„Nie und nimmer! Nein!“ – Marc H. Ellis schreibt Offenen Brief an Präsident Obama

Alle Welt diskutiert die UN-Auftritte von Mahmoud Abbas und Bibi Netanyahu am gestrigen Tage. In einem Facebook-Forum fand ich den folgenden Offenen Brief des jüdischen Befreiungstheologen Marc H. Ellis an US-Präsident Barack Obama, als Reaktion auf dessen UN-Rede. Flugs übersetzte ich ihn aus dem, wie es so schön heißt, Amerikanischen.

Mr President!

von Marc H. Ellis

Seien wir ehrlich, Präsident Obama, die Rede, die Sie in dieser Woche vor den Vereinten Nationen gehalten haben, war heiße Luft und diente nur Ihren eigenen innenpolitischen Erwägungen im Hinblick auf die Präsidentschaftswahlen 2012. Mir geht es besonders um das Thema der Ausrufung eines Staates Palästina.

Mr President, man hat Ihnen vorgeworfen, Ihr Ton klinge zu belehrend. Ich weiß, dass der Erolg von Politikern daran gemessen wird, ob sie gewählt bzw. wiedergewählt werden. Bedenkenträger an politischen Rändern sollten dies imme berücksichtigen. Und doch bitte ich Sie, mir zu erlauben, über Ihren matten Auftritt in New York ein paar Anmerkungen zu machen. Offenbar verspüren Sie keine Lust, den politischen Tatsachen, die unser Land betreffen, in die Augen zu schauen.

Sicherlich könnte alles noch schlimmer aussehen. Mir kommt nicht von ungefähr Rick Perry in diesem Zusammenhang in den Sinn, einer der republikanischen Spitzenkräfte, und ich stelle mir vor, wie er 2012 vor den Vereinten Nationen spricht. Sicher, ich erinnere mich an Präsident Bush. Ich lebe ja selbst in Texas. Ich kann mir ihn mir vorstellen, einen Präsident Rick Perry. Sie müssen gar nichts sagen. Hoffentlich verbrenne ich mir nicht den Mund, wenn ich nun Sie kritisiere.

Und doch habe ich da eine ganz grundsätzliche Frage, die ich Ihnen als Jude stellen möchte. Bei allen taktischen Erwägungen, die im politischen Amerika notwendig dazuzugehören scheinen: Glauben Sie wirklich, was Sie da gesagt haben über die Möglichkeit eines Staates Palästina?

Ich bin fasziniert, Mr President. Wenn es Ihnen thematisch auch um Palästina gegangen sein mag, Sie haben üüber nichts Anderes geredet als über den Staat Israel, jüdische Geschichte und den Holocaust. Warum?  Ich habe Ihnen voller Interesse zugehört:

Doch verstehen Sie auch dies: Amerikas ist und bleibt der Sicherheit Israels verpflichtet. Unsere Freundschaft mit Israel ist tief und andauernd. Wir glauben, dass jede Friedenslösung die sehr realen Sicherheitsrisiken berücksichtigen muss, denen Israel an jedem einzelnen Tag ausgesetzt ist. Seien wir ehrlich zu uns selbst: Israel ist umgeben von Nachbarn, die ihm wiederholt den Krieg erklärt haben. Israelische Bürger sind Raketen, die auf ihre Häuser abgefeuert wurden, und Bomben, die in Bussen gezündet wurden, zum Opfer gefallen. Israelische Kinder wachsen in dem Bewusstsein heran, dass in der gesamten Region andere Kinder zum Hass auf sie erzogen werden. Israel, ein kleines Land mit weniger als acht Millionen Einwohnern, muss mit ansehen, wie die Führer viel größerer Nationen damit drohen, es von der Landkarte zu wischen.Das jüdische Volk trägt an seiner jahrhundertelaten Bürde von Exil und Verfolgung und der noch immer frischen Erinnerung daran, dass sechs Millionen getötet wurden, weil sie Juden waren. Dies sind Tatsachen: Sie können nicht geleugnet werden. Das jüdische Volk hat mit Erfolg einen Staat in seiner historischen Heimat ins Leben gerufen. Israel verdient Anerkennung. Es verdient normale Beziehungen mit seinen Nachbarn. Und Freunde der Palästinenser tun diesen keinen Gefallen, wenn sie über diese Wahrheit hinwegsehen, genauso wie Freunde Israels die Notwendigkeit einer Zwei-Staaten-Lösung anerkennen müssen, mit einem sicheren Staat Israel und einem unabhängigen Staat Palästina.

Ich kenne auch den Rest Ihrer Rede. Wenn ich meine Augen schließe, stelle ich mir vor, wie sie Ihr Publikum belehren. Ich höre Sie, wie vor Sie Ihrem Publikum allein aus jüdischer Perspektive sprechen, darüber, wie wichtig Israel für Juden ist. Sie referieren Aussagen, die in den Kreisen, in denen ich mich aufhalte, als abgestanden gelten. Sie haben ja nicht einmal unrecht, wenn Sie zurückkommen auf die Jahrhunderte des Exils und der Verfolgung, auf den Holocaust und die Rückkehr in die uralte Heimat.

