Grass und so weiter…

Weil ich so lieb gefragt worden bin und in diesem Blog ja auch zu einem nicht ungerüttelt Maß meine eigene Profilneurose auslebe, denke ich mal in schriftlicher Form über Grass und seinen „Anschlag auf Israels Existenz“ in Form seines Gedichts „Was gesagt werden muss“ nach.
Zu den empörten Reaktionen (Mißfelder, Broder, Giordano, Klarsfeld et al) zitiere ich einfach mal den werten Herrn Finkeldey:

Um meine intellektuelle Zahlungsfähigkeit klarzustellen, habe ich es nicht nötig, meine Zeit in die nächste Pfütze zu schmeißen.

Was Grass selbst angeht: Ich bin kein Fan und habe ihn nie gern gelesen. Den Sozialdemokratismus, so wie er ihn seit jeher propagiert, finde ich im Wesentlichen fehlgeleitet. Warum?
Erstens, weil in ihm Grass selbst eine viel zu wichtige Rolle spielt. Grass ist sich selbst zu sehr der treuste Abnehmer seiner Ideen und Gedanken. Ein Gedicht „Was gesagt werden muss“ zu nennen, passt in dieses Muster, und das macht ihn, seinen Duktus und Habitus zuweilen so unangenehm. Ich denke, Literatur, besonders wenn sie gut sein soll, entsteht am besten ohne (Blech-)Trommelwirbel. Literatur leistet Erzieherisches, wenn der oder die Literaturschaffende die Einstellung zur Geltung bringt, dass es genauso gut auch ohne ihn oder sie funktionieren könnte.

Aber dieser Gedanke fehlt bei so vielen öffentlich Intellektuellen. Und Grass macht da eben keine Ausnahme. Sein Sozialdemokratismus ist auch deshalb fehlgeleitet, weil in ihm der sogenannte „gute Deutsche“ als Addressat fungiert. Gibt es den? Kann es den geben? Keine Ahnung.

Warum aber schwieg ich bislang?
Weil ich meinte, meine Herkunft,
die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist,
verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit
dem Land Israel, dem ich verbunden bin
und bleiben will, zuzumuten.

Dies scheint also immer das wichtigste gewesen zu sein, und ist es noch immer: Als guter Deutscher wahrgenommen zu werden. Um reale Gegeben- und Gewordenheiten vor Ort geht es ihm nicht. Und das verbindet ihn mit seinen lautesten Kritikern.
Das Gedicht als solches tritt völlig in den Hintergrund. Grass hätte auch behaupten können, er schreibe einen Einkaufszettel, und Giordano, in letzter Zeit ja eher an der Seite islamhassender Pro-Prolls Schlagzeilen machend denn als Autor und Filmemacher, Graumann (*kreisch*), Broder (*gröhl*), Mißfelder (*schnarch*) und Klarsfeld – die anscheinend ihren Wählern und Nichtwählern aus der letzten Bundesversammlung noch einmal in Erinnerung rufen wollte, warum sie mindestens so deutsch ist wie Joachim Gauck, hätten ihren Reflexen wohl kaum nachgegeben. Wer wären sie, wenn sie Grass‘ Steilpass nicht angenommen hätten?

Dass es sich um Reflexe handelt, ist unstrittig. Der gute Schlesinger hat in den letzten Tagen einige Blogartikel zu Antisemitismus, Grass und Co. verfasst. Ich bewundere seinen Fleiß und seine Umsicht, epfehle seine Texte nachdrücklich – und doch, lieber Schlesinger: Nimmst Du das ganze Theater nicht vielleicht ein bißchen zu ernst?

Meine Meinung zur Angelegenheit Grass – seine SS-Mitgliedschaft habe ich jetzt mal nicht erwähnt…: Einerseits alles Theater, und mir fehlen Lust und Geduld, mich zu all dem Quatsch analytisch schärfer zu äußern. Andererseits: Was und wer im hiesigen Nahost-„Diskurs“ als akzeptabel und respektabel gilt, macht mir dann doch auch Angst. Möglicherweise hat Schlesinger diesem Gefühl Ausdruck verleihen wollen. Antisemitismus und Rassismus lassen sich weder durch den guten Deutschen G. Grass noch durch seine enthemmten Verdammer bekämpfen. Moshe Zuckermann dazu:

Genährt wird dadurch ein Ressentiment. Denn die Diskrepanz zwischen dem aus Angst befolgten Denkverbot und dem Wissen, wie es um Dinge, über die man (öffentlich) nicht sprechen darf, realiter steht, mithin zwischen konsensuellen Verhaltensvorgaben und dem Widerwillen, sich als souverän denkender Mensch solcherart dressieren zu lassen, muss ja irgendwie bewältigt werden.

In dieser Affäre geht es nicht um Israel, nicht um den Iran und schon gar nicht um eine angemessene Würdigung der Lage in Israel-Palästina. Deutsche sprechen als Deutsche über sich und sonst niemand. Darum geht es. Das ist das Thema. Und ich bin müde.

Ein Gedanke zu “Grass und so weiter…

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