Deutscher Medienpreis für Mitri Raheb

Gratulation an den protestantischen Theologen Mitri Raheb, einen der wichtigsten Verfechter einer zeitgenössischen Palästinensischen Kontextuellen  Theologie. Neben drei weiteren „leisen Friedensstiftern“ ist ihm der Deutsche Medienpreis verliehen worden:

Raheb betreibt neben seiner Gemeinde ein Internationales Begegnungszentrum, ein Bildungswerk und ein Gesundheitszentrum. Er konzentriert sich seit 15 Jahren darauf, die Kultur des friedlichen Dialogs unter den Palästinensern zu fördern. „Wenn man sich selbst nicht lieben kann, kann man den Feind nicht lieben. Die meisten Deutschen wollen, dass wir den Feind lieben, ohne dass wir uns mit uns selbst beschäftigen. Ich sage, das ist genau das Falsche. Wenn man es nicht schafft, sich selbst zu lieben, kann man seine Frau nicht lieben und seine Nachbarn nicht lieben und seinen Feind nicht lieben.“

Wesentlich mehr Raum in der Meldung zur Entscheidung, Raheb zu den diesjährigen Medienpreisträgern zu machen, nimmt in Engelbrechts Webartikel die Kritik der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und des Koordinierungsrates der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit eben daran ein. So etwas nennt man Beißreflexe. Ein Palästinenser erhält eine lobende Erwähnung, ohne dass einem israelisches Pendant Gleiches widerfährt, und schon können die Sachwalter des Ökumenischen Deals (Marc H. Ellis) zeigen, dass man sie nicht umsonst in ihre Ämter gehieft hat. Die Rede ist von alten antijüdischen Klischees , die Raheb angeblich verbreitet (etwa im  Kairos-Papier) , und man will sich nicht damit einverstanden erklären, dass Raheb zu gewaltlosem Widerstand gegen israelische Besatzer aufruft.

Mein Eindruck: Allein die Tatsache, dass es palästinensische Christen überhaupt gibt, muss diesen Herrschaften ein Dorn im Auge sein. Flossen nicht gerade in diesen Kreisen jahrelang Krokodilstränen ob der vermeintlichen Abwesenheit einen „palästinensischen Gandhi“? Könnte es sein, dass ihnen Stimmen wie die eines Mitri Raheb oder seiner Schwester Viola Raheb besonders zu schaffen machen, weil an ihnen deutlich wird, wie romantisch, umgedreht antisemitisch/antijudaistisch, wie irreal das Nachdenken über Israel in hiesigen pro-israelisch-christlichen Kreisen vorgetäuscht wird?  Mitri Raheb hat in Heidelberg Theologie studiert. Neben der deutschen Sprache beherrscht er also auch den Jargon des Betriebs – und das ihm zugrunde liegende Denken im Rahmen einer Theologie nach Auschwitz. In seiner Autobiographie/seinem Entwurf einer  Kontextuellen Palästinensischen Theologie  Christ und Palästinenser schreibt Raheb:

Es ist dieser Machtwechsel auf Seiten der Juden, der meiner Meinung nach in der Theologie nach Auschwitz nicht genug berücksichtigt wurde. Denn als diese Theologie sich mit der Schuld an den Juden auseinanderzusetzen begann, war Israel dabei, die in Israel-Palästina lebende arabische Minderheit zu diskriminieren und die Palästinenser als Büger(innen) zweiter bzw. dritter Klasse zu behandeln. Später besiegte Israel die arabischen Armeen und besetzte die Westbank und Gaza und hielt ein ganzes Volk wider seinen Willen wehr- und machtlos, indem es sich weigerte, ihm seine Rechte und Unabhängigkeit zuzugestehen. Dazu jedoch schwieg die Theologie nach Auschwitz. (S. 95)

Und wenn nicht geschwiegen wird, wird die deutsche Version des 1967er-Schlagers „Jerusalem of Gold“ gesungen – oder man denunziert palästinensische Friedensaktivisten. Wäre Gandhi Palästinenser gewesen, man hätte ihn zum Hitler mit Handtuch erkoren.

Lobenswert, dass ARD-Korrespondet Engelbrecht am Ende seines Artikels differenzierend feststellt:

Der Pfarrer von Bethlehem stellt also nicht Jesus als Palästinenser dar und bestreitet nicht die alttestamentlichen Verheißungen Gottes an das jüdische Volk. Aber er wehrt sich dagegen, das biblische Israel mit dem heutigen Staat Israel gleichzusetzen. Hier liegt der Kern des Streits zwischen Raheb und seinen Kritikern.

Wäre Gandhi Palästinenser gewesen, man hätte ihn zum Hitler mit Handtuch erkoren.

Rahebs Dankesrede, die er am 24. Februar 2012 in Baden-Baden hielt, kann hier gelesen werden.

