Franziskus und Obama

Mir ist langweilig dieser Tage.

Ein neuer Papst an der Spitze meiner Kirche? Gähn. Präsident Obama beehrt das Heilige Land? Schnarch. In der Tat, wenn ich darüber nachdenke, wie es in den oberen, geweihten, Etagen der Una Sancta zuzugehen scheint, fühlt sich meine Langeweile darob so an wie meine Ernüchterung, wenn ich gen Israel-Palästina blicke. Zudem schreibe ich jedem und jeder, der oder die es (nicht) wissen will, ins Stammbuch, dass, solange katholische ChristInnen und andere Menschen guten Willens, nur darauf achten, wer den Heiligen Stuhl platt sitzt, sich nichts, aber auch gar nichts ändern wird. Die Einsamkeit, die einen umgibt, sie allein wir anwachsen. Auch war und bin ich der Meinung, dass Frieden in Israel und Palästina durch die Mitglieder beider Kollektive selbst errungen werden muss und dass nicht einmal Präsident Obama daran etwas wird ändern können.

Ich habe meine Skepsis beileibe nicht abgelegt. Und Einschätzungen wie die von Emran Feroz haben mich auch nicht wirklich optimistischer gestimmt:

[Obama] will die Araber auf seine Seite bringen. Er weiß, wie wichtig die Palästina-Frage für die arabische Welt ist. Man kann im Nahen Osten gar keine Politik machen, bevor man diesen Umstand nicht auf irgendeine Art und Weise missbraucht. Genau das hat nun Obama gemacht. Es ist ein offenes Geheimnis, dass vor allem den arabisch-absolutistischen Monarchien das schiitische Mullah-Regime im Iran ein Dorn im Auge ist. Diese Kräfte unterstützen den Westen schon im gegenwärtigen Syrien-Konflikt. Deshalb wird es im Falle eines Iran-Kriegs nicht anders sein.

Aufgrund eines wichtigen Ereignisses liegt es nahe, dass diese Vermutungen stimmen könnten. Israels Benjamin Netanjahu hat sich wegen des Einsatzes gegen die türkische Gaza-Flottille, der im Jahr 2010 stattfand und das Leben von neun türkischen Aktivisten kostete, bei seinem Amtskollegen Tayyip Erdoganentschuldigt. Diese Tatsache muss man sich erst einmal auf der Zunge zergehen lassen. Der israelische Ministerpräsident hat sich bei jenem Mann entschuldigt, der in der Vergangenheit gerne über Israels Politik schimpfte und den Zionismus als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ bezeichnete.

Es ist kein Zufall, dass dies während Obamas Nahost-Reise geschehen ist. Seit sich die Türkei im Syrien-Krieg auf die Seite des Westens und somit auch auf die Seite Israels stellte, war es offensichtlich, dass Erdogans Israelkritik nur einen wahlkampftaktischen Hintergrund hatte. Nun wurde die ganze Sache offiziell bereinigt. Obama hat kurz vor seiner Abreise sogar höchstpersönlich dafür gesorgt, dass das versöhnliche Telefongespräch arrangiert wird.

Und das, was ich über den neuen Papst, sein Name ist Franziskus, lesen musste, vermutlich noch ehe sich der weiße Rauch verzogen hatte, ließ mich auch nicht gerade frohlocken:

Jorge Bergoglio – wie der neue Papst bis gestern hieß – stand von 1973 bis 1979 dem Jesuitenorden vor und gehörte somit der Kirchenführung an, welche die Militärregierung stützte und ihre Mitglieder aufrief, patriotisch zu sein. Bergoglio weigerte sich zweimal, vor Gericht über seine Rolle als Leiter des Jesuitenordens auszusagen. Als er 2010 schließlich vor Gericht auftrat, warfen ihm die Staatsanwälte vor, er weiche ihren Fragen aus.

