Das alte Spiel halt

Wes‘ Geistes Kind sich allzu gern in die edelsten Gewänder packt, wird oft deutlich, wenn man das gute Kleid mal mit der Naht nach außen ausstellt. Thomas von der Osten-Sacken, Jungle-World-Autor und Wadi-Wohltäter am irakischen Volk, gibt sich im folgenden als durch und durch kennntisreicher Völkerpsychologe (Dank an Ghassan) zu erkennen oder zumindest aus:

Kurden seien vom Mars, Araber von der Venus, meint jedenfalls Hiwa Osma. Etwas übetreiben mag er schon in seiner Gegenüberstellung, aber Unrecht hat er ganz sicher nicht, vor allem, wenn er den Arabern vorwirft, manisch auf die Vergangenheit fixiert, ja förmlich in ihr eingeschlossen, zu sein.

Wer dieser von der Osten-Sacken ist?  Ein völlig überzeugter Antiantisemit, d.h. er bekämpft Antisemitismus nicht nur wo immer er ihn sieht und erlebt, nein, das tun so viele, darunter sogar solche, die Sympathien für Palästinenser hegen.  Nein: Ein Thomas von der Osten-Sacken atmet diesen Kampf, er ist dieser Kampf.  Das Problem dabei: Ohne diesen Kampf wüsste er nicht ein, noch aus.  Und drum gilt es, Feindbilder zu etablieren, zu pflegen und zu fördern. Am besten im Paket, am besten mit Gruppen. Am besten an solchen, die auf der Basis von Kategorien, die man selber ablehnt,  als Gruppen erscheinen: Araber… arabische Welt, arabischer Halbmond, Panarabismus, arabischer Nationalismus. Bingo. Kommt noch ein Mü Islam-Feindschaft – man muss seit Oslo im Juli da freilich ein bisschen aufpassen -, und schon soll er nicken, der imaginierte Jungle-World-Leser. Was am oben genannten Zitat zusätzlich ins Auge sticht: Von der Osten-Sacken unterstellt „den“ Arabern hier etwas, was seit Jahr und Tag jene, die er als patriotischer Bürger Anti-Deutschlands doch zu bekämpfen vorgibt. Walser sprach 1998 von der „Moralkeule Auschwitz“, und Guido Westerwelle gab vor zehn Jahren den gebeutelten Deutschen:

Die Deutschen haben es satt, sich mit schlechtem Gewisen, gebeugtem Haupt und gebücktem Gang zu bewegen, nur weil sie Deutsche sind.

Dazu Rainer Trampert im Jahr 2002 sarkastisch-beißend:

Der Deutsche im Opferrausch. Misshandelt von der Geschichte. Das Opfer von Versailles, vom Weltjudentum, von der Geografie (ohne Raum).

Waren und sind es nicht seit jeher Juden gewesen, denen man vorwarf, stets für miese Stimmung zu sorgen, wenn es doch gelten sollte, Großdeutschland zu feiern? Und nun bedient sich ein Thomas von der Osten-Sacken ebendieses Vorwurfs und schleudert ihn gegen „die“ Araber. Autsch. Wer da wohl was abbekommen hat. Ersetzte man in der oben zitierten Von-der-Osten-Sacken-Passage „den Arabern“ durch „den Juden“ – ein Musterbeispiel an antisemitischer Volksverhetzung wäre geschaffen.Das alte Spiel halt…

Was ich mich an dieser Stelle kaum zu fragen getraue: Wo mag die Wagenburg stehen, aus denen dieser Spitzen-Publizist und Profiteur seine blödsinnigen Pfeile abschießt? Diesseits oder jenseits der Grünen Linie?

Dieses alte Spiel hat der Betreiber des ansonsten von mir hochgeschätzten Antiferengi-Blogs ebenfalls -wenn auch in einem anderen Zusammenhang – aufgezogen. Trotz P.S. und „Update“: Da sind dem Mann irgendwie doch die Ebenen verrutscht, sage ich als ganz durchschnittlicher Durchschnittsleser.