(Dank an Uri Shani)

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4 Gedanken zu “Deutscher Medienpreis für Mitri Raheb

  1. Danke für die knappe Analyse. In der Tat : die palästinensische Befreiungstheologie, das Kairosdokument machen für Christen in Deutschland den schmalen Weg zwischen der Solidarität mit Israel und der mit den Opfern des selben Israel noch schmaler und gewundener. Peter Berger hat das schön und aufmerksam beschrieben : http://blogs.the-american-interest.com/berger/2011/10/19/german-christians-and-the-middle-east/
    Die Preisverleihung an Mitri Raheb wurde gerade deswegen von einigen aufgegriffen, denen dieser mühsame,widersprüchliche und vieldeutige Weg schon lange nicht passt.
    Und das ging so :am 10.11.2011-ursprünglich bei Stonegate – veröffentlichte Malcolm Lowe eine Polemik, die Raheb kurzerhand des Rassismus bezichtigte.http://www.nicht-mit-uns.com/nahost-infos/texte/4Lowe111110.html Lowe gibt dafür einen Beleg an : auf der „Christ at the Crossroads Konferenz „2010 hatte Raheb eine Rede gehalten, in der er sagte ,dass bei einer DNA Untersuchung auf Jüdischkeit er, Mitri der Palästinenser, wohl als der echte Nachfahre König Davids und Jesu aufgefunden würde. Während bei Netanyahu als Nachkomme der Chasaren da ja wohl nichts zu finden wäre.Das ganze liest man hier http://www.christatthecheckpoint.com/lectures/Mitri_Raheb.pdf Hört sich gewiss übel an. Aber wer den ganzen Text liest kann das Launige daran nicht überlesen. Mitri Raheb haut ein wenig auf den Putz und erwartet dafür eigentlich Tomaten. (Ich jedenfalls kenne kein Volk , das verrückter nach DNA Analysen wäre als die Israelis.Und zum Grinsen bringt mich das auch immer wieder.) Was er ja auch deutlich sagt : es geht nicht um die DNA sondern um die palästinensische Erfahrung, die für ihn die biblische Botschaft per analogiam zum Sprechen bringt. ( Tillich,der dritte Säulentheologe des Protestantismus sagt doch entsprechend ,dass die proletarische Situation der theologische Kairos sei ) Wer den Redetext weiter genauer liest bemerkt auch das Improvisierte und Stegreifhafte daran. Also kein Grund hier Worte auf die Goldwaage zu legen.
    Ein einfaches : Aber Herr Pastor! hätte gereicht. Nur war die Gelegenheit für Lowe wohl zu und zu schön. Wohlgemerkt : basierend auf 2 Sätzen als Prämisse häuft Lowe Schlussfolgerung auf Schlussfolgerung – der Schaum vorm Mund ist unüberlesbar – um zum – wohl schon vorausgesetzten – Ergebnis zu kommen, Raheb sei sowohl Rassist als auch theologisch ein Vertreter der Substitutionstheologie.
    Ärgerlich für Lowe muss es gewesen sein,dass so recht niemand auf die Verleumdung eingestiegen ist.Das wurde anders , als die Vergabe des Medienpreises an Raheb am 13.1.mitgeteilt wurde.
    Lowe ist das entgangen,aber nicht Ulrich W.Sahm, der am 25.1.auf Israelnetz- man kann alle Texte auf Sahms Seite lesen : http://usahm.weebly.com/raheb.html – aus gegebenem Anlass betroffen und entsetzt auf den berühmten Historiker Lowe verweist , der nachgewiesen habe,dass dem „neuen Denken“ Rahebs „vor allem eine Absicht zugrunde( liege): zu zeigen, dass die Bibel bei der Rede vom auserwählten Volk die heutigen Palästinenser und insbesondere die palästinensisch-arabischen Christen meint“ Was Raheb gerade nicht sagt.Sahm macht was ihm so liegt : andere zu zitieren und durch kleinere Änderungen zu vergröbern,z.B. geht bei Sahm Rahebs Rede als Grundsatzreferat. Aber wo Lowe noch 2 Sätze Rahebs zitiert ,zitiert Sahm nur Lowe, die Autorität.
    Was natürlich zu wenig ist . Weinthal in der Jpost vom 6.2.perfektioniert die Methode. Er zitiert das Wiesenthal Center ,wo man weiss,dass Raheb für BDS ist und auch weiss dass er in besagter Rede Rassismus und Substitutionstheologie verbreitet habe.( Was bestimmt durch Lowe vermittelt ist; andere Quellen zieht man nicht heran.) Aber weil ja Experten Eindruck machen zitiert Weinthal noch den NGO Monitor : „The Rev. Dr. Mitri Raheb represents the antithesis of building peace and mutual understanding in the Middle East. He is a board member of Kairos Palestine, whose guiding document calls for BDS [boycotts, divestment and sanctions] against Israel, advances the Christian theological doctrine of supercessionism and denies the Jewish historical connection to Israel. „.Nun findet sich aber auf der NGO Monitor Seite kein Quellennachweis für diese Verleumdungen : wohl aber ein Auszug aus Weinthals Artikel.
    Ums kurzzumachen : die angewandte Methode ist die der Verleumdung, in der Verdächtigung auf Verdächtigung gehäuft wird und durch anhaltende Rückverweise und steigernde Umschreibungen der Anschein von Belegbarkeit erweckt wird.Also eine schlichte Kabale.
    Die gleichwohl erfolgreich war. Neben den Zio-Kongs aus dem südwestdeutschen evangelikalem Milieu ( das hat Tradition : das selbe Milieu kämpfte ebenso diffamierendund menschenverachtend gegen Bultmannsche Theologie, gegen das Antirassismusprogramm des ÖRK und natürlich gegen das Kairos Dokument aus Südafrika.) meinten auch ganz anders denkende
    Theologen aus dem Umfeld der GCJZ an Roman Herzog warnend schreiben zu müssen.Man muss es ihnen lassen : das Trio Sahm/ Weinthal / Steinberg hat da ein breites Bündnis organisiert,das über die
    erzreaktionären und anti-aufklärerischen Konventikel hinausgeht. Was wahrscheinlich macht,dass die Treibjagd gerade erst beginnt.Ich für meinen Teil habe begonnen, an viele Freunde in der evangelischen Kirche zu schreiben,denen Israel eben so sehr am Herzen liegt wie die Selbstbestimmung der Palästinenser.
    Um genau das anzustossen,was bislang fehlt : die Diskussion der Theologie nach der Shoah
    im Verhältnis zu der ökumenischen palästinensischen regionalen Theologie der Befreiung.Mal sehen ob Theologen wie die Stegemanns oder Klaus Wengst sich lange der eigenen Einsicht verschliessen können,dass das Evangelium soziale Erfahrung ‚ist‘ und in Bethlehem ‚Frohe Befreiung-Dankbarer Dienst ‚( Barmen II ) Widerstand gegen die Besatzung sein muss.

