„Singling out Israel“? Ja, warum denn nicht?

Israels Wirtschaftsminister, der rechtsradikale Siedlerist Naftali Bennett, hat jüngst in Jerusalem der international anerkannten Zwei-Staaten-Lösung eine Absage erteilt. Vielmehr, so Bennett, sei für Israel das Gebot der Stunde, in der Westbank zu „bauen, bauen, bauen“: Einen Staat Palästina dürfe es niemals geben. Als Reaktion ereignete sich ein Vorgang, den man sich unbedingt in den Kalender eintragen und dann auf der Zunge zergehen lassen sollte: Der Director des American Jewish Committee, David Harris, kritisierte Bennett für seine „nicht hilfreichen Äußerungen“ und forderte die israelische Regierung auf, sich von diesen zu distanzieren.  Harris‘ harsche Kritik an Bennett verdient Beachtung, denn sie ist nach wie vor eine Rarität, gerade wenn sie von seiten des AJC geäußert, das neben der Anti-Defamation League und AIPAC zu den wichtigsten jüdischen pro-israelischen Lobbygruppen in den USA gehört.

Viel zu lange hat gegolten: Wer immer israelische Politik, israelische Regierung, israelisches Militär, israelische Besatzung, israelische Palästinenserpolitik, israelische Siedlungen, wer immer all das kritisiert, muss sich oft den Vorwurf gefallen lassen, mit Israel allzu hart ins Gericht zu gehen, während viel schlimmere Schurkenstaaten (Nordkorea, Iran, Syrien, etc.) verschont blieben. Oder, mit den Worten von Annetta Kahane:

Klar, jede Debatte über Israels Politik ist möglich, solange sie in Anerkennung der Lage, mit Interesse für alle am Konflikt Beteiligten geschieht und möglichst giftfrei abläuft.

Frau Kahanes Interesse für die Palästinenser dürfte eins der am besten gehüteten Geheimnisse dies- und jenseits von Berlin sein. Larry Derfner sieht die Sache ganz anders:
„Singling out Israel“ ist für ihn nicht nur akzeptabel, sondern sogar dringend geboten. Bei Israel, so werde von dessen Verteidigern und Freunden ja selbst immer wieder ins Feld geführt, handelt es sich um einen wichtigen Partner westlicher Demokratien, um die einzig funktionierende Demokratie im Nahen und Mittleren Osten: Wer wollte dies ernsthaft über Assad, Ahmadinejad und Co. sagen? Anders herum:

The reason is that while these other states are, indeed, worse criminals than Israel, no popular movement is needed to convince the public and political leadership in the West that what those regimes are doing is wrong and ought to be stopped. Everybody knows that what Assad is doing is wrong, nobody is publicly defending the mass slaughter he commits.

Umgekehrt befänden sich, so Derfner, all jene in einer unguten Situation, die in aller Öffentlichkeit, vielleicht sogar kraft eines ihnen angetragenen, politischen Amtes, in Washington, Berlin oder London die furchtbare Situation der Palästinenser beklagt und dabei auf die Rolle Israels zu sprechen kommt. Ich habe es in diesem Blog gelegentlich aus religionskritischer Sicht versucht: Wer den pro-israelischen Gottesdienst stört, wird exkommuniziert. Derfner formuliert es säkularistischer:

So if the Western Left singles out Israel among the world’s human rights violators for boycott, it’s because the ultimate Western power singles it out for patronage, while Europe grits its teeth in obedience. Israel is by no means the world’s worst malefactor – but it is the only one the world always encourages or, at the very least, protects. When that finishes, the occupation will finish, and so will the justification for singling Israel out.

Dass Derfner in seiner Beschreibung der „westlichen Linken“ Wissenslücken in Bezug auf Situation und Geisteszustand der Linken in Deutschland offenbart, steht auf einem anderen Blatt. Ich meine aber, dass Derfner nicht unrecht hat: Je lauter die Lobeshymnen, desto entschiedener muss Kritik vorgetragen werden. Je mehr Gewinnler sich zumindest moralisches Kapital aus ihrer betonten Israel-Liebe versprechen und je mehr sich die Öffentlichkeit an entsprechende Bilder gewöhnt zu haben scheint, desto schriller und einseitiger muss jegliche Kritik an dem Schmierentheater erscheinen. Netanyahu, Bennett, Lieberman und andere können die Westbank zubetonieren – ein nützlicher Idiot wird immer zur Stelle sein und Israelkritik ob ihrer mangelnden Ausgewogenheit abtun.  Irgendwer wird immer angepisst sein. Damit gilt es zu leben.

