Stefan von Wangenheim, FDP, zufolge, gab es für Juden 1933 eine „Gunst der Stunde“.

Für alle, die Antisemitismus für eine Erfindung „der Zionisten“ halten und für alle, die meinen, das  Problem sei längst in den Griff bekommen worden, sei auf die jüngste Pressemitteilung von Jutta Ditfurth verwiesen. Die frühere Grünen-Vorsitzende  sitzt für ÖkoLinX-ARL als Stadtverordnete im Frankfurter Römer und durfte erleben, wie es um das geschichtliche Bewusstsein von einigen Volksvertretern bestellt ist – und das im Kontext des 73. Jahrestages der Pogromnacht:

Diskutiert wurde (am 10-11-2011) der Antrag NR 97 von CDU und Grünen über die dauerhafte kulturelle Nutzung des Hauses Gutleutstr. 8-12. In der Debatte machte der FDP-Stadtverordnete Stefan von Wangenheim Anmerkungen zur Geschichte des Hauses. Er sagte, das Haus habe früher einem Juden gehört, der dann

»die Gunst der Stunde genutzt«

und das Haus verkauft habe, um seine Flucht aus Deutschland zu bezahlen.

Meine empörten Zwischenrufe, das sei schierer Antisemitismus, was denn an jener Stunde »günstig« gewesen sei, ob er das antisemitische Klischee des geschäftstüchtigen Juden bedienen wolle, dass er aufhören und die Sache erklären und sich entschuldigen solle, dass gerade Leute, die aus Familien wie seiner und meiner (wir sind verwandt) kämen, verantwortungsbewusst zu sein und Antisemitismus zu bekämpfen hätten, usw., blieben unbeantwortet.

Ich rief in einen toten Raum. Keine Fraktion berief den Ältetestenausschuss ein. Niemand vom Magistrat sagte auch nur ein Wort. Kein CDUler, kein Grüner rührte sich. Die antisemitische Aussage ging im Römer glatt und unbeanstandet durch, nur eine SPD-Stadtverordnete sprach in ihrem Redebeitrag von »Entgleisung«.

Ich wurde vom Präsidium gerügt.

Aber es kam lautes Gegröhle und Stammtischgejohle bei FDP, CDU und Teilen der Grünen auf, als Wangenheim, statt sich zu erklären, im weiteren Verlauf seiner Rede abfällige Bemerkungen über mich machte.

Die Parlamentsmehrheit soll sich künftig alle Reden zum Gedenken an die Reichspogromnacht und zur Verfolgung und Ermordung der deutschen und europäischen Juden schenken, wenn der Antisemitismus in den eigenen Reihen sie nicht stört und unbeanstandet durch das Stadtparlament ziehen kann.

Der Zigarettenfabrikant Adam Becker war Eigentümer des Hauses Gutleutstr. 8-12. Er verkaufte sein Haus 1933 an die NSDAP Gauleitung Hessen-Nassau (das Haus hieß fortan Adolf-Hitler-Haus) und bezahlte davon seine Flucht aus Deutschland. Er nutzte also, wie Stefan von Wangenheim (Mitglied einer Partei, die so vielen NS-Faschisten nach 1945 ein wohliges politisches Zuhause bot) meint, die ungeheure »Gunst der Stunde«, den angeblichen Vorteil der Situation.

Die den Massenmord vorbereitende Hetze gegen alle jüdischen Deutschen und jüdischen Europäer begann ja nicht erst im März 1933, als auf Massenkundgebungen der NSDAP behauptet wurde, »der Jude« habe »es gewagt, dem deutschen Volke den Krieg zu erklären«. Am 1. April 1933 gab es in ganz Deutschland gewalttätige Boykottaktionen gegen jüdische Geschäfte, Büros, Arztpraxen. Die Botschaft war klar. Viele Juden begannen, ihre Flucht zu organisieren. Auch Adam Becker.

»Günstig« war die Stunde nur für ihre späteren Mörder.

3 Gedanken zu “Stefan von Wangenheim, FDP, zufolge, gab es für Juden 1933 eine „Gunst der Stunde“.

  1. jap, gut geschrieben. antisemitismus wird heute leider viel zu oft als todschlagargument erlebt, oftmals um verfehlungen argumentativ zu verminen. da tritt natürlich irgendwann eine übersättigung ein. besonders wenn sich nun jeder dahergelaufene „islamkritiker“ als blinder verfechter des judentums outet und sie sich so mit ins boot zu holen versucht für seinen rechtspopulismus. naja, deshalb und um sie gleichzeitig dazu zu benutzten, um demonstrativ nicht rassistisch zu wirken. wunderts da noch, dass ein solch herangezüchtetes, desensibilisiertes klientel auch teilweise auf das judentum umspringt? politische korrektheit in zeiten von „das wird man aber doch noch sagen dürfen“? die zeiten der „mitte“ sind schon stürmisch. da weiss oft niemand genau, wo er wirklich steht. ich halte es für eine illusion, die eine intoleranz getrennt von der anderen behandeln zu wollen. das problem ist nunmal eine abneigung gegen (relativ redundante) fremdeinflüsse. besonders in zeiten, wo jeder unzufrieden ist.

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    1. gut erkannt. der „antisemitismus“-vorwurf wird heutzutage inquisitorisch an der front der „christlich-jüdischen zivilisation“ gegen ihre „feinde“ (natürlich moslems in erster linie, als solche zählen araber auch dann wenn sie griechisch-orthodoxe christen sind, plus ihre „kollaborateure“ im westen, also zb antiimperialisten) verwendet, so dass man gar nicht schauen darf/will was sich hinter dieser front so abspielt

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  2. Die Gunst der Stunde….oder was das sein sollte.
    Ja leben wir denn alle nur noch in Wahnvorstellungen und sehen über all den Bären lauern?
    Zitat:
    Der Zigarettenfabrikant Adam Becker war Eigentümer des Hauses Gutleutstr. 8-12. Er verkaufte sein Haus 1933 an die NSDAP Gauleitung Hessen-Nassau (das Haus hieß fortan Adolf-Hitler-Haus) und bezahlte davon seine Flucht aus Deutschland.—
    ———-
    Na und, sollter lieber im Haus auf mögliche Peiniger warten- den Tod riskieren –oder sonstige Risiken eingehen?
    Was soll denn diese ewige Mutmaßerei, wer wann was warum gemacht hat oder nicht.
    Er verkaufte, solange er noch konnte, was ist daran schlecht und verwerflich.
    An wen, das ist ebenfalls egal, denn diese späteren Diktatoren hätten über Einzug halten können.
    Er hätte damit nicht das Geringste verhindert. Ausserdem stellt sich eher die Frage, ob er überhaupt Wahlmöglichkeiten hatte. Glauben sie, ich würde bei Gefahr lange überlegen, an wen ich verkaufe– da zählt doch nur noch die Möglichkeit abzuhauen. Haus oder Leben!
    Dieses ewige „Aufauschen“ von allem und diese alten Geschichten – da war doch mal–wieder herziehen, das ist doch langsam lächerlich.
    Haben wir denn sonst keine Probleme?

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