„Befindlichkeitssoziologie“

Lesenswertes Interview, in welchem der Soziologe Peter Ullrich eine Bestandsaufnahme dessen unternimmt, was man – m.E. nicht immer mit Fug – als „Nahostdiskurs“ in der hiesigen Linken zu bezeichnen beliebt. Dabei kommt er zu einer theoretisch einfachen, in der Praxis allerdings nicht ohne Reibungsverluste auskommende, Formel:

Der Lackmustest ist für mich, ob es den Aktivist_innen nur um die Wiederherstellung historischer Gerechtigkeit geht, die ihren Ausdruck oft in den aufbewahrten Schlüsseln palästinensischer Flüchtlinge findet, welche die Sehnsucht nach ihrem (i.d.R. nicht mehr existenten) Heim im heutigen Israel symbolisieren, oder, ob genauso die Lage und berechtigten Interessen aller heute in der Region lebenden Menschen zum Ausgangspunkt des Engagements gemacht wird.

Es ist nicht so einfach. So rational richtig sich die Aussage liest – mir kommt die Empathie mit den Opfern der Nakba zu kurz. Empathie soll nicht die Artikulierung irgendeiner Zerstörungsphantasie meinen, aber ich stelle mir vor, Ullrich äußert sich entsprechend gegenüber palästinensischen Flüchtlingen. An dieser Stelle dürfte deutlich werden, dass es nicht immer unproblematisch ist, sich beim Thema Israel-Palästina ausschließlich befindlichkeitssoziologischen Aspekten zuzuwenden, die für Menschen in Israel-Palästina selber nicht wirklich von Belang sein dürften. Nur nebenbei eine Frage an Experten: Befindlichkeitssoziologie, das ist doch wohl ein Neologismus, oder?

3 Gedanken zu “„Befindlichkeitssoziologie“

  1. Nun, mein Lieber, das sehe ich genauso. Aber es geht mir um die Motive von Aktiven hier. Verfolgen sie ein universalistisches programm, oder machen sie sich 150% zum Sachwalter der Sache von anderen (und übersehen dabei ihren eigenen Anteil). Ich respektiere die Schlüssel der Palästinenser/innen und ihre Bedeutung, aber ich weiß, dass eine Lösung AUCH auf ganz anderen Ebenen als dem Zurück ansetzen muss. Zuerst indem hier Flüchtlinge dauerhafte bleiben können. Dafür will ich auch den Kampf sehen.

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