„Butlers Äußerungen zum Nahen Osten sind Dokumente politischer Ahnungslosigkeit“

Das, was man verkürzt-verkürzend die „Debatte“ um Judith Butler und den Adorno-Preis nennen könnte, als öffentliche Scheindiskussion über Antisemitismus, Antikolonialismus, Hamas, Hezbullah und Linke, hat Detlef Claussen so inhaltlich treffend wie für die Befindlichkeit wohltuende Weise durch den Kakao gezogen. Seien wir ehrlich: Das ganze Theater hat nur dazu geführt, dass sich kaum noch jemand mit Butlers eigentlichen Arbeitsfeldern und -schwerpunkten befassen möchte, geschweige denn, dann man diese kritisch unter die Lupe zu nehmen bereit ist. Butler, sicherlich nicht ohne eigenes Zutun, ist mehr und mehr auf ihre vermeindliche Israel-Feindschaft reduziert worden. Da konnte sie entgegnen, wie und wem sie wollte.

Für Claussen gibt es in der Angelegenheit zwei Seiten, was schon einmal an sich, besonders vermerkt werden sollte. Die Zeiten sind rauh und die Nahrung kärglich. Einerseits ist da Judith Butler, JB, die man nicht als Antisemitin bezeichnen dürfe, findet auch Claussen, aber was heißt das schon:

Butlers Behauptung, Hizbollah und Hamas seien Teil einer „globalen Linken“, ist weder antisemitisch noch selbsthasserisch, sondern realitätsunabhängig und voll dumm. Eine „globale Linke“ gibt es ebenso wenig wie die Weisen von Zion. Das wird nicht dadurch besser, dass es weltweit einen Haufen von dummen Linken gibt, die nicht erkennen können, dass islamistischer Fundamentalismus und Linke eine contradictio in adiecto ist. Antiimperialismus dagegen ist kein linkes Alleinstellungsmerkmal; auch die Nazis sahen sich als Antiimperialisten. Butlers Äußerungen zum Nahen Osten sind Dokumente politischer Ahnungslosigkeit.

Überhaupt Butler:

Sie gehört zu den Spitzenstars der akademischen Verpackungskünstler, die keine Beziehung zu irgendeiner Sache haben, sondern nur zu ihrer eigenen Schaustellerei. Man hätte genauso gut Zizek, Agamben oder Sloterdijk den Adornopreis verleihen können. Sie alle sind in der Selbstdarstellung geschickt, haben zu allem und jedem etwas zu sagen, was kaum einer versteht, der nicht in ihren Spezialsprachen geschult ist. Ihre Schriften und Reden sind die letzten Atemzüge einer Postmoderne, die sich in der Produktion von „elegantem Unsinn“ (Sokal/Bricmont) erschöpft hat. Selbstreferentieller Akademismus, der aber über Massenmedien zu kommunizieren gelernt hat. Partielle Schläue in der Selbstvermarktung, also Halbidiotismus.

Und ich dachte schon, ich wäre der einzige, der Zizek nicht versteht. Andererseits sind da jene, für die es unerträglich ist, ja einer Wiederauferstehung Hitlers gleichzukommen scheint, wenn JB den Adornopreis tatsächlich in Empfang nehmen darf. Claussen nennt diese Leute treffend „watchdogs„:

sie, die allezeit gegen political correctness hetzen, verdammen aus politischen Gründen und reaktionären Universitätsinteressen alle, die nicht ihre Glaubenssätze unterschreiben. Für sie ist alles legitimer War on Terror: Flächenbombardement, gezielte Tötungen, Folter im Verhör, Vergiftung der akademischen Atmosphäre. Diese Koalition hat schon die letzten Lebensjahre des klugen Tony Judt vergiftet. Der massenmediale Alarmismus der watchdogs erinnert an den Kalten Krieg: Gesinnungsschnüffelei mit dem Hinweis auf die totalitäre Gefahr. Dabei sind ihre Aktivitäten die Gefahr für die Freiheit selbst …

Da das alles hinlänglich bekannt ist, wendet sich Claussen am Ende noch einmal Butler zu. Und damit der „erfundenen Tradition“ des Adornopreises. Dieser sei letzten Endes dann doch nur, meint Claussen, ein Anlass, Stars und Sternchen des kritischen Denkens auf ein Podest zu stellen. Mit Adorno bzw. Kritischer Theorie an sich habe das alles wenig bis gar nichts zu tun:

Die glamourösen Namen schon berühmter Preisträger sollen weltweit glänzen, ihre Beziehung zur Kritischen Theorie ist egal. Sonst hätte den Adornopreis der gerade verstorbene Alfred Schmidt oder die noch lebenden Oskar Negt und Martin Jay längst bekommen müssen. […] Da kann man schon mal eine politische Vollidiotin in Kauf nehmen, wenn sie nur in der scientific community einen großen Namen hat – siehe Judith Butler.

Man muss nun nicht in jedem Punkt mit Claussens Thesen überseinstimmen. Im Zusammenhang mit Butler die Wendung „politische Vollidiotin“ zu benutzen, ist harter Tobak. Warum Claussens Verriss sämtlicher in der Causa JB involvierter Beteiligter lesenswert ist, liegt in Claussens Fähigkeit begründet, polemisch zuzuspitzen und dabei doch zu differenzieren. Man mag gegen Claussen einwenden, er beschränke sich darauf, die Person JB zu kritisieren, anstatt sich mit ihrer Arbeit als Philosophin und Gender/Queer-Theoretikerin zu befassen. Seine  Hauptaussage scheint mir aber dennoch recht griffig zu sein: Es geht nicht um ein Für oder Gegen Israel. Es geht nicht um Gesinnung und Glaubensbekenntnis: Es geht um die Inszenierung einer öffentlichen Intellektuellen, deren Thesen zum Nahostkonflikt einfach nur „voll dumm“ zu sein scheinen. Ob man dem nun zustimmen mag oder nicht: „Voll dumm“ kann auch sein, wer nicht antisemitisch veranlagt zu sein.  Antisemiten sind dumm. Aber Dumme sind nicht immer Antisemiten.

Deshalb zum allerletzten Mal: Glückwunsch zum Adorno-Preis, Frau Butler. Und nun zurück zur Philosophie.

Dank an Georg Klauda.

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