„…und es gibt keine charismatische oder wie auch immer Figur, die sie auffängt.“

Selten hat mich in der letzten Zeit eine öffentlich geführte Diskussion so sehr angeregt wie das für alternativlos.org geführte Gespräch, das die beiden CCCler Frank Rieger und Fefe mit Frank Schirrmacher führten. Thema der jüngsten Folge (20.10.2011): der politische Diskurs. Die gesamte Sendung dauert ca. 2.15 Stunden, und behandelt, gestreift, bedacht und bearbeitet werden Fragen, die sich um das Problem des allgemeinen Verfalls politischer Rede bzw. des politischen Diskurs‘ hierzulande drehen. Ich nenne einfach mal ein paar Stichworte:

  • Willy Brandt, Herbert Wehner und Franz-Josef Strauß vs. Friedrich Merz, Christian Wulff und Guttenberg.
  • Historische Reden und das Bewusstsein, dass Demokratie nichts Gesetztes ist, sondern tagtäglich gelebt werden muss, gegen die Ablösung des Bundestages durch Sabine Christiansen und andere Polit-Talks.
  • Eine Sensibilität gegenüber der Unwahrheit einerseits, andererseits die schamlose Verbreitung von Lügen, ohne dass es irgendjemanden aufregen würde.
  • Kritisches Bewusstsein auf der einen Seite, der sog. Ingenieursansatz auf der anderen.
  • Unfähigkeit und falsche Respektlosigkeit von Verantwortungs- und Amtsträgern gegenüber der Verkörperung einer Beurteilungskompetenz, die einen dazu befähigt zu „sagen, was ist“ (Walter Dirks).
  • Verschuldung als moralische Kategorie – übrigens hat Schirrmacher jüngst eine hochinteressante Rezension von David Graebers Debt geliefert, die irgendwie nicht überraschend kam. Ganz stark, wie Schirrmacher, darin einem Slavoj Zizek nicht unähnlich, ökonomi(sti)schen Rationalismus vom Bereich der Erkenntnis, in den den des Glaubens verlagert- und den Kapitalismus mal eben als säkulare Heilslehre entlarvt.
  • und und und

Ich habe die Sendung nun schon einige Male gehört – im Auto auf dem Weg zur Arbeit. Wenn ich mir einige der Diagnosen zur Zeit auf der Zunge zergehen lasse, so wird mir immer apokalyptischer zumute. Eine der für mich interessantesten Anstöße bietet Schirrmacher nach ca. 90 Minuten:

Das Neue seit der Generation Schröder ist ja, dass sie wirklich richtig aktiv noch … das sind ja ganze Staatssekretäre, ganze Generationen sind ja in die Firmen gegangen, über die sie vorher entschieden haben, zum Teil Ministererlaubnisse durchgebracht haben, der Fall Clement usw. Wir sind jetzt aber bei einer, bei einem Teil, der sozusagen … Das ist ja eine alte Debatte: die Korruption und die ganze Frage von … Ich würde trotzdem nochmal sagen: Ich glaube, dass eben das Neue ist, dass die Krise an sich so groß ist, dass sie – ich weiß nicht, wie die Linke darauf reagieren wird –, dass sie aber auf alle Fälle die alten bürgerlichen, jetzt meine ich bürgerlich, ernsthaft, Gutbürgerliche – die haben mit Leistung zu tun, die haben damit zu tun, dass niemand den anderen, würde ich wirklich sagen, übervorteilt. Das meine ich mit „gutbürgerlich“. Dass etwas nachprüfbar ist, dass es eine gewisse Moral gibt. Die sind wirklich, die liegen am Boden, die sind zerstört, und es gibt keine charismatische oder wie auch immer Figur, die sie auffängt. Jetzt gibt es Leute, die daraus falsche Schlüsse ziehen werden, und wir werden sehen, ob das passiert.

Propaganda und Sprechblasen, weil die Zerschlagung von Tugenden, von Werten, bereits soweit gediehen ist, dass selbst die Hauptverantwortlichen nicht mehr durchblicken – ist das nicht prophetisch?

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