BDS und Antisemitismus

Schaue ich mir den Blog von BDS Germany an, so fällt auf, dass sich auf besagter Website schon seit anderthalb Jahren nichts mehr getan hat. Bedeutet das, dass die BDS-Bewegung hierzulande zum Erliegen gekommen ist? Selbst das wäre besser als jene Äußerungen, die aus nämlichen Kreisen im Vereinigten Königreich die Runde machen. Auf Open Zion zeigt sich die britische „pro-israelische Friedensaktivistin“ Hannah Weisfeld verwundert: Natürlich sei es Unsinn, jegliche Art von Kritik an israelischer Politik als Antisemitismus zu apostrophieren, aber:

When anti-Semitism laces the discourse of critics of Israel and the BDS movement, we have every right to call it out and ask those who are active members of the BDS movement to do the same. Last week, the @londonbds twitter account tweeted a link to an article on the Press TV website that called for sanctions against Israel. It was not so much the sanctions against Israel that presented the problem. It was the reference to ‚real historians like David Irving,‘ and the aspersions that the author cast on the Shoah by referring to the ‚holocaust‘ and ’survivors‘ in inverted commas, as it they are questionable historical facts.

Damit ich nicht missverstanden werde: Meine Vorbehalte gegenüber BDS habe ich hier desöfteren artikuliert. Mein Problem besteht auch darin, dass BDS-Aktivisten zu wenig tun, die nach wie vor bestehende Virulenz von Antisemitismus – gerade, wenn er als pro-palästinensische Parteinahme verstanden werden soll – in seiner Tragweite zu erkennen. Der Hinweis darauf, dass der Kampf gegen Antisemitismus mehr und mehr vereinnahmt worden ist von jenen, die sich der bedingungslosen Unterstützung des Staates Israel verschrieben haben, kommt niemals ungelegen. Dennoch: Wer bestreitet, dass der Staat Israel und die gesamte Judenheit eben nicht miteinander gleichzusetzen sind, wird nicht umhin kommen, sich mit der Tatsache des bis heute nicht getilgten Judenhasses zu beschäftigen.

3 Gedanken zu “BDS und Antisemitismus

  1. Die Betonung und die Häufigkeit der Verwendung des Begriffs „Antisemitismus“ mit Blick auf den Nahostkonflikt kommt mir immer irrelevanter vor.
    Eine neue Umfrage zeigt, dass zwei Drittel der Israelis keinen Palästinenserstaat haben wollen (http://bit.ly/UTlfPx). Sind sie Anti-Palästinenser in dem Sinne, wie man Antisemitismus versteht? Wohl kaum, und dennoch macht das Ergebnis dieser Haltung für die Betroffenen keinen Unterschied: Sie bleiben Unterdrückte, Besetzte. Dem Unterdrückten sind die Begriffe gleich.

    Schaut man sich auf der FB-Seite der Palästinensischen Gemeinde Deutschlands um, trifft man mit schöner Regelmäßigkeit auf Beiträge oder Bilder, die Palästina als vollständig arabisches Palästina zeigen: Natürlich gibt es einen nicht kleinen Anteil an Palästinensern, die die Israelis wenngleich nicht „im Meer“ sehen wollen, aber immerhin (politisch) „weg“. So wie das umgekehrt die israelischen Regierungen seit Sharon mit ihrem „disengagement“ wollen. Die Palästinenser als „die anderen“ sollen einfach nur weg.

    Beide Haltungen sind primär historisch-politisch motiviert, und entspringen nur zu einem geringen Teil aus „Anti-XY“. Daher war der Widerstand der Juden und der Araber gegen die Briten kein Jota harmloser als der politische und bewaffnete Kampf der Israelis und Palästinenser gegeneinander.
    Das Grundthema hat der Historiker Nolte mit dem Historikerstreit benannt: Es ging und geht darum, ob es tatsächlich ein Alleinstellungsmerkmal gibt. In den Achtzigern ging es um die Einzigartigkeit des Holocaust. Das nimmt heute angesichts der Erkenntnisse zu den stalinistischen Säuberungen, der kambodschanischen killing fields, des armenischen Völkermords etc.pp. niemand mehr ernsthaft an. Ähnliches kann man zum Antisemitismus fragen.

