Noch mehr zu Breivik, Islamfeindschaft und Israelsolidarität

Eigentlich könnte Anders B. Breivik einem leid tun: Jene Mitte der europäischen Zivilisation, für deren Bestand er sich bereit erklärte, in Oslo im Regierungsviertel bzw. in einem Zeltlager diverse Blutbäder anzurichten, und ebendiese Bereitschaft auch in die Tat umsetzte, jene Mitte erklärt ihn jetzt zum Einzeltäter. Mittlerweile dürfte klar sein: Der Boden, der Breivik unter den Schuhen weggezogen wurde, war der rote Teppich, den ihm die Kulturkämpfenden des sog. „jüdisch-christlichen Abendlandes“ ausgelegt hatten. Einige der Lautesten dieses Clubs sitzen in diesem unserem Lande. Auf der einen Seite ist Genova 68 beizupflichten:

Broder und Co. fördern die braune Verseuchung der Gesellschaft, die dadurch – und begünstigt vom neoliberalen Denken allgemein – wächst. Die Fraktion Broder streut und bedient dabei das Ressentiment und lebt gut von ihm, gerne humorvoll, gerne gut geschrieben, vor allem „querdenkend“, was heute so viel heißt wie: der „schweigenden Mehrheit“ entsprechend. Die Fraktion „Dr. Sarrazin“ gibt den vermeintlich versierten Statistiker, der, dem neoliberalen Bildungskonzept entsprechend, einfach recht hat, weil er ganz, ganz viele Zahlen präsentiert und weil ein „Dr.“ vor dem Namen steht.

Mit der braunen Verseuchung der Gesellschaft hat er deshalb so recht, weil diese Leute eben nicht den Fehler gemeiner Nazi-Trollos begehen, d.h. sie beschwören eben nicht den nationalen Widerstand gegen das „verjudete“ System mit seinem „Debattierclub“ Bundestag. Was diese Leute so gefährlich macht, ist, dass sie sich auf das berufen, was man als das geistige Rückgrat der Bundesrepublik bezeichnen könnte: Ja zum freien Westen, ja zur deutsch-amerikanischen Freundschaft – ja zum Staat Israel. Dass dieser Trick funktioniert, hat das Bundesamt für Verfassungsschutz kürzlich erst eindrucksvoll bewiesen: Zwar lässt man in einigen Bundesländern die Linkspartei beobachten, aber das rassistische Anti-Islam-Portal PI wird (zunächst noch?) verschont, denn:

Schließlich sei das Blog proisraelisch, proamerikanisch und bekenne sich nachdrücklich zum Grundgesetz.

Interessant, was Genova68 über PI hat in Erfahrung bringen können:

Na, an was erinnern diese Beschreibung und die Zitate Breiviks? Klar, an die glorreichen Kameraden von pi-news, dem antiislamischen, rassistischen und vorgeblich israelfreundlichen Blog des Kölner Sportlehrers Stephan Herre. Der schließt sich den Aussagen Breiviks an. Der Blog bemerkt: „Was er schreibt sind großenteils Dinge, die auch in diesem Forum stehen könnten.“

Auf der anderen Seite lohnt es sich, noch genauer hinzuschauen: Es geht ja nicht allein um Islamfeindschaft. Was mich interessiert, ist die Sache mit der Israel-Solidarität bzw. die Lovestory, die alles und jeder, das bzw. der irgendwie seinen geistigen Unrat in der sog. „rechtspopulistischen“ Kloschüssel abwirft, mit dem Staat Israel eingegangen zu sein scheinen. Drücken wir es genauer aus: Mit jenem Staat, dessen Regierung und Streitkräfte einen nicht unbeträchtlichen Aufwand betreiben, um Palästinensern in Israel selbst, in Ostjerusalem, in der Westbank und im Gazastreifen – habe ich den Golan vergessen? – Tag für Tag vor Augen führen, dass die Nakba nicht zu Ende ist.

Der Staat Israel als Hauptwaffe gegen das Weltmuslimtum? Der Islam als Wiedergänger von Faschismus, Nationalsozialismus und Mundgeruch? Bereits in der Vergangenheitsform beschreibt Don Alphonso ein ganzes Milieu neuer Antifaschisten, die in George W. Bushs Aufruf zum Kreuzzug gegen den Terrorismus ihr eigene Losung gefunden hatten:

Wer das nicht so sah – ich war einer davon – konnte sich auf einiges einstellen. In der deutschen Szene nennt man solche Leute Dhimmis und Appeaser, und um auch gleich deutlich zu machen, dass das hier Beihilfe im Drittem Weltkrieg ist, wurden aus dem Muslimen Islamofaschisten. Damit war das ideologische Grundgerüst fertig: Eine kleine Minderheit, die die Probleme erkennt, kämpft in Deutschland gegen jene, die den neuen Faschisten Tür und Tor öffnen. Dass die Definition für den verteidigten „Westen“ nicht zwingend das ist, was man sonst so als Westen versteht, war egal: Der Westen war diese Gruppe. Alle anderen waren Ignoranten, oder Verräter, oder dekadente Zerfallserscheinungen.

