Bilder des Nahost-„Konflikts“? Wirklich?

Der Nahostkonflikt, genauer gesagt: der israelisch-palästinensische Konflikt um die Verteilung von Ländereien, wird begleitet und gespeist von Bildern. Die Art und Weise, wie Betroffene und Beteiligte diesen Konflikt wahrnehmen, steht in wechselseitiger Beziehung mit realen Erfahrungen und Bildern, die ebendiese zum Thema haben. Dass dies auch, zumindest in ähnlichem Maße, für die Wahrnehmung des Konflikts von außen gilt, muss ich an dieser Stelle nicht besonders betonen. Jeder kennt dieses Bild:

Bild: n-tv
Bild: n-tv

Wir schreiben das Jahr 1967. Zu sehen sind israelische Soldaten, die, nach der Eroberung der Altstadt Ostjerusalems sichtbar ergriffen vor der Westmauer – im Volksmund auch Klagemauer genannt – stehen. „Nächstes Jahr in Jerusalem“ – dieses Hoffnungsmotto, so will es die sattsam bekannte Geschichtsschreibung, ist in diesem Moment in Erfüllung gegangen. Um es noch ein bisschen polemischer auf den Punkt zu bringen: Israelische und israelfreundliche Propaganda erzeugten in hiesigen, d.h. deutschen, westlichen, Gefilden Tränen der Rührung: Mit der Waffe in der Hand haben die Soldaten jenes Staates, der als Konsequenz aus der Shoa 1948 ins Leben gerufen worden war, endgültig den Weg nach Zion geebnet. Die Folgen sind klar und für hiesige philantropische und philosemitische Israel-Freunde kaum zu ertragen: Golan, Westbank und Gazastreifen werden besetzt und Ostjerusalem annektiert.

Doch solch dürre Feststellungen sagen nicht die ganze Wahrheit. Auch das folgende Video kann dies nicht leiten. Um mit einem hierzulande wohlbekannten römischen Politiker namens Pontius Pilatus zu fragen: „Was ist Wahrheit?“ Doch die Bilder des Films sagen mehr aus als Worte:

Wir sehen eine Gruppe von Soldaten, die während der Ersten Intifada, Ende der 80er Jahre, den Befehl des damaligen israelischen Verteidigungsministers
Rabin, ja genau der, palästinensischen Aufständischen die Knochen zu brechen. Eine militärische Übermacht schafft sich neue Opfer – und bedient sich dabei in diesem Falle zweier Zivilpersonen. Die Wirkung dieser Bilder in einer Zeit, als es das Internet noch nicht gab, fasst Ali Abunimah wie folgt zusammen:

Today, as video of graphic and brutal violence from all over the world is so easily and quickly available, it might be difficult to understand just how deeply shocking this particular footage was. But it is a piece of film that profoundly and permanently changed the way millions of people saw Israel.

Mittlerweile sind mehr als zwanzig Jahre vergangen. Im Laufe der Jahre sind weitere ikonische Bilder, die den Konflikt beschreiben entstanden. Vor einigen Tagen dann dieser Schnappschuss:

Wir sehen, wie in der Nähe der Westbank-Ortschaft Nabi Saleh der 28jährige Demonstrant Mustafa Tamimi aus nächster Nähe aus einem israelischen Militärfahrzeug mit Tränengas beschossen wird. Aus dem Bild geht nicht hervor, ob Tamimi, der kurze Zeit später seinen Verletzungen erlegen wird, bewaffnet ist. Nach Aussgen von Noam Sherzaf, ist allerdings davon auszugehen, dass Tamimi und die anderen Demonstranten keinerlei Gefahr für Mensch und Material in der israelischen Armee dargestellt haben.

Auch wenn die üblichen Sprecher der israelischen Armee die üblichen Aussagen tätigen – auf unbewaffnete palästinensische Demonstranten aus nächster Nähe mit Tränengas-Kanistern zu schießen, ist weder ein Ausnahmefall, noch etwas völlig Unbekanntes. Erinnert sei nur an den Tod von Jawaher Abu-Rameh aus Bil’in vor Jahresfrist.