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    1. Herzlichen Dank für diesen ausführlichen Kommentar. Nicht nur gehen Sie ein auf einige selbsternannte „Kritiker“ Rahebs und weisen überzeugend nach, auf welcher ideologischen Hälfte ihr Brötchen besonders dick mit Butter bestrichen ist – Sie liefern auch Einblicke in protestantisch-theologisches Denken und Verhandeln, für einen Katholiken wie mich immer wieder sehr spannend. Ergänzend darf ich im folgenden einige weitere Literaturhinweise zum Thema „Palästinensische Christen/palästinensisch-christliche Theologie“ anfügen. Ich bin mir sicher, lieber W. Sauerland, Sie kennen das meiste und mehr:

      Eine äußerst lesenswerte „gesprächsweise Annäherung an eine ökumenische Biographie“ des großen Theologen Paul Löffler gibt es zu lesen in
      ders., Spannungen leben!, Berlin 2006.

      Naim Stifan Ateek, Gerechtigkeit und Versöhnung. Eine palästinensische Stimme, Berlin 2010.
      Ders., Recht, nichts als Recht! Entwurf einer palästinensisch-christlichen Theologie, Fribourg/Brig 1990.
      Viola Raheb, Geboren in Bethlehem. Notizen aus einer belagerten Stadt, Berlin 2003.
      Weiteres:
      Ulrike Bechmann, Ottmar Fuchs (Hgg.), Von Nazareth bis Bethlehem: Hoffnung und Klage. Mit einem Forschungsbericht von Saleh Srouji, Münster et al 2002.
      Ulrike Bechmann/Mitri Raheb (Hgg.) Verwurzelt im Heiligen Land. Einführung in das palästinensische Christentum, Freiburg 1995.
      Dirk Biestmann-Kotte, Die Menschen, das Land und der Ölzweig. Palästinensische Christen für Frieden und Gerechtigkeit, Berlin 2002.
      Thomas Damm, Palästinensische Befreiungstheologie, Berlin
      Uwe Gräbe, Kontextuelle palästinensische Theologie, Erlangen 1999.
      Reiner Nieswandt, Abrahams umkämpftes Erbe, Stuttgart 1998.
      Harald Suermann (Hg.), Zwischen Halbmond und Davidstern. Christliche Theologie in Palästina heute, Freiburg et al 2001.

      Ich erhebe keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit! Immer wieder weise ich auf das auch in dieser Hinsicht reichhaltige Programm des AphorismA-Verlags, Berlin, hin.

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