Und Israel – wurde unterstützt, nahezu bedingungslos:

Man trat für Israel ein – wenn es Siedlungen baute. Man beschimpfte Israelis aber als Verräter, wenn sie Siedlungen räumten und Frieden wollten.

Komisch. Augerechnet jetzt muss ich an Clemens Heni und seinen antifaschistischen Kampf gegen Leute wie Moshe Zuckermann denken. Warum nur?Vielleicht wei Letzterer immer so unangenehme Fragen stellt, z.B.  jene, was genau gemeint sein soll mit „Israelsolidarität“:

Mit der Siedlerbewegung oder mit denen in Israel, die gegen sie ankämpfen? Mit den orthodoxen Juden oder mit den säkularen Juden? Mit der Kibbuzbewegung oder mit dem wütenden israelischen Kapitalismus? Mit den Russen, die ihre eigene Vorstellung von Integration haben, und sich kulturell teilweise von der Restbevölkerung absetzen? Mit den eingewanderten äthiopischen Juden, deren soziale, ökonomische und kulturelle Integration in die israelische Gesellschaft alles andere als gelungen angesehen werden kann? Mit den Underttausenden von Gastarbeitern, die in Israel teilweise ein Leben fristen, das von Gastlichkeit nichts ahnen lässt? Oder solidarisiert man sich vielleicht mit den israelischen Arabern? Womit solidarisiert man sich, wenn man sich – voller Pathos – mit Israel identifiziert?

Schaut man sich die Entwicklung an, die diese Solidarität genommen hat, so möchte man noch weitere Fragen hinzufügen: Israelsolidarität als Feigenblatt für Rassismus? Als besonderer Ariernachweis? Als Gnade der Geschichte durch „übergroßen Antisemitenriecher“(Alain Posener)?

Solidarität mit Israel – sie hat in der Tat den Marsch durch alle Instanzen vollzogen. Vom verantwortungsethischen politischen Sühne-Projekt sozialdemokratischer Provenienz über das Ticket, mit dem man hierzulande gesellschaftlich ganz nach oben kommen bzw., bei Verlust,  so tief abstürzen kann wie sonst nur Kinderschänder bis hin zur Trumpfkarte eines rassistischen Mobs, der nicht darauf angewiesen ist, den Holocaust zu leugnen, um für Furore zu sorgen: Einfach ein paar Sprüche raushauen und nicht etwa dem Stammtisch, sondern dem sog. gehobenen Bürgertum aufs Maul geschaut, schon läuft der Laden.

Böse Geister werden nun einwenden: Israelsolidarität von links nach rechts – und die Sozialdemokratie war ja immer dabei. Oder um nochmals Don Alphonso zu bemühen:

Die SPD muss sich schämen, einen Vordenker wie Sarrazin in ihren Reihen zu haben, uund man sollte den deutschen Sozis in Berlin ins Gesicht spucken dafür, dass sie nicht den Mut hatten, diese Figur davonzujagen. Die Vorstellung, dass es tatsächlich so etwas wie eine geplante Übernahme des Westens gibt, wurde von all jenen dauerventiliert, die sich im Wettkampf um Aufmerksamkeit stets überbieten mussten, und nach Sarrazin haben sich diese Theorien fast schon in den normalen Politikbetrieb hinein verselbstständigt. Darunter muss man als Islamkritiker gar nichtg mehr anfangen. Anders gesagt: Das, was um 2003/4 noch die Meinung von ein paar Irren war, ist heute die Meinung von sehr vielen Irren.

An anderer Stelle seines Beitrags leistet sich der Betreiber des hervorragenden Rebellmarkt-Blogs dann einen vielsagenden Schreibfehler:  „Broder und [wait for it…] Sarrazion.“

Breivik ein Einzeltäter? No way! Und leid tut mir der Typ auch nicht. Das war nur so eine Redeweise am Anfang…

Ein Gedanke zu “Noch mehr zu Breivik, Islamfeindschaft und Israelsolidarität

  1. Gefällt mir sehr gut; viele (Christian Sickendieck etc.) scheinen noch Probleme mit dem Konzept einer pro-Israelischen Rechten zu haben. Auf meinem ‚Blog komme ich zu folgendem Ergebnis:

    Rechtsradikale können ihre „Israelsolidarität“ sehr wohl aus Überzeugung vertreten. Warum auch nicht? Welche Gründe gibt es für einen Antisemitismus bei Nationalisten? Eine sichtbare, „integrationsverweigernde“ jüdische Minderheit gibt es seit Shoah in Europa nicht mehr. Die „Gefahr“ wird – so hysterisch und pathologisch das in Realität auch ist – bei „Moslems“ und im „Kampf der Kulturen“ gesehen. Von dieser Warte aus betrachtet, müssen die „Falken“ Israels geradezu als Vorbild erscheinen. Wenn ein Vergleich der Programme der „islamkritischen“ Rechtspopulisten mit der Realpolitik eines von einer Rechtskoalition regierten Israels ergibt, es sei – nach George Orwells „Animal Farm“ – impossible to say which is which, so ist das bedenklich – leider aber nicht utopisch, und die Feststellung ist ganz sicher nicht „antisemitistisch“.

    Politische Tektonik

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