    In diesem Zusammenhang auch lesenwert der jüngste Beitrag von Tom Segev über ein neues Werk zum Zweiten Weltkrieg. http://bit.ly/12FS9Ia

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  2. wenn auf der einen seite die abgrenzung von unehrlichen, irrationalen, paranoiden oder schlicht antisemitischen störern so schwer fällt und auf der anderen seite die definitionsmacht über den antisemitismusbegriff so vereinnahmend und unverblümt dafür instrumentalisiert wird um die öffentliche aufmerksamkeit von kritischen israelbezogenen argumentationen weg zu führen, könnte man den eindruck bekommen die friedensbewegung steht mit rücken UND gesicht zur wand.

    im grunde jedoch wäre es eine steillvorlage für ein öffentlichkeits wirksames protestmotiv, das problem als „angriff von zwei rechten fluegeln“ zu artikulieren. Die idee wurde sicherlich schon vielfach artikuliert aber die aufgabe besteht darin die zwei rechten flügel im diskurs auch nachvollziebar und unmissverständlich zu adressieren, sei es bei verkappten antisemiten, ungewollten sympatien durch jeglichen antiisraelismus in der friedenbewegung, sei es insbesondere das irritierende ideologische sammelsorium der antifa, sein es „neokonservative“ neurechte oder antideutsche oxymorone etc.

    ein solider rhetorischer dreh und angelpunkt, wäre wohl von strategischem nutzen, um die definitionsmacht über die ideologische begriffsmatrix, aus dem einflussbereich von partikularinteressen, zurück in eine transparante, öffentliche, dynamische und sichtbare friedens- und menschenrechtsbewegung zurück zu führen.
    interesse, stellungnahme und aktivismus müssen wieder als moralische herausvorderung wahrgenommen werden anstatt frustration, soziale sanktionierungen, irrationale ängste, anfeindung und stigmatisierung zu verheissen, so sollte es möglich sein die jungen leute die die meinungsbildungsprozesse von morgen tragen für eine breitere konfliktbetrachtung zu öffnen.

    aktionen wie BDS bieten ohnehin große angriffsflächen für unerwünschte und diskreditierende schulterschlüsse und man müsste meinen das jedes kind auf die idee kommt das insbesondere im deutschen kontext, auch ohne zutun von hexenjägern, zu bittere assoziationen geweckt werden als dass man jemals damit eine große öffentlichkeit mit diesem anliegen erreichen könnte.
    ohne sich die arbeit zu machen seine aussenwirkung zu reflektieren bleiben alle anstrengungen einer bewegung müßig.

    Sieht das jemand ähnlich?

    p.s. @schlesinger

    „Schaut man sich auf der FB-Seite der Palästinensischen Gemeinde Deutschlands um, trifft man mit schöner Regelmäßigkeit auf Beiträge oder Bilder, die Palästina als vollständig arabisches Palästina zeigen: Natürlich gibt es einen nicht kleinen Anteil an Palästinensern, die die Israelis wenngleich nicht “im Meer” sehen wollen, aber immerhin (politisch) “weg”. So wie das umgekehrt die israelischen Regierungen seit Sharon mit ihrem “disengagement” wollen. Die Palästinenser als “die anderen” sollen einfach nur weg.“

    -die einzig vernünftige konsequenz scheint mir mit forderungen die man stellt und kritik die man artikuliert, unmisservständlich die determinanten für eine mögliche solidarische akzeptanz offen zu legen und als bekenntnis auch ein zu fordern also beispielsweise „dieser verein arbeitet vor dem hintergrund einer beilegung des konflikts nach internationalem recht. d.H. 1234 etc“ <-nicht dass das nicht ohnehin mitunter so gehandhabt wird aber in anbetracht der beispiellosen uneinigkeit müsste es konsequent als dedizierte retorische/operative strategie verfolgt werden.

    wie gesagt ich denke es müssten allgemein mehr klare und unempfindliche orientierungspunkte aufgestellt werden deren definitionsmacht auch in "der hand" von unabhängigen dezentral organisierten diskursparteien verteidigt werden kann ohne unerwünsch fremdvereinnahmt werden zu können und sich hoffnungslos in euphemistischen tretmühlen zu verrennen.

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