Fragen zum Holocaustgedenktag

Zum 80. Jahrestag der „Machtergreifung“ Hitlers mahnt Frau Merkel: So etwas darf sich „nie, nie wiederholen“.

Im Deutschlandfunk gab es neulich Ein Interview mit Isabelle Neulinger, die ihren kleinen Sohn aus den Fängen seines religiös-fanatischen Vaters in Israel befreite, mit ihm gen Deutschland abhaute und vor dem Europäischen Gerichtshof von dem Vorwurf der Kindesentführung freigesprochen wurde. Neulinger, die vor Jahren nach Israel gezogen war, hat über ihre Erfahrungen mit dem Extremismus jüdischer Männer ein Buch geschrieben. Was mir an dem Interview – neben den interessanten Einblicken, die uns Neulinger bietet – besonders auffiel, war die etwas eilfertige Aussage von Radiomoderator Christoph Heinemann, die miese Behandlung von Frauen gelte „beileibe nicht nur für das Judentum“. Gemeint ist sicher der jüdische Fundamentalismus, aber sei’s drum. Ich habe mich nur gefragt: Hätte es sich bei Neulinger um eine Frau gehalten, die ihr Kind aus der Gewalt eines extremistischen Vaters muslimischer Provenienz gerettet hat – hätte es auch in diesem Fall den Hinweis gegeben, „beileibe“ nicht nur „im Islam“, will sagen: innerhalb des islamischen Fundamentalismus“, ließen sich solcherlei Entwicklungen erkennen?

Anders herum: Heute gibt es in der ARD eine Tatortfolge aus Saarbrücken zu sehen, die so schlimm sein muss, dass Jakob Hein mit der Fassung ringt. Neben der kruden Handlung und diversen anderen Problemen (z.B. der Ton) stört er sich vor allem an der hjolzschnittartigen Präsenation der Figuren. Besonders Araber werden anscheinend auf eine Art und Weise dargestellt, dass einem ganz schlecht wird:

 Praktisch kein rassistisches Stereotyp wird ausgelassen. Die Männer, angeblich sowohl Diplomaten wie auch skrupellose, gewitzte Bandenverbrecher, schreien prinzipiell miteinander herum, selbst wenn sie sich untereinander unterhalten. Sie beten zu Allah, aber sonst haben sie keine Moral. Sie sind dumm und ungeschickt, gleichzeitig listig und durchtrieben. Serienweise missbrauchen sie kleine Kinder als Drogenkuriere, das Leben eines Kindes ist für sie nichts wert. Selbst die leibliche Mutter will ihre Tochter nicht beschützen, sondern versucht nur, mehr Geld für ihre kriminelle Dienstleistung zu bekommen. Das zweite Kommunikationsmittel der arabischen Männer ist in diesem Film neben dem Geschrei die Pistole. Sie fahren große schwarze Geländewagen neuster Produktion, benutzen aber eine Landkarte und kein Navigationssystem, um sich in der Innenstadt zu orientieren. Sie sind ausländische Kriminelle, haben aber Verbindungen zu höchsten Kreisen. Als der Aufenthaltsort des Kommissars der Polizei gemeldet wird, bekommen die Araber auch gleich einen Anruf. Von wem? Egal, vermutlich von anderen Mitgliedern der arabischen Weltverschwörung. Und am Ende spazieren sie davon, geschützt von den idiotisch verständnisvollen Europäern und dem diplomatischen Status ihre Herkunftslandes (das nie genannt wird).

Wenn der Zentralrat der Muslime in Deutschland nicht gegen diesen „Tatort“ protestiert, dann kann es nur daran liegen, dass die Einschaltquote noch niedriger als das Niveau dieses Films ist.

Warum dieser, sagen wir, ungelenke Umgang mit Arabern und Muslimen in unserer Öffentlichkeit? Wie kommt es, dass man sich einerseits  in scheinbarer Arglosigkeit Stereotypen bedient, die man sich gegenüber anderen längst und zum Glück verbittet? Fragen über Fragen. Und das einen Tag nach dem 27. Januar. Wieso wird eine Frau, der durch die Hand ihres früheres jüdischen Ehemanns Furchtbares widerfahren ist, gemaßregelt dafür, dass sie die nicht ganz so romantische Seite orthodoxer jüdischer Praxis darstellt – und wieso hat man auf Seiten der ach so um kritische Öffentlichkeit bemühten ARD kein Problem mit antiarabischem Rassismus?

Fragen über Fragen. Und das einen Tag nach dem 27. Januar.

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