Es geht um Bilder des Konflikts und darum, welche Wahrheit zu vermitteln. Könnte es sein, dass die Wahrheit in dem Wort Besatzung – occupation – verborgen ist? Konflikt – das bedeutet für mich: zwei Parteien streiten sich gleichberechtigt und symmetrisch um etwas. Doch von Symmetrie zwischen Israelis und Palästinensern kann in diesem „Konflikt“ ja gar nicht die Rede sein. Nicht wenige Kommentatoren haben 2008-2009 von Krieg gesprochen, als die israelische Armee Tausende zumeist wehrlose Menschen in Gaza massakrierte. Suggeriert wurde immer wieder eine nicht vorhandene Symmetrie zwischen Israelis und Palästinensern. Ist es nicht ähnlich beim Umgang mit dem Wort „Konflikt“? Israelis und Palästinenser im Konflikt? Gibt es eine Symmetrie? Wenn ich mir anschaue, was im heutigen Ha’aretz-Leitartikel angemerkt wird, muss ich Al (Home Improvement)zitieren: „Ich glaube nicht, Tim“:

On the day Tamimi was killed, Chaim Levinson published a report in Haaretz that dealt with the failings of the Israel Police’s Judea and Samaria District with regard to investigations into harm to Palestinians. Concerning the killing of 10-year-old girl Abir Aramin by the IDF in early 2007, the High Court of Justice ruled that the incident was improperly handled; and to date, no one has been called on to answer for the 2009 killing of demonstrator Bassem Abu Rahme. Will the death of Mustafa Tamimi be added to the statistics that show that in Israel, the life of a Palestinian is cheap?

Hören wir in Zeiten der Ära Bibi-Liebermann endlich auf, Bilder wie die oben gezeigten als Darstellungen eines Konflikts zu missdeuten. Gezeigt wird die Unterwerfung der Palästinenser durch die Israelis. Frieden, Krieg, Konflikt, Gewalt – George Orwell lässt grüßen.

6 Gedanken zu “Bilder des Nahost-„Konflikts“? Wirklich?

    1. @alien Nun ja, die Haaretz berichtet als eine der ganz wenigen durchaus über solche Mißstände. Ein wenig auch Yedioth Acharonoth bzw. YNet. Vergeblich sucht man so was in der weltberühmten Jerusalem Post, der Maariv etc.pp.

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  1. Diese einzelnen, dokumentierten und von der Presse behandelten oder auf Youtube bereit gestellten Fälle kratzen nur dürftig an der Oberfläche.
    Kein Mensch hat je gezählt, wie viele palästinensische Krebs- oder Dialysepatienten, an Lungenentzündung oder anderen Krankheiten schwer Erkrankte starben, nur weil sie ein missmutiger israelischer Soldat nicht durch den Checkpoint ließ.
    In Israel weiß man nichts von diesem eigentlichen – da zahlenmäßig viel größeren – Grauen oder will es nicht wissen. Nicht zu sprechen von der tausenfachen Demütigungen an Straßensperren oder etwa beim Zugang zur Al Aqsa. Einzelne, ja Dutzende Tote oder Verletzte kann eine Nation hinnehmen. Eine über Jahre hinweg erfolgende hunderttausendfache Demütigung nimmt niemand hin. Das Ergebnis dieser Massenpsychose, die oft gar nicht anders kann als sich in Gewalt zu äußern, spielt freilich den Falken in Jerusalem in die Hände: Schaut, wir haben schon immer gesagt wie gewaltbereit oder gewalttätig sie sind!

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    1. Da hast du recht. Es gibt durchaus pal. Websites, die da immer mal rechnen, und das läuft, zusammen mit Schäden durch Waffen- und Umweltbelastung (Verschmutzung d. Trinkwassers u. Zerstörung d. Kläranlagen) auf einen stillen Völkermord hinausläuft.

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