Sarrazin braucht ein frisches Getränk

Emina Benalia schreibt über eine Begegnung mit Sarrazin, die ihr anlässlich eines Auftritts dieses großen deutschen Sozialdemokraten auf einer Diskussionsveranstaltung in Amsterdam widerfuhr.

Bewegte sich Sarrazin nach Benalias Geschmack schon während besagter Veranstaltung performancemäßig  hart am Rande des Kotzreizerregens – „Als der Moderator den Abend beendet, stürme ich als Erste aus dem Saal. Ich will nur raus an die frische Luft. Mein Magen zieht sich zusammen, und im Kopf wirbelt alles durcheinander“ – traut sie sich im Anschluss noch einmal zurück zur Location, um Sarrazin auf seine menschenverachtenden Aussagen anzusprechen. Das Ende vom Lied: Der Mann bekommt Durst:

Ich gehe zurück ins Theater und spreche Thilo Sarrazin direkt an: “In Ihrer Rede erwähnen Sie ‘Araber’, die teilweise seit 30 Jahren in Deutschland leben und angeblich in Deutschland nur schmarotzen.” Ein Asylbewerber lebt in Deutschland vom monatlichen Grundleistungsbeitrag von ca. 130 bis 200 Euro. Dieser Beitrag liege weit unter dem Harz IV-Satz, und somit auch weit unter dem menschenwürdigen Existenzminimum. In der Urteilsbegründung des Bundesverfassungsgerichts vom18. Juli 2012, das diese Praxis verbietet, heißt es: „ Die Menschenwürde ist migrationspolitisch nicht zu relativieren.“ Was er, Sarrazin, dazu sage?

„Das Karlsruher Urteil halte ich für absoluten Schwachsinn!“, antwortet er mit einer unglaublichen Gleichgültigkeit. „Die Menschenrechte sollten in Deutschland nur für Deutsche gelten. Für Migranten sollten die Gesetzt [sic!] ihres Herkunftslandes gültig sein.“

Wie war das?

Die Menschenrechte sollten in Deutschland nur für Deutsche gelten.

In den Kriminalromanen von Ian Rankin lässt dieser seine Inspektoren (Rebus, Fox et al) zuweilen ebenfalls einen Moment schweigen, um „to let the words sink in“. So macht es auch Benalia: Sie verharrt sprachlos im Moment. Sarrazin kann damit offenbar nicht umgehen. Hat sich der Mann vielleicht zu sehr an all den Widerspruch, der ihm laut, zuweilen erbittert, entgegen zu schlagen pflegt gewöhnt? Wie anders ist sein Verhalten nun zu erklären:

Sarrazin wird scheinbar klar, was er gerade gesagt hat. Stotternd versucht er sich zu erklären: „Die Armutsgrenze in Deutschland ist die Luxusgrenze in Libanon. Ich finde, die Migranten sollten hier weiterhin in dem Armutsstandard leben, in dem sie in ihrem jeweiligen Land leben würden.“

Auf meinem Gesicht ein Ausdruck des Entsetzens. Sarrazins Stimme wird unsicher. Schließlich sagt er hastig, er brauche ein frisches Getränk, dreht sich um und geht.

Zuerst das Argument, das so ähnlich auch von vehementen Lobpreisern des Staates Israel angeführt wird, wenn es um die Lage von Palästinensern mit israelischem Pass geht: Verglichen mit dem Leben, das sie in den Anrainerstaaten hätten, geht es denen in Israel doch „gold“(W. Kempowski in einem völlig anderen Zusammenhang). Das wars dann auch.

Benalias Erlebnisbericht ist, was er ist: eine subjektive Beschreibung von selbst Erlebtem. Und man muss Benalias zumindest indirekte Gleichsetzung von Juden, die während des Nationalsozialismus verfolgt wurden, und Muslimen, die unter dem Antiislamismus der Sarrazins et al zu leiden haben, keinesfalls teilen:

Was ich aber gelernt habe: Lässt man einen Menschen wie Sarrazin mit seinem Rassismus auch nur für einen Moment in der Wüste stehen, merkt der Typ, wie durstig er ist.

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