2 Gedanken zu “„Singling out Israel“? Ja, warum denn nicht?

  1. Sei es Facebook, seien es offene Internet-Foren oder sonstwo: Wo immer das Thema Israel/Palästina angesprochen/kommentiert wird, kommt dem halbwegs an Objektivität interessierten Leser das schiere Grausen – eine solche Mischung aus aggressiver Ahnungslosigkeit, selbstgerechter Frechheit und schierer, zynischer Menschenverachtung findet man sonst allenfalls noch auf Verschwörungsplattformen zum Thema 9/11. Und das gilt für beide Seiten! Auf der einen Seite ist Israel (gerne gemeinsam mit USA, EU, Imperialismus, Kapitalismus sowie dem Teufel persönlich) an allem, aber auch wirklich allem schuld, seit neuestem sogar an Schlangenplagen in Bethlehem. Und auf der Gegenseite werden Palästinenser/Araber grundsätzlich schon mit Sprengstoffweste und Messer zwischen den Zähnen geboren, sind samt und sonders Islamisten und (etwas subtiler formuliert, aber eindeutig gemeint) Menschen zweiter Klasse.
    Der Text, den ich hier kommentiere, gehört gottlob nicht in diese Kategorie, und deshalb kann man ihn kommentieren. Dennoch, ein Boykott gegen Israel wäre das Gegenteil von zielführend. „Singling out Israel“ – das ist eben nicht das, was weiterhilft, denn es beruht zwar auf einem genauen und keineswegs falschen Bild von dem, was die israelische Politik sich an katastrophalen Fehlleistungen erlaubt, aber es übersieht vollkommen, unter welchen Umständen dieser Staat entstand und seitdem leben muss(te). Das eigentliche Problem ist, dass es auf beiden Seiten – Israelis und Palästinenser (gemeint sind hier die jeweiligen politischen Führungen) – komplett an der Einsicht in die Lage des jeweils anderen fehlt. Beide Seiten sehen sich als Opfer, als Angegriffene – und beide Seiten haben damit keineswegs Unrecht. Dies ist ein paradoxer Konflikt. Der Fehler ist die daraus gezogene Schlussfolgerung auf beiden Seiten: Der andere ist der Böse, und wir sind die Guten. Wer sich da auf eine Seite schlägt, egal wie überzeugend die Gründe dafür aussehen mögen, tappt in genau die Falle, aus der beide Parteien dieses Konflikts partout nicht herausfinden können: Indem man „berechtigte“ Forderungen stellt, für die sich durchaus auch gute Gründe finden lassen, überfordert man beständig die Gegenseite und verlangt Zugeständnisse, die weit über die Möglichkeiten des jeweiligen Adressaten gehen. Darauf kann man nicht mit Boykottforderungen reagieren, sondern mit konstruktiven und gleichzeitig realistischen Vorschlägen – und an denen mangelt es. Deshalb, und nur deshalb, weise ich hier auf ein soeben erschienenes Buch hin: Mirko Wittwar; Der Staat Israel – eine Tragödie. Versuch zur Lösung eines unlösbaren Konflikts. Denn dieses Buch spricht genau diese Probleme an. Man kann und muss Israels Politik gegenüber den Palästinensern scharf und eindeutig kritisieren. Ganz klar: So geht es nicht! Aber kein Israel-bashing; das bringt nichts, und das wäre auch nicht angebracht, genauso wenig wie ein Palästinenser-bashing. Ich gebe es offen zu: Das oben genannte Buch stammt von mir. Ja, ich mache hier Werbung, aber weniger für ein Buch (wer glaubt, man würde mit so etwas Geld verdienen, irrt sich gewaltig), sondern für Aussagen, Ideen und Vorschläge, wie sie meines Erachtens bisher noch nicht gemacht worden sind. Hier der Link zum Buch (da kann man die Einleitung lesen):
    http://www.rhombos.de/shop/buecher/forschung-00011/politik-und-gesellschaft/der-staat-israel-eine-tragodie.html

    Gefällt mir

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