Doch dann kommen Sie auf die Palästinenser zu sprechen. Und ich horche auf. Aber, Mr President, Sie enttäuschen mich. In Ihrem historischen Abriss erwecken Sie den Eindruck, als seien allein Juden, jüdische Geschichte und der Holocaust gesetzt, nicht aber die Palästinenser. Anders ausgedrückt: Palästinenser, die ja auch einen Staat verdienen, sind der jüdischen Geschichte nur beigemischt. Juden haben dafür gesorgt, dass Palästinenser ihr Land verloren, aber das erscheint bei Ihnen wie der reine Zufall. Darüber zu sprechen, unterlassen Sie. Sie vermeiden es, den Begirff „ethnische Säuberung“ in den Mund zu nehmen. Aber genau dies ist es, was Palästinensern im Zuge der Gründung des Staates Israel widerfahren ist.

Ihnen, Mr President, kommen Palästinenser, kommt Palästina, lediglich als Problem vor, das es zu lösen gilt. Ihr Vortrag erweckte bei mir nicht den Eindruck, dass es in ihm um ein historisches Unrecht ging, das beim Namen genannt und wieder gut gemacht werden muss. Es ging nur darüber, was für Juden notwendig war. Was für Juden notwendig ist.

Es scheint, als stünden Sie vor einer Schultafel, die angefüllt ist mit jüdischenAngelegenheiten und jüdischer Geschichte. Wenn es bei Ihnen um Palästinenser geht, dann schreiben Sie auf die andere Seite der Tafel das Wort „Problem“. Sie kommen immer wieder auf das „Problem“ zurück, und vor meinem geistigen Auge kreisen Sie es auf der Tafel ein. Doch dann wenden Sie sich wieder Ihrem eigentlichen Thema zu: der jüdischen Geschichte.

Von Gaza her fallen Raketen auf Israel. Mr President, haben Sie die Operation Gegossenes Blei vergessen, als Israel den Gazastreifen angriff, kurz nachdem Sie Präsident geworden waren?

Araber diffamieren Israel. Sie sollten mich einmal begleiten auf meinen Vortragsreisen. Sie würden dann auch einmal hören, was Juden und Nicht-Juden für Dinge sagen über Araber, Muslime und Palästinenser. Ob im privaten Kreise oder der Öffentlichkeit, wissen Sie, wie über Palästinenser geredet wird in der einzigen Demokratie des Nahen und Mittleren Ostens, unserem großartigen Verbündeten, in Israel?

Mr President – und ich sage dies mit allem gebotenen Respekt -, Sie sprechen in keiner Weise für mich oder für all jene Juden, die eben nicht der Meinung sind, dass den Palästinensern lediglich „etwas“ passiert sei, als Begleiterscheinung jüdischer Geschichte. Wir sind nicht der Ansicht, dass Palästinenser ohne Geschichte seien oder ohne jede Bindungzu ihrer Heimat. Sicherlich haben Sie recht, Mr President, es könnte alles noch schlimmer aussehen. Aber vielleicht ist ja alles schon schlimmer. Als ich Ihnen zuhörte, war mir, als sei das Ende erreicht. Ich hielt mir die Hände vors Gesicht – so tief war jüdische Geschichte also gesunken. Ich versuchte, Ihre Worte zu vergessen. Ich hätte mir gewünscht, Sie hätten über andere Dinge geredet, Dinge, von denen Sie mehr verstehen oder die Ihnen zumindest näher am Herzen liegen. Ich hätte mir mehr gewünscht als politische Manipulation.

Es stimmt ja, Juden tragen schwer an Jahrhunderten, die geprägt waren von Exil und Verfolgung. Europäische Juden litten unsäglich, und sechs Millionen wurden ermordet. Ich weiß all das, ich bin selbst Jude. Mit diesen Erinnerungen bin ich aufgewachsen.Aber, Mr President, als Kind, das seine Lektionen aus unserer Geschichte zu ziehen versuchte, wäre es mir nie in den Sinn gekommen, dass Juden all diese Jahrhunderte des Exils und der Verfolgung und unsere sechs Millionen Mordopfer benutzen würden gegen andere Menschen. Nie und nimmer. Nein!

Während ich Ihnen zuhörte, musste ich daran denken, wie Dinge enden. Was am Ende jüdischer Geschichte steht: ethnische Säuberung und Okkupation.

Mr President, dies kann aber auch ein Anfang für uns sein. Ein Anfang, der sich allerdings nur einstellen wird, wenn die Wahrheit gesprochen wird von Juden und Palästinensern zusammen. Und vielleicht eines Tages auch vom Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika

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5 Gedanken zu “„Nie und nimmer! Nein!“ – Marc H. Ellis schreibt Offenen Brief an Präsident Obama

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