12 Gedanken zu “Das alte Spiel halt

  1. wenn man aus einer familie preussischer militärs, kapitalisten, politiker kommt (soll kein vorwurf sein, niemand kann sich seine vorfahren aussuchen), muss man wohl die vergangenheit verdrängen, wenn man als das gesehen werden möchte, was er will

    auf die kurden fahren die osten-sackens nur ab weil sie sie grosso modo als (in mehrerer hinsicht) beeinflussbarer und gefügiger erachten. weil man sie unter umständen gegen araber, türken UND perser ausspielen kann (zum iran-freund und -experten ist osten-sack ja auch nach der protestwelle gegen die wahlfälschung vor 2 jahren aufgestiegen). da sind die „anti“deutschen nicht die ersten und die letzten…

    übrigens, sarrazin nennt kurden in seinem buch meist im selben „atemzug“ mit arabern und türken (also als problemfall), während strache (und möglicherweise andere rechtspopulisten) kurden als positivfolie der schlechtheit der türken gegenüberstellen; wenn auch nicht in dem ausmaß wie serben

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  2. kritik an arabischem geschichtsbewusstsein gibt es zuhauf auch in der arabischen welt, und der vergleich hinkt mächtig, da in diesem fall wohl eher die deutschen zustände das secundum, und autoritarismus und nationalismus das tertium comparationis wären und nicht der gar nicht massenhaft vorhandene kritische geist, vor dem walser warnte, den er nur halluzinierte. also aua, und dann gleich antisemitismuskeule, das ist so viel platter als die antideutschen es machen.

    und dann immer dieses jungle world-bashing. so plural wie diese zeitschrift ist eure blogwelt nicht. zum beispiel zu eurem lieblingsthema, wenn das nicht kritisch und informativ ist:
    http://jungle-world.com/artikel/2011/41/44120.html

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    1. „da in diesem fall wohl eher die deutschen zustände das secundum, und autoritarismus und nationalismus das tertium comparationis wären und nicht der gar …“
      Sag mal, tut das nicht weh, so etwas zu schreiben?
      Danke auch für den Jungle-World-Link – jetzt bin ich natürlich versöhnt…. oder war ich gar nicht gemeint? Ich frag nur, weil Du immer von „Eure
      [r] Blogwelt“ schwafelst – und ich weiss nicht, wer „wir“ sein sollen…

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      1. Aua.
        Also: Arabische Gesellschaften werden für einen bestimmten, dominanten Opferdiskurs kritisiert. Der kommt in Kombination mit einer Fixierung auf die Geschichte, die die Auseinandersetzung mit gegenwärtigen gesellschaftlichen Problemen verhindert. Dass wird kritisiert.
        Was hat diese Kritik jetzt mit Antisemitismus und Walsers Aussage zu tun, die, ebenfalls den Mehrheitsdiskurs bedienend, nicht mehr immer nur „schuld“ sein will und einen Schlussstrich ziehen will? Das Gegenteil von dem, was Du im Kurzschluss peinlich herfabrizierst: Diese Aussage Walsers und die Befindlichkeiten der deutschen Mehrheit müssen kritisiert werden. Und auch die Befindlichkeiten in arabischen Gesellschaften müssen kritisiert werden, die in ganz ähnlicher Weise Selbstkritik durch Bezug auf die Vergangenheit verhindern und eigene Anteile an der gesellschaftlichen Situation/Realität verdrängen wollen. Ohne Fremdwörter jetzt für Dich verständlich?

        Und dass Du jetzt mit der jungle world versöhnt bist, supi, was will man mehr..

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        1. einen bestimmten, dominanten opferdiskurs gibt es auch in jüdischen gesellschaften, auch eine auseinandersetzung damit, siehe das buch von avraham burg.

          wenn der deutsche (noch dazu einer mit dem hintergrund und den hintergedanken) heutzutage „araber“ und ihre „befindlichkeiten“ kritisiert, bedient er ganz sicher den deutschen (broder’schen) mehrheitsdiskurs.

          und wiegesagt, bezüglich der kurden ist man sich bei euch noch nicht ganz schlüssig ob sie jetzt „gute“ sind oder doch die typischen „orientalen“ (lüstern und all das)

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                1. ich habe das buch (noch) nicht gelesen, aber ich weiss dass er darin argumentiert, aus geschlagenen kindern würden schlagende väter; er kritisiert die „instrumentalisierung“ des holocausts als „grundlage“ der jüdischen nationalen identität und die damit verbundene „opfer-paranoia“

                  ich weiss nicht inwiefern er darin auch ältere diskurse aufgreift, die das verhältnis zwischen ashkenasen und sepharden/mizrahim berühren. der aus ägypten eingewanderte israelische schriftsteller gormezano-goren hat zB einmal kritisch angemerkt, (er habe das gefühl) israel liege an der ostsee und nicht am mittelmeer und „Sometimes you wonder if Vilna is really the Jerusalem of Lithuania or if Jerusalem is the Vilna of the Land of Israel.“ die von burg aufgeworfene debatte ist auch eine um identität und würde hier dazupassen

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