Amos Schocken über Apartheid made in Israel

Amos Schocken
Amos Schocken

Ein finsteres Bild des momentanen Zustands im Staate Israel zeichnet Amos Schocken, Herausgeber von Ha’aretz. Mitunter wundert man sich ja als Außenstehender darüber, wie überrascht man sich in Teilen der linksliberalen Intelligenzija in Israel noch immer zeigt ob des Einflusses der Siedlerbewegung Gush Emunim auf die Regierungspolitik fast sämtlicher Koalitionen seit 1967. Dennoch halte ich es für zumindest erwähnenswert, welche Schlüsse Schocken aus all dem zieht: Die Zeichen stehen auf israelische Apartheid:

This is a strategy of territorial seizure and apartheid. It ignores judicial aspects of territorial ownership and shuns human rights and the guarantees of equality enshrined in Israel’s Declaration of Independence. It is a strategy of unlimited patience; what is important is the unrelenting progress toward the goal. At the same time, it is a strategy that does not pass up any opportunity that comes its way, such as the composition of the present Knesset and the unclear positions of the prime minister.

Es geht den Betreibern einer solchen Politik um alles Andere als um Menschenrechte oder um Demokratie. Es geht um die Frage: Wer hat mehr Rechte – so wie seinerzeit in Südafrika. Schocken erläutert dies wie folgt:

The term „apartheid“ refers to the undemocratic system of discriminating between the rights of the whites and the blacks, which once existed in South Africa. Even though there is a difference between the apartheid that was practiced there and what is happening in the territories, there are also some points of resemblance. There are two population groups in one region, one of which possesses all the rights and protections, while the other is deprived of rights and is ruled by the first group. This is a flagrantly undemocratic situation.

Bibi Netanyahu ist all dies nur allzu bewusst. Als Likud-Premierminister spielt er dieses Spiel nicht nur mit, er gestaltet die Regeln immer wieder neu. Der Friedensprozess, über den ja ohnehin seit jeher immer ein großes Fragezeichen stand, ist toter als tot, ja man könnte sagen: Die Ideologie und Strategie von Gush Emunim hat ihm den Garaus gemacht. Die Expansion jüdischer Siedlungen auf palästinensischen Grund und Boden – für Netanyahu, Lieberman und Co. ist dies der wahre Friede. Ein Friede, den keiner stören kann – auch nicht die Amerikaner.

Welcher US-Präsident hat als Letzter noch aktiv und vernehmbar gegen die israelische Siedlungspolitik opponiert? Es war George H.W. Bush. Bush sen.! Seither kuscheln Amerikaner und Israelis all around the clock, und sie nennen das Frieden. Auch dazu Schocken:

It is not easy, and may be impossible, for an American president to adopt an activist policy against Israeli apartheid.

Schocken kommt zu einem entsprechend gruseligen Fazit: Israel lebt gut mit seinem Schwert in der Hand – warum sollte es seine Politik ändern?  Antwort von Schocken: Weil es sich selbst immer mehr in Gefahr bringt –

a situation of living by the sword – a sword that could be a third intifada, the collapse of peace with Egypt and a confrontation with a nuclear Iran.

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9 Gedanken zu “Amos Schocken über Apartheid made in Israel

  1. Man kann erstaunt darüber sein, dass eine Ha’aretz noch immer so kritisch schreiben kann. Ich würde mich nicht wundern, wenn demnächst eine israelische Ära McCarthy anbrechen würde (wozu es erste Tendenzen schon gab – siehe Fall Uri Blau [http://bit.ly/cTgyId] und andere). Hält man sich vor Augen, dass gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts Araber und Juden grundsätzlich konfliktfrei in Palästina zusammen lebten – sehr anschaulich dargestellt in der Doku „Jaffa, an oranges clockwork“ – und die Diskrepanzen erst mit einem auf Konflikt gebürsteten Zionismus begannen – also einem im Sinne Jabotinskys,es hätte auch anders kommen können… – dann sieht man sowohl die „Künstlichkeit“ des Konflikts als auch den Wahnsinn, der durch so eine Laune der Geschichte ganze Generationen ins Verderben führt. Nachdem diese Ausrichtung gegeben war, konnten sich die Falken seit jeher durchsetzen, angefangen von Ben-Gurion (gegen die Linie seines Außenministers und späteren Premiers Moshe Sharett) bis hin zu Netanjahu. Abweichler wie Rabin oder (in Teilen) Olmert wurden kalt gestellt. Da das Gros der Bevölkerung seit der ersten Intifada und spätestens mit den ersten Selbstmordattentaten jegliche Empathie für die Palästinenser verloren hat – in Teilen nachvollziehbar – erleichtert die Sache für Bibi & Co. enorm.

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    1. Danke für den historischen Hintergrund und die Einordnung. Vor einigen Jahren hätte sich Schockens Op-Ed auch noch schneller verbreitet – so nach dem Motto: Einer aus dem zionistischen Establishment, der aufbegehrt. Aber in Anbetracht der, von Dir nicht nur hier, sehr treffend beschriebenen Situation der israelischen Gesellschaft, nimmt man Stimmen wie ihn fast nur noch resigniert zur Kenntnis…
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      1. Oh, es gibt auch „Positives“. Ist es nicht immer etwas Gutes, wenn sich Leute für „ihr“ Land einsetzen? So die US Bewegung „StandWithUs“ (SWU), die mal klein anfing und inzwischen mit einem Budget von 4 Mio. $ vor allem auf US Campussen für Israel wirbt. Motto: Richtig ist, was die israelische Regierung macht. Denn sie ist demokratisch gewählt. Worum es der SWU geht? Nach den Worten der Gründerin [Achtung: Frauen an der Macht! 😉 ] geht es darum, den PR-Krieg zu gewinnen. Erinnert ein bisschen an den Minister, der im Reich Propaganda machte, oder? Es geht nicht um die Tatsachen. Es geht um deren Darstellung. Einen fröhlichen Ersten Advent! Ist übrigens nicht ironisch gemeint. Sagte nicht der Dichterfürst (NEIN: nicht Goethe) zurecht: All the world’s a stage and we are merely players? Oder, in Worten des Denkerfürsten: Unser Leben wird bestimmt durch ein Spielkind, das Welten erbaut, um sie wieder zu zerstören… Ohne eine gewisse Gelassenheit – nicht zu verwechseln mit Fühllosigkeit – würde man nur kirre, nicht wahr? Dann aber könnte ich den großartigen fränkischen Volkardt Riesling nicht mehr geniessen, den ich gerade geniesse 😉

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        1. Danke, ja, mein Leben und das meiner Frau ist schon längst bestimmt von dem Kind, das kommen wird… um es mal adventlich auszudrücken ;-). Und danke, dass Du den Barden erwähnst – habe gerade im Flur ein großes Bild vom Globe Theatre, London, aufgehängt…:-)

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  2. Apropos Ära McCarthy:
    „Israel sorely lacks the checks and balances that are the norm for other Western countries and would protect this country from radical left-wing groups.“
    … schreibt die Chefredakteurin der Jerusalem Post, das unbarmherzige Fräulein Glick, und hat dabei Gruppierungen wie B’Tselem oder NewIsraelFund im Visier. Es braut sich etwas zusammen. Aber das ist nicht neu.

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