Nicht vergessen: Auch jenseits des Zauns wird gelitten!

Israelis Innenminister Eli Yishai macht aus seinem Herzen keine Mördergrube:

„The goal of the operation is to send Gaza back to the Middle Ages. Only then will Israel be calm for forty years.“

Gaza zurück ins Mittelalter? Dort wo sich Männer wie Yishai schon längst aufhalten?  Aber warum so schwierig, wenn es ohnehin besser wäre, noch kürzeren Prozess zu machen. Bis dato sind 44 Todesopfer in Gaza zu beklagen, an die 400 Personen sind verletzt, wobei unklar ist, wie schwer.

An dieser Stelle möchte ich nochmals festhalten möchte: Neben den Menschen in Gaza, die sowohl als Wahlkampfkanonenfutter für Netanyahu, Barak und Co. als auch für das Verhalten der Hamas einmal mehr die Zeche zu zahlen haben, geht mein Mitgefühl auch an jene Israelis, die unter den Raketen aus dem Gazastreifen zu leiden haben. Nein, ich vergleiche die Situationen diesseits und jenseits des Zauns, der den Gazastreifen seit Mitte der Neunziger Jahre von der Außenwelt abtrennt, eben nicht miteinander. Ich stelle nur fest: Palästinenser leiden. Israelis leiden. Punkt.

Ich habe in den vergangenen Tagen gerade auf Facebook diverse Bilder aus dem Gazastreifen, aus Israel bzw. Bilder über dieselben gesehen. Neben toten und verletzten Babies, die man Fotografen vor die Linse hielt, fand ich auch das hier:

Und ich meine: Da hat er nicht unrecht, der ergraute Arafattuchträger. Aber was ist die Konsequenz? Was soll man Israelis, die Opfer besagter Raketen geworden sind, sagen? Ihr könnt ja froh sein, nicht in Gaza zu leben?

Was mir wirklich auf den Keks geht, sind Leute, die weit weg vom eigentlichen Geschehen leben und so tun, als müsse man sich gerade in diesem Moment besonders große Sorgen nur um Israel machen. Oder nur um die Palästinenser. Unabhängig von der je eigenen Analyse der Situation in Israel-Palästina sollte es doch möglich sein, Humanität walten zu lassen. Und sei sie auch nur so theoretisch wie die jeweilige Solidarität mit wem auch immer.

Wenn es um ebendieses Thema gibt, stehe ich Forderungen, man solle das alles nicht einseitig interpretieren, darstellen etc., höchst skeptisch gegenüber. Die Realitäten in Israel-Palästina sind wie sie sind. Das eine Kollektiv lässt alles, was ihm wichtig ist, offenbar ausschließlich auf der Erniedrigung und Unterdrückung des anderen Kollektivs basieren. Landnahme, Okkupation, Gewalt gegen alles und jeden; wofür sonst steht der Staat Israel heute eigentlich noch? Und die Palästinenser? Sind auch nicht besser in Form, wie auch?  Christian Sterzing, Ex-Leiter der Heinrich-Böll-Stiftung in Ramallah, hat nicht unrecht:, wenn er über Hamas sagt:

„Und dann gibt es diese gefährliche Entwicklung, dass man Raketen abschießen muss, um zu beweisen, dass man widerstandsfähig ist.“

Ist das Präsentieren toter Babies alles, was man sonst noch zu bieten hat? Oder argumentiere ich hier allzu zynisch und verkenne die verzweifelte Lage der Menschen im Gazastreifen?

2002 besuchte ich den Gazastreifen. Gerade hatten die Israelis einen hochrangigen Hamas-Vertreter getötet, indem man einfach eine Bombe auf das Haus, in welchem er und seine Familie lebten, geworfen hatte. Unter den Opfern war auch ein Kleinkind. Das Bild seiner Leiche wurde unserer Delegation als erstes gezeigt. Seht ihr, wir sind Opfer! Seht das endlich sein, so schien mir die Botschaft zu lauten, die das Bild vermitteln sollte.  Diese Strategie ist immer wieder zur Geltung gebracht worden. Einerseits soll die Welt die Palästinenser als Opfer sehen, die schwer unter den Israelis zu leiden haben, was ja so unzutreffend nicht ist. Andererseits aber will man sich selbst, d.h. dem eigenen Kollektiv, und allen zeigen, wie wehrhaft man sein kann. Der in der ersten Intifada (1988 bis 1994) zur Legende gewordene Widerstandswille, sumud, er soll immer noch ungebrochen sein. Einerseits Opfer, andererseits Kämpfer. Und beide transzendieren gleichsam das konkrete Geschehen, die Geschichte. Bei den Palästinensern. Bei Israelis.

