen Schlüsselroman zur „islamkritischen Szene“ in Deutschland – und auf die Rezensionen in den einschlägigen Organen. Na, ob sich jemand finden wird, der einen Antisemitismusvorwurf derartig gekonnt zu formulieren weiß wie ein Adam Kirsch? Verdammt, jetzt habe ich’s verraten…

Genug des Schwafelns. Vorm Schlafen will ich weiter lesen…

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