Dominique Vidal zur Frage: Warum lieben so viele (Anti-)Deutsche dieses Israel so sehr?

Eines der letzten großen Mysterien hat aufgehört, Geheimnis zu sein. So langsam verstehe ich, warum so oft das Attribut „pro-israelisch“ „pro-likudistisch“ mit „antideutsch“ in eins gesetzt wird. Ein heute in der taz erschienener Artikel des französischen Journalisten Dominique Vidal hebt – wenn auch indirekt und höchstwahrscheinlich unfreiwillig – den Schleier:

Die „moralische Aufgabe“ für das vereinigte Deutschland besteht meiner Meinung nach darin, die Anführer und die israelische Bevölkerung dazu aufzurufen, entweder die letzte Chance für eine Zweitstaatenlösung zu ergreifen oder die Perspektive eines binationalen Staats zu akzeptieren. […] Kurz gesagt basiert seine „Erlösung“ auf der Akzeptanz und der Verteidigung des internationalen Rechts, die es ihm erlaubt haben, in der Mitte der Weltgemeinschaft eine aktive Rolle zu spielen. Was aber bleibt von diesen Prinzipien, wenn im Nahen Osten eine zynische Politik des doppelten Standards Anwendung findet? Jenseits von Israel und Palästina geht es in dieser Debatte darum auch um die Zukunft Deutschlands.

Und die Zukunft Deutschlands ist ja das Letzte, worum es den echten Antideutschen zu gehen hat, oder? Der Sozialwissenschaftler Peter Ullrich hat es vortrefflich herausgearbeitet: In hiesigen Gefilden wird viel zu oft Israel-Palästina gesagt, gemeint aber ist Deutschland. Dabei spielt es, wenn man sich die Entwicklung der entsprechenden, vormals linken, Bewegung anschaut, auch gar keine Rolle, ob es nun um „deutsche“ oder „antideutsche“ Befindlichkeiten geht. Nicht nur, aber besonders hierzulande ist der Nahostkonflikt nicht mehr als ein Anschlussdiskurs.

Vidal hätte sich den Hinweis auf deutsche Interessen sparen können. Sein Aufsatz versammelt auch so einige treffliche, wenngleich auch nicht wirklich neue, Argumente zu Gunsten einer Kritisierbarkeit Israels. Dabei deckt Vidal einige der bekannteren Spielchen mit Israelkritik auf. Nein, Antizionismus ist nicht so ohne Weiteres gleichzusetzen mit Antisemitismus. Wer über binationale Optionen im Hinblick auf die Zukunft Israel-Palästinas geltend machen will, ist auch nicht so ohne Weiteres Antisemit – ansonsten müsste man Zionisten wie Judah Magnes oder Martin Buber ja auch entsprechend bezeichnen. Natürlich gibt es auch Antisemiten, die sich all dies zu Nutze machen, aber deren Manöver sind zu offensichtlich und idiotisch, als dass man auf sie hereinfallen könnte.

Insgesamt ein nüchterner, lesenswerter Text also. Trotz Deutschland.

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