Der Hauptvorwurf gegen den neuen Papst steht in Zusammenhang mit der Entführung der beiden Jesuitenpriester, Orland Yorio und Francisco Jalics, die im Mai 1976 von Marineoffizieren verschleppt und unter unmenschlichen Bedingungen gefangengehalten wurden. Ihr „Vergehen“: Sie hatten in den Slums des Landes Missionsarbeit geleistet. Chefankläger gegen Franziskus I. ist der Journalist Horacio Verbitsky. In seinem Buch „El Silencio“(„Das Schweigen“) über die Rolle der Kirche während der Diktatur wirft er Bergoglio vor, den beiden Priestern den Schutz seines Ordens entzogen und der Armee damit letzten Endes grünes Licht für deren Entführung gegeben zu haben. Die Anschuldigungen basieren auf Gesprächen mit Jalics, der nach seiner Gefangenschaft freikam und später nach Deutschland in ein Kloster ging.

Doch will auch ich nicht nur ein Mensch sein, der glauben möchte. Auch ich will ein Mensch guten Willens sein. Und so nehme ich wahr, dass sich beide, sowohl Franziskus als auch Obama der Situation, in der sie sich befinden, wohl doch nur allzu bewusst sind. Beide wissen, dass die Welt nichts und demnach alles von ihnen erwartet. Ihnen ist zuzutrauen, dass sie sich nicht in die Tasche lügen: Die USA, das muss man gar nicht mehr betonen, hat seine Rolle als fairer Vermittler in Nahost dermaßen verspielt, dass man, wenn nicht die Leben realer Menschen auf dem Spiel  (in Israel-Palästina und im Iran) stünden, nur noch abwinken würde: Netanyahu und Erdogan reichen einander die Hand? Na und?  Und in Bezug auf die Vorgänge in meiner Kirche könnte ich es mir so leicht machen wie gute Teile der Blogosphäre und des Boulevards. Who cares?

Vielleicht haben die beiden Typen ja wirklich etwas gemerkt? Ist es mehr als ein Gag, dass ein Jesuit Papst wird und sich dann nach dem Namensgeber des seit jeher radikal die Option für die Armen praktizierenden Franziskaner-Ordens nennt? Und wenn Pater Klaus Mertes, seines Zeichens selbst Jesuit, von seinem Mitbruder auf dem Heiligen Stuhl fordert:

Als Papst erwarte ich von ihm, was ich von jedem gegenwärtigen Papst verlangen oder erwarten würde, nämlich Ordnung in die Kurie hineinzubringen. Das scheint mir wirklich ganz entscheidend zu sein. Wir haben in den letzten 30 Jahren eine sich verselbstständigende Kurie, wir haben immer mehr informelle Zirkel, die bestimmen, was die Personalpolitik in der Kirche ist, und da muss meines Erachtens Ordnung und Transparenz geschaffen werden.

Also ich kann mir nicht helfen: Aber mir kommen die Worte Barack Obamas in den Sinn, der am Donnestag in seiner Rede an das „Volk Israel“ (people of Israel) sagte:

Politically, given the strong bipartisan support for Israel in America, the easiest thing for me to do would be to put this issue aside — just express unconditional support for whatever Israel decides to do — that would be the easiest political path. But I want you to know that I speak to you as a friend who is deeply concerned and committed to your future, and I ask you to consider three points.

Selbst Phil Weiss bescheinigt Obama, er habe verstanden worum es geht!

Habe ich nun Hoffnung oder doch nicht? Nach wie vor bin ich mir nicht sicher. Ich habe schließlich nichts erwartet, und wenn Israel den Iran attackiert und wir hierzulande und anderswo das gleiche publizistische Propaganda-Theater erdulden müssen wie es beispielsweise im Kontext des letzten Irakkriegs der Fall war, werde ich mir für dieses Posting in den Hintern beißen und mich selbst vor Scham unter einem Stein verstecken. Und wenn der nächste Missbrauchsskandal in die Öffentlichkeit getragen wird und das nächste Vergewaltigungsopfer von einem Krankenhaus mit katholischer Trägerschaft abgewiesen wird, werde ich bitterlich weinen, noch ehe der Hahn dreimal gekräht hat. Man halte mich auch ruhig für naiv und oberflächlich. Aber: Franziskus‘ Übernahme der päpstlichen Amtsgeschäfte und Obamas Nahostreise – sie haben mich doch aufhorchen lassen.

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