„Endlos ist das Ende. Das kein Ende kennt“ – Marc H. Elllis‘ Klagegesang zum jüdischen Neujahrsfest

Vor einigen Tagen übersetzte ich Marc H. Ellis‚ Offenen Brief an Präsident Obama aus Anlass seiner furchtbaren UN-Rede zum Ansinnen der Palästinenser, einen eigenen Staat auszurufen und Vollmitglied der Vereinten Nationen zu werden. Hier fand ich eine Meditation Ellis‘ zum diesjährigen Rosh Hashana – und übersetzte auch sie:

Klage zum Neuen Jahr

von Marc H. Ellis

Wie traurig das Ende ist. Ich zerreiße meine Kleider. Ich klage.

Vergangene Woche hörte ich, wie Barack Obama, Afro-Amerikaner und mein Präsident, vor der UN sprach. Ich wurde  über alle Maßen traurig. Ich frage mich, wie es um sein Geschichtsbewusstsein steht.

Ich bin Jude. Präsident Obama sprach über jüdische Geschichte – über Jahre des Exils und der Verfolgung, den Holocaust und die Rückkehr in die Heimstatt aus alter Zeit. Wir verdienen den Respekt unserer arabischen Nachbarn und der Welt.

Ob er auf diese Art und Weise auch über amerikanische Geschichte sprechen würde?

Völker und Nationen haben viel mitgemacht. Die Geschichte ist düster. Was wir wollen, ist das Gute.

Ist es möglich, zu Sklaverei den Mund nicht aufzumachen?  Sklaverei ist von zentraler Bedeutung für die amerikanische Geschichte

Können Juden schweigen zur ethnischen Säuberung Palästinas? Die ethnische Säuberung ist ebenfalls von zentraler Bedeutung jüdischer Zeitgeschichte und Gegenwart.

Auf der einen Seite Verfolgung, Exil, Holocaust und Rückkehr. Auf der anderen Seite die Gewalt, die vom Staat Israel ausgeht. Die Okkupation des palästinensischen Volkes.

Israel wird nicht von selbst damit aufhören. Die Palästinenser können Israel nicht aufhalten. Es gibt viele Juden und Palästinenser, die genug haben von der nicht enden wollenden Gewalt. Wenn sich die Mächtigen der Geschichte, die von uns Juden gemacht und getragen wird, verweigern, versinken wir im Morast. Immer tiefer.

Es gibt Juden, die machen sich Sorgen angesichts jener, die bestreiten, dass der Holocaust überhaupt passiert ist.  Es ist abscheulich, zu leugnen, dass sechs Millionen Juden in Europa während der Nazizeit ermordet worden sind. Über alle Maßen.

Allerdings fehlt in Präsident Obama’s UN-Rede jeglicher Hinweis darauf, was den Palästinensern 1948 zustieß. Was den Palästinensern auch heute noch zustößt. Haben nicht auch Palästinenser eine Geschichte, die es anzuerkennen gilt?

Palästinenser nennen die ethnische Säuberung Palästinas Nakba, auf Arabisch: Katastrophe.

Mr Präsident, sind sie etwa ein Nakba-Leugner?

1948 mag für Sie persönlich und für viele Juden nicht von großer Bedeutung sein. Doch genauso wie der Holocaust nicht vergessen werden darf, muss auch an die Nakba erinnert werden.

Ohne Erinnerung, wie werden wir zur Wurzel jener Katastrophe vordringen, die die Palästinenser befallen hat?

Oder zur Wurzel, die auch Juden befallen hat?

Es gibt Katatrophen, die einen befalle. Und es gibt Katastrophen, die man anderen bereitet.

Juden bereiteten einem anderen Volk eine Katastrophe. Und dies ist ein Makel in der jüdischen Geschichte.

Zu unserer Geschichte von Exil, Verfolgung, Holocaust und Rückkehr gehört auch die Nakba.

Eine Darstellung jüdischer Geschichte, die auslässt, was Juden den Palästinensern angetan haben und noch immer antun, hat keinen Sinn. Nicht in jüdischen Geschichtsbüchern. Nicht in Vorträgen jüdischer Akademiker. Nicht in den Selbstauskünften jüdischer Organisationen. Nicht in Presseerklärungen des israelischen Premierministers. Nicht in den Äußerungen des sog. „Nahost-Quartetts“. Nicht in den Worten des amerikanischen Präsidenten.

Ich will gar nicht erst versuchen, mich bei der UN-Rede von Israels Ministerpräsident Netanyahu aufzuhalten. Sie war schlimmer als die Rede von Präsident Obama. Viel schlimmer. Eine Schande.

Jüdische Feiertage stehen an. Es ist an der Zeit, das Neue Jahr zu feiern. Zeit, uns unsererSelbst zu vergewissern.

Zeit zur Klage.

Jüdische Feiertage kommen und gehen. Wir gedenken unseres eigenen Exils, unserer eigenen Verfolgung, des Holocausts und der Rückkehr in unsere uralte Heimat. Zur Nakba fällt uns nichts ein.

Endlos ist das Ende. Das kein Ende kennt.

Nur die Klage kann uns noch helfen, Juden und Palästinensern. Über das, was verloren ist. Über das, was hätte sein können. Über das, was sein könnte.

Die Nakba zu leugnen, verlängert das Warten auf Linderung. Und die Klage.

 

Marc H. Ellis ist  Professor für Jüdische Studien und Geschichte. Er ist Leiter des Center for Jewish Studies an der Baylor University, Waco, Texas. Sein neuestes Buch:  Encountering the Jewish Future: with Wiesel, Buber, Heschel, Arendt, Levinas.

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