Küntzels „Antisemitismuskompetenz“

Sehr verräterisch, diese Einschätzung des kaum geschätzten Matthias Küntzel zur Angelegenheit um Augstein und Broder:

Die meisten Teilnehmer dieser Debatte sind offenbar nicht nur deshalb eingeschnappt, weil ‚einer von uns‘ auf die Liste (des Wiesenthal-Zentrums) kam. Sondern sie reagieren auch deshalb so selbstgerecht, weil die Listung des SWZ das hochgezüchtete Selbstbild von der allumfassenden Antisemitismuskompetenz der Nach-Achtundsechziger-Generation demoliert. Dabei ist es gerade um diese Kompetenz eher dürftig bestellt.

Es scheint immer nur um die Meta-Ebene zu gehen. Augstein gegen den Verdacht des Antisemitismus in Schutz nehmen zu wollen, wird von Küntzel dargestellt als narzistische Kränkung. Ganz auszuschließen ist das nicht, aber wenn dies alles sein soll, was man gegen Augstein und dessen Verteidiger bzw. für Broder anzubringen vermag, so offenbart dies selbst einen Grad an Kindischkeit, der atembeklemmend ist. Wenn Lagerdenken („einer von uns“, „Nach-Achtundsechziger-Generation“) die alleinige Strategie ist, mit der man sich nach Ansicht Küntzels dem Thema Israel-Palästina nähern kann, dürfte es nicht weiter überraschend sein,  warum die derzeitigen Realitäten vor Ort, d.h. im realen Israel-Palästina, so wenig zur Kenntnis genommen werden müssen.

Macht man einmal die Augen auf, wird man sogleich zum Antisemiten erklärt. Das ist „Antisemitismuskompetenz“, wie sie Küntzel offenbar vorschwebt.

Es ist dann auch nicht weiter schlimm, dass ein Zentrum, das sich den Kampf gegen Judenhass zur Aufgabe gemacht und sich nach dem wichtigsten und berühmtesten Nazijäger der Welt benannt hat, sich so unverblümt der Sache Netanyahus und Liebermanns andient, dass es die relativ milde Israelkritik eines Jakob Augstein in eine Reihe setzt mit Ahmadinejad und Co. Dass es auch dieses Zentrum ist, dessen Vertreter dass keine Probleme damit hatten, die Zerstörung eines alten muslimischen Friedhofs in Jerusalem zugunsten eines Toleranzmuseums (Orwell, ick hör Dir trapsen) in Kauf zu nehmen, mutet fast wie Firlefanz an. Und dass sich Küntzel seit Jahr und Tag einen Namen macht als einer der lautesten „Drop-the-Bomb“-Advokaten und Islamhasser, wundert einen dann auch nicht. Sind ja alles nur Menschen.

Ich habe Sehnsucht – so romantisch muss ich es leider ausdrücken – nach einer Israel-Solidarität, bei der es nicht nur um jene gehen soll, die sich in Solidarität üben. Keine Solidarität, die Okkupation, Gewalt, Mord und Hass beschweigt, verteidigt oder sogar feiert. Keine Solidarität, die sich darauf zurückzieht, dass „gerade wir als Deutsche/Christen/Linke/…“ zu bestimmten Anlässen besonders andächtig schweigen. Keine Solidarität, die Kritik abzuwehren versucht, indem sie die Gründe für dieselbe allein und ausschließlich im Narzismus des Kritikers sucht – und nirgendwo sonst.

Realitäten vor Ort, d.h. Marginalien wie den Siedlungsring um Jerusalem, die Abriegelung des Gazastreifens, der fortwährende Landraub, der an Palästinensern begangen wird, der Rassismus innerhalb der israelischen Gesellschaft gegenüber Palästinensern, Sudanesen, Philippinos etc., diese Leute würden all das gar nicht verstehen. Nun ja, erwähnt werden die (vermeintliche?) atomare Bedrohung durch den Iran, die ganz bestimmt angeborene Bos- und Nazihaftigkeit von Arabern insgesamt und von Palästinensern insbesondere und die Raketen, die auf Sderot fallen. Und dass der Gazastreifen unter der Knute der Hamas leidet. Alles Andere passt halt nicht ins Gebetbuch.

Die Verabsolutierung der Tatsache, dass „man“ in „Deutschland“ über Israel-Palästina spricht, ist schon genug für sie. Daran sich abzuarbeiten, genügt ihnen. Und sie wollen dabei nicht behelligt werden. Sie könnten nichts Anderes verstehen.

Haben auch die allzu lauten Vertreter heutiger Israel-Solidarität, die ja mehr und mehr eine Solidarität mit dem heutigen Israel zu sein scheint, jemals Selbstzweifel?

Ohne mich über irgendjemand erheben zu wollen: Nahostsolidarität in diesem Land, auch sie muss gebrochen sein.

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