Jüdische Lebenswelten im Tatort – aus der Sicht eines Nichtsehers

Vorerst leben meine Frau und meine Wenigkeit ohne Fernsehanschluss. Nachrichten beziehen wir über’s Internet, zum Fußballgucken gehe ich zu Freunden, alle Jubeljahre mal ins Stadion oder in die nächste Sportsbar, wo sich mit mir sicher der eine oder andere Trainingsjacken-Pantoffelheld mit „11-Freunde“-Appeal zur Bundesliga-Bionade-Konferenz einfindet.

Letzten Sonntag, so entnehme ich der Fachpresse, ermittelte das Münchener Tatort-Team Batic/Leitmayr in jüdischen Lebenswelten. Glaubt man dem Rezensenten meines Vertrauens, sowie Matthias Dell vom Freitag, habe ich nicht viel verpasst.

Anscheinend konnte sich das für den 60. Tatort des oben genannten Polizistendarsteller-Duos zuständige Produktions-/Drehbuchteam nicht entscheiden, welchen Vorurteilen über Juden man nun am ehesten nachgehen sollte. Ohne Klischees geht es anscheinend nimmer. Schlesinger:

Der junge orthodoxe Familienvater Fraenkel als der zunächst Hauptverdächtige kann sich den Kommissaren gegenüber anscheinend nur in Form von Thora-Weisheiten oder Sinnsprüchen äußern. Das ist doch ziemlicher Käse. Als müsste sich ein katholischer Priester Kriminalern gegenüber ständig in liturgischen Sprüchen üben – am besten in Latein.

Dass Fraenkel zuhause eine Batterie Zeitschaltuhren aufgebaut hat, um die Shabbes-Zeiten korrekt einhalten zu können, mutet schon befremdlich an.

Seinerzeit, vor gut 13 Jahren, habe ich in einer Jerusalemer Jugendherberge Ähnliches erlebt, als ich mit einem orthodoxen Touristen aus den USA am Sabbath das Zimmer teilte und ihm immer das Licht im en-suite-Bad an- und ausknipsen musste; anyhooo,  der Transatlantik-Blogger hat schon recht:

 Dabei geht es nicht darum, dass so etwas in Wirklichkeit existiert, sondern welche Wirkung beim Zuschauer erzielt wird, wenn solche Phänomene isoliert gezeigt werden.

Schließlich unternimmt Fraenkel einen Fluchtversuch, bleibt aber nach etwa 1 km stehen: Er darf am Shabbat nicht mehr als 2000 Ellen laufen… Bei seiner dadurch ermöglichten Festnahme verliert er seine Kippa und greint drei- oder viermal, man solle ihm seine Kippa geben. Hier geht es nicht darum, dass ein Orthodoxer natürlich seine Kopfbedeckung tragen möchte, sondern darum, dass er wie ein Kind quengelt, als er sie verliert. Schließlich trägt der Verdächtige im Verhörraum eine Serviette (oder Papiertaschentuch?) als Kippa-Ersatz. Mit Verlaub: Da wird einer annähernd als Freak dargestellt.

Nun bin ich mir leider sicher, dass dieser Tatort schon in naher Zukunft von allen anerkannten Bundesbildungszentralen wärmstens empfohlen werden wird. Da war mir „Alles auf Zucker“ in seiner ganzen Unvollkommenheit (– ich werde niemals dem Hannelore-Elsner-Fanclub beitreten- ) lieber.

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