„Kristallnacht in Kairo“?

Jörg Lau präsentiert sich als empörter Beobachter der Vorgänge in Nahost und nennt die Kairoer Demonstranten vor der israelischen Botschaft einen „antisemitische[n] Mob“. Zumal hätten die ägyptischen Sicherheitskräfte  lediglich,  wie er meint, zugeschaut. Kristallnacht in Kairo? Man muss den Mob vor der der israelischen Botschaft nicht gutheißen, aber ich staune schon, welche Reflexe die Bilder und Schlagzeilen aus Kairo zuweilen auslösen. Der Mythos vom israelischen David, der einem – von Natur aus bösen – goliathischen Feindesmeer ausgeliefert ist – ein immer wieder gern aufgelegter Evergreen. Denn, so belehrt uns die Welt: „Hass auf Israel ist in Ägypten tief verankert“.  Auf diesen Zug  scheint mir Lau aufgesprungen zu sein:


„Opfert Tantawi [Vorsitzender des Oberstes Rats der ägyptischen Streitkräfte] Israel, um von dem Verdacht abzulenken, er sei der neue Mubarak?“

[Meine Hervorhebungen] Gut gefallen hat mir Arne Lists Einwand:

3 Tote, über 1000 Verletzte. Und das wohl ohne, dass das israelische Wachpersonal dran beteiligt gewesen wäre. Von einem „Wegschauen“ der ägyptischen Sicherheitskräfte zu sprechen, ist da vielleicht nicht ganz korrekt.

So besonnen zu formulieren, fällt mir oft noch schwer. Mein – mit Bedacht  in Anführungszeichen gesetzter –  Kommentar lautet: „Kristallnacht in Kairo“?

Viel nuancierter die Analyse des israelischen Journalisten Noam Sheizaf:

It looks as if the anti-Israeli mood in Egypt has a lot to do with the frustration many feel due to the tightening of the military control over the country and the failure to make good on many of the promises the revolution made. Israel is perceived as an ally of the army and the old regime; relying on Egypt’s help in placing the blockade on Gaza has come back to haunt Israel. Once again, it’s clear that Jerusalem has failed to understand the local mood in Cairo. This was revealed in Israel’s dealing with the diplomatic fallout following the Eilat attack and the death of five Egyptian soldiers, and with the inflammatory statements that followed the escalation in the South.

8 Gedanken zu “„Kristallnacht in Kairo“?

  1. Israel and its defenders have gotten so much mileage out of piteous analogies with the Nazi period that they just can’t help themselves. So in Israel such riots and demonstrations are reflexively regarded as a sign of anti-Semitism. In the United States, when we bother to ask the question, „Why do they hate us so?“ the answer is always: „They hate us for what we have.“

    The answer to why people hate the US or Israel can never be: „they hate us for what we do.“

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  2. Der Titel macht mir tatsächlich Zahnschmerzen… wo tumbe Wikipedia-Redakteure noch herausstellen, daß „Reichskristallnacht“ doch angeblich nur von Rechten verwendet werde, stelle ich die „Reichskristallnacht“ in eine Linie mit der „Bartholomäusnacht“ – ein Ereignis, das nicht eine „Reichspogrmonacht“ war, sondern die „Reichskristallnacht“, mit der die letzten Barrieren vor Shoah zu fallen begannen.
    Alleine dadurch, daß in Ägypten die Sicherheitskräfte eingegriffen – oder meinetwegen „zugeschaut“ – haben – und nicht aktiv mitgemacht, ist jeder Angriff auf israelische Einrichtungen in Ägypten meilenweit von der Reichskristallnacht entfernt.
    Ich verstehe Deine Intention: Jeder Boykottaufruf der „Jüdischen Stimme“ wird mit den „Kauft nicht bei Juden!“-Aktionen der SA gleichgesetzt, jeder Angriff auf israelische Einrichtungen mit der Reichskristallnacht – ich muß aber herausstellen, daß die Reichskristallnacht sicher nicht einzigartig war (wie kann man mit irgendwelchen „Singularitätsthesen“ aus der Geschichte lernen?), aber in eine unrühmliche Kategorie von sehr wenigen anderen geschichtlichen Ereignissen fällt, die im Nachhinein das Brechen eines Dammes und jedes Schutzdeiches bedeutet haben.

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    1. Notwendige Anmerkungen von Dir… Vielen Dank. Sehr treffend das von Dir ins Spiel gebrachte Dammbruch-Bild. Was mich halt stört, ist, dass die mit diesem Bild verbundene Aufgeladenheit immer wieder ins Spiel gebracht wird. Verständlich, dass Apologeten Israels besonders empfindsam sind, wenn große Menschenmengen sich vor von Juden geführten Einrichtungen einfinden, und zwar nicht in freundlicher Absicht. Verständlich, dass dann sehr häufig Bezugspunkte zum NS aufgezeigt werden. Manchmal aber scheinen mir betreffenden Apologeten ein wenig vorschnell damit um die Ecke zu kommen. Speziell bei Jörg Lau, der ja ansonsten besonderen Wert darauf zu legen scheint, ein ausgewiesener Experte in Sachen Islam, arabische Länder etc. zu sein, stößt mir das bitter auf. Besonders weil ich ihn bislang nicht als „Israelwahnsinnigen“ wahrgenommen habe.

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  3. J. Lau ist mir seit längerem suspekt. Leider habe ich keinen Zugriff mehr auf seine FB-Beiträge, da ich mich selbst „unfriended“ habe. Die SZ hat mit dem Gespann Münch-Avenarius aktuell einen bemerkenswerten und relevanten Aspekt beschrieben: Die Meute, deren Kern aus Fußball-Hooligans bestand, wollte zuerst das Innenministerium belagern und stürmen. Da es aber einer Festung gleicht, zog die dann umso frustriertere Meute weiter zur israelischen Botschaft, wo sie ihr Mütchen gekühlt haben. Dass es sich um einen Mob handelt, ist zweifellos richtig. Ob er antisemtisch war oder ob es „nur“ zufällig die israelische Vertretung getroffen hat, die man in Ägypten nie recht mochte, dürfte nicht ganz leicht zu beurteilen sein. Hoologans wollen zunächst ihr Gewaltpotenzial ausleben. Vom Begriff Kristallnacht rate ich zunächst sehr ab. Das war eine systematische Ausschreitung von Staats wegen gegen unterschiedlichste Einrichtungen jüdischer Bürger. Damit haben die Vorgänge in Ägypten derzeit noch gar nichts zu tun.

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  4. Bei früheren Demonstrationen vor der israelischen Botschaft in diesem Jahr wurde diese von der äg. Armee vehement verteidigt und es hat harte Urteile gegen Demonstranten gegeben. Es gibt keinen Grund, über die armen Israelis zu jammern.

    Von Leuten, die viel mit der Tahrir-Bewegung zu tun hatten, wurde sogar der Verdacht geäußert, die Armee habe mit dieser Demo zu tun, um den Ausnahmezustand wieder ausrufen zu können – was ja auch geschehen ist.

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