Und dann stieß ich gestern auf dieses Bild:

"After the alarm signals an incoming rocket from Gaza, tourists in Tel Aviv scurry around a bit; then, they head back to the beach." (Bild: Daniel Bar-On)
„After the alarm signals an incoming rocket from Gaza, tourists in Tel Aviv scurry around a bit; then, they head back to the beach.“ (Bild: Daniel Bar-On)

Die Bildunterschrift sorgte bei mir für einen paradoxen Effekt, kam mir doch als erstes der Gedanke: Raketenbeschuss als kurzzeitige Unannehmlichkeit? Als inconvenience? Nicht nur die Eingeschlossenen im Gazastreifen, auch betroffene israelische Familien müssen sich vor den Kopf gestoßen fühlen! Seltsamerweise musste ich auch an Bilder aus dem letzten größeren Gaza-Massaker denken: Hippe urbane Touristen gönnen sich die Annehmlichkeit, bei einem Glas Latte von einem Hügel den Beschuss des Gazastreifens durch die IDF zu beobachten.

Und mein Solidaritätsherz pochte laut vor Wut. Doch jetzt denke ich: Was unterscheidet mich eigentlich von diesen Menschen? Touristen, das sind doch Leute, die sich in bestimmten Gebieten aufhalten und sich mit ihnen beschäftigen, weil sie es gern möchten. Sie befassen sich mit entsprechenden Themenkomplexen, diskutieren die Materie, einige bloggen sogar darüber.

Auch ich, mit einem Glas Wasser am Rechner sitzend, derweil der herbstliche Regen gegen die Fensterscheiben klopft, habe eine Wahl. Ich war bereits in Tel Aviv, auch in Gaza, ich hatte die Wahl, dorthin zu gehen, und, was mindestens genauso wichtig ist: Ich konnte diese Orte wieder verlassen. Ich badete im Mittelmeer bei Tel Aviv, und ich ging shoppen. Ich aß Fisch in Gaza, und ich belehrte junge Palästinenser darüber, wie und wie nicht sie über Israelis zu reden hätten. Und am nächsten Tag entschwand ich als Teil dieser hochwichtigen politischen Delegation. Und ließ Gräten zurück.

Dies vielleicht als Wunsch für alle, die wie ich, sich mit dem Thema Israel-Palästina befassen, weil sie es wichtig finden, aber auch, weil sie die Entscheidung treffen konnten für diesen Komplex, anstatt, sagen wir, für Solidaritätsarbeit für Cuba oder Alaska: Wir haben die Wahl, unsere Sympathien so zu verteilen, wie wir es für richtig halten: Nicht vergessen: Auch jenseits des Zauns wird gelitten! Wir leben doch nicht mehr im Mittelalter…

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5 Gedanken zu “Nicht vergessen: Auch jenseits des Zauns wird gelitten!

  1. Nur: „jenseits des Zauns“ hat man die Möglichkeit, wegzugehen. Niemand hat sie eingeladen, lass sie doch gehen!
    Und nein, nach den vier toten Kindern eben ist mir nicht mehr nach Ausgewogenheit zumute.

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  2. dein fortwährendes bemühen um ausgleich und verständnis für beide seiten ist beachtenswert, mondo. mir aber ist auch schon lange nicht mehr nach ausgewogenheit zumute. ich muss nur jene lesen, die israel verteidigen, in der politik, den medien und die poster in den foren. wobei die einen das israelische heer dafür loben dass es so moralisch und human sei, die anderen genau das gegenteil an ihm bejubeln…der „antisemitismus“-vorwurf in allen variationen sowie der, freund/“appeaser“/unterstützer von islamisten & terroristen zu sein wenn man auch palästinensische ängste thematisiert, ist standard. in deutschland werden alle „öffentlichen personen“ die nicht das israelische textbuch nachbeten, wenn alles vorbei ist mit einer vollen henryk-m-broder-blutgrätsche zu rechnen haben.

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    1. Na, ob ich soviel Verständnis habe, möchte ich bezweifeln. Vielleicht habe ich mich auch nicht deutlich genug ausgedrückt: Mir geht es eher um die „common people“, die den Wahnsinn der Herrschenden auszubaden haben und die in besagten Medien und Foren ja ohnehin nicht vorkommen.

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      1. nein ich hab dich schon richtig verstanden. die leiden der zivilbevölkerung werden aber, wie in allen kriegen, auch in diesem, propagandistisch von ihren herrschenden oder auch sympathisanten ausgeschlachtet.

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