Bedrückend.

Und so saß ich mit meinen Schülerinnen und Schülern einer achten Klasse in der Münsteraner Synagoge und lauschte dem Vortrag des Rabbiners. Es ging um jüdischen Glauben, jüdische Liturgie und Traditionen. Es ging um jüdische Ethik und die Thora. Jude sein, so erklärte uns der Rabbiner, bedeute nicht so sehr, immer an Gott zu denken, sondern Gutes zu tun für Andere. Viele Fragen stellten die 13- bis 14-jährigen Jugendlichen. Die letzte Frage lautete: „Wenn es um Gutes Tun geht, warum behandeln Israelis Palästinenser dann so schlecht?“ Die gewundene Antwort – und der Rabbiner betonte mehr als einmal, er wolle nicht politisch, sondern religiös argumentieren: “ Gott hat den Juden das Land versprochen.“ Und auch der Rest seiner Ausführungen zu der Frage war Hasbara. Bedrückend.

8 Gedanken zu “Bedrückend.

  1. Bedrückend? Wohl kaum. Eher zeigt es den Widerspruch auf, der zwischen liberalen Juden und Israel besteht. Die Frage war großartig, die Antwort eben entsprechend. Der Rabbi steht wunderbar für all jene Amerikaner (immerhin eine genauso große Gruppe wie jüdische Israelis), die sich immer mehr von Israel abwenden (auch wenn er selbst das vielleicht nicht tut). Denn die Parteinahme für einen Staat, der seit mehr als 40 Jahren Kriegsrecht über eine andere Bevölkerung verhängt, sie ausplündert, ermordet, unterdrückt, wegsperrt, ihr Land raubt und die umliegenden Länder mit Krieg übersät, kann irgendwann nur noch klappen, wenn man eine gespaltene Persönlichkeit ist. Diejenigen, die das Regime über die Palästinenser in den Besetzten Gebieten aber auch in Israel rechtfertigen und verteidigen, sind dann auch sonst ziemlich rechts auf der politischen Landschaft angesiedelt. Schau dir die USA an: während vor 10 Jahren die junge Generation noch voller Inbrunst ihre IDF-Helden abgefeiert hat, die über den Teich kamen, um die Niederschlagung der 2. Intifada zu propagieren (was größtenteils möglich war durch die Selbstmordanschläge), werden die Palästinasolikomittees heute nicht selten von großen Teilen jüdischer Studenten bevölkert. Gleichzeitig sind die Israel-Komitees winzig geworden und treten auf Veranstaltungen nur noch sehr defensiv auf. Ähnliches ist übrigens auch in Deutschland zu sehen, nur übernehmen hier weiße Nichtjuden die Rolle der Israelapologeten, während die (noch) winzige (aber wieder erstarkende) Palästinasoli sich aus einem bunten Mix (Deutsche, Araber verschiedener Nationalität, Israelis, Juden, Atheisten, Muslime) zusammensetzt. Man kann nicht linksliberal sein und Israels Politik verteidigen. Das ist ein unlösbarer Knoten und immer mehr Leuten wird das bewusst.

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    1. Nun, der Rabbi ist Israeli… aber ich weiß, was Du meinst. Seit es in Münster einen Rabbiner gibt, wird dieser überall herumgereicht als Verkörperung des Guten an sich. Und auf diesem Ticket ist es dann auch egal, wenn die Palästinenser in ihrer kollektiven Existenz geleugnet werden, Glda-Meir-Style. Bedrückend fand ich die Worte des Mannes, weil die Schüler vor ihm saßen, mit Gesichtern, die allesamt Fragezeichen glichen, enttäuschten Fragezeichen: „Das meinen Sie nicht wirklich ernst?“ Der Mann redete und redete, und irgendwann mussten wir dann auch zum Zug. Die Situation war in der Tat bedrückend, und ich schämte mich ein wenig dafür, dass ich die Kids einem solchen geballten Schwall an Unsinn ausgesetzt hatte.

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  2. Bedrückend ist allenfalls die Frage in diesem Zusammenhang: Offenbar redete der Rabbiner über das Judentum. Als Abschluss die Frage »Warum behandelt Ihr die Palästinenser so schlecht« zu stellen, zeigt nur, dass man zuvor nichts verstanden hat. Die Synagoge Münster ist die Synagoge der Stadt Münster (und des Umlandes) und nicht die Botschaft des Staates Israel, in der man solche Suggestivfragen vielleicht stellen kann.
    Der Rabbiner hätte dies aber auch souverän zurückweisen müssen. Es gibt ja wohl kaum eine Synagogenführung, in der dieses Thema nicht aufkommt. Es sei denn, man macht vorher klar, auf welchem Diskursfeld man sich bewegt.

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    1. Oh Mann, hast ja nicht unrecht, aber wenn ich im Zusammenhang mit den von mir Unterrichteten denke und dann den Begriff „Diskursfeld“ benutze – ich tu den Kids nicht unrecht, wenn ich sage: Das passt nicht…:-)

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  3. Ich muss mal nachfragen: Warum war das eine tolle Frage?
    Das Problem mit solchen Fragen in Deutschland ist, dass die immer gestellt wurden, völlig egal was israelische Politik gemacht oder nicht gemacht hat. Ich kenne diese Art Fragen an irgendjemanden seit Anfang der siebziger Jahre und es ging bei meinen Klassenkollegen im Gymnasium nicht um Solidarität mit Palästinensern, sondern um die in der Frage implizierte Antwort. „Der Rabbi ist Israeli.“ Ja, und?, ich kannte Leute, die keine Rabbis waren und keine Israelis und denen die Frage auch bei der erstbesten Gelegenheit gestellt wurde, weil die irgendwie als Juden identifiziert worden waren. Und darum gehts bei der Frage, ums identifizieren; wenn es keine israelische Politik gäbe, dann eben was anderes. Im Alltagsgespräch hat sich das nicht verändert und findet seine neuere Analogie im Haftbarmachen irgendwelcher Muslime mit irgendwelcher Staatsangehörigkeit für alles mögliche in der Welt, wobei sich i. A. auch der taktische Israelfreund eben als Taktiker entpuppt.

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  4. Ehrlich gesagt weiss ich nicht, worum es bei den Besuchern bei dem Besuch der Synagoge ging.. Ging es um das Judentum? oder um die Politik des Staates Israel. Wenn es um das Judentum ging, muss ich sagen, dass DER Rabbi der Gemeinde völlig richtig reagiert hat. eS kann nicht angehen, dass der rabi nur weil er Israeli ist, erwartet wird, dass Antworten auf den Konflikt hat und wenn die Kinder es erwartet haben, dann sind sie schlecht auf den Besuch der Synagoge vorbereitet wurden.

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    1. Wenn Du ganz genau aufpasst, sollte es Dir aufgefallen sein, dass Du Deine Frage, worum es ging, eigentlich selbst beantwortest. Es ging um die Synagoge. Und noch eine Frage an Dich: Wie hätte für Dich eine gute Vorbereitung der Schülerinnen ausgesehen? „Bitte keine Fragen zu Israel-Palästina?“ Echt?

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