Anna Esther Younes‘ „Banalität des Bösen“ – eine Streitschrift als Trostschrift

A Work in progress: In Erinnerung an die toten Kinder von Gaza, Flüchtlingslager Aida (nahe Bethlehem), 28. Juli 2014. Quelle: smpalestine.com.
A Work in progress: In Erinnerung an die toten Kinder von Gaza, Flüchtlingslager Aida (nahe Bethlehem), 28. Juli 2014. Quelle: smpalestine.com.

Abermals Kudos to Wolf Wetzel. In seinem Blog ist jetzt ein Text in die Welt gesetzt worden, der es wahrlich in sich hat. Die deutsch-palästinensische Politologin Anna Ester Younes hat eine Streitschrift zum Umgang mit dem Nahostkonflikt in Deutschland in Zeiten des jüngsten Gaza-Massakers verfasst und sie, gar nicht einmal unprovokant, unter die Überschrift „Die Banalität des Bösen“ gefasst. Es geht um ihre Wahrnehmung des besagten Konflikts. Durchsetzt mit massig Fußnoten, soll Younes‘ Beitrag  eben keine wissenschaftliche Abhandlung sein – und schon gar nicht so es darum gehen, Argumente kritisch und (scheinbar) objektiv gegeneinander abzuwägen. Vielmehr geht es darum, wie der Umgang der hiesigen Öffentlichkeit – gerade auch die Rezeption in jenen Kreisen, die sich sonst, ohne mit der Wimper zu zucken, für jede sonstige Form der Solidarität einspannen lassen –  mit dem Gemetzel in Gaza, aber auch die Biographie der Autorin bei derselben zu einem Gefühl der Ohnmacht, zu Wut und zu Trauer geführt haben:

Ich schreibe diese Zeilen, weil ich sie gerne mal gelesen hätte – auf Deutsch: Einen wütenden Artikel über und aus Deutschland! Auf Facebook ist die internationale Sprache English und so wird in Zeiten des Konfliktes auch oft gepostet – die besten Artikel und tollsten politischen Übersichten[85] und Abrisse[86] und Chronologien[87]. Sie sind herzlichst eingeladen alle Fußnoten hier nachzulesen!

Eine nicht unbedeutende Rolle in Younes‘ Überlegungen spielen auch ihre Erlebnisse in sozialen Medien. Einerseits ergebe sich dort, so Younes, am ehesten die Möglichkeit, ungefiltert, empathisch und offen über Israel-Palästina zu sprechen. Andererseits würden ebendort aber auch Unvermögen und Unwillen zum Dialog besonders deutlich zum Tragen kommen.

Letzten Endes behandelt Younes‘ Streitschrift die ganz großen Fragen: Was tun, wenn alle schweigen im Angesicht des Bösen? Was tun, wenn jegliches Mitgefühl fehlt und einem Worthülsen und messerscharf-unbarmherzige Analysen um die Ohren fliegen? Was tun, wenn Worte nicht ausreichen, um die entstandene Vereinsamung zu beschreiben? Was, wenn Krieg gleich Frieden ist? Wenn Moral und Unmoral gleich sind? Wenn es dann doch nur um uns selbst geht? Und der Tod das letzte Wort haben darf?

Auf Instagram prahlt der IDF-Soldat David Dovadia damit, 13 Kinder im Gazastreifen getötet zu haben. 

Auch in der taz wird dem Lesenden befohlen, nicht so fixiert auf Israel zu sein – ach, der cel:

Wenn dir die Menschenrechte im Nahen Osten so am Herzen liegen, dann finden sich für dich andere Themen. Die Situation der Palästinenser in Syrien zum Beispiel, die zwischen den Truppen des Assad-Regimes und den liebevoll „Rebellen“ genannten islamistischen Milizen eingeschlossen sind.

Und Younes erzählt u.a. von zwei Begegnungen der besonderen Art mit Israelis, die auf ihre Weise für ihre Sache und ihr Land im wahrsten Sinne des Wortes eintreten. Zunächst gibt es auch in Israel den Ruf nach einem freien Tibet:

Ich traf einmal einen Israeli in Nordindien mit einem „Free Tibet“ T-Shirt. Ich ging rüber, lächelte und fragte höflich: „Sag mal, hast du nicht das gleiche Problem bei dir zu Hause?[62] Wie kannst du denn da für Tibet sein?“ Antwort: „Der Unterschied ist, dass Tibetaner friedliche Menschen sind. Nicht wie Araber, die sind aggressiv und Terroristen.“ Wenig später sagte er noch, dass sie alle „ausgerottet werden sollten! Eine Atombombe auf die Westbank und Gaza“. Das war 2007, liebe Leserinnen und Leser.

Und dann noch der Philosophiestudent:

Während einem Verhör an der Israelischen Grenze zu Jordanien, sagte mir mein Verhörer grinsend, dass er die Möglichkeit hätte meinen Laptop zu konfiszieren und mich zurück nach Jordanien schicken kann, zu meiner Familie, so dass ich meine Masterarbeit vergessen könnte (und somit auch meinen Studienabschluss!). Das alles weil ich mich weigerte meine persönliche eMail und die meiner Mitbewohnerin in Ramallah herauszugeben. Ich antwortete: „Das stimmt, das können Sie tun. Machen Sie’s doch einfach! Wir wissen doch beide sehr wohl, wer hier mehr Macht hat. Aber was ich gerade interessant finde, ist dass Sie das anscheinend genießen, oder warum lächeln Sie so!? Haben Sie mal Hannah Arendts ‚Banalität des Bösen’ gelesen?“ David, so hat er sich genannt, ohne so zu heißen, verlor sein Lächeln. Er hatte Philosophie an der Hebräischen Universität in Jerusalem studiert. Das Verhör dauerte acht Stunden und ich musste in einer kurzen Pause selbst um ein Glas Wasser (bei 35 Grad) bitten. Letzteres ist nichts Ungewöhnliches an der israelischen Grenze – wenigstens wurde ich reingelassen und meinen PC durfte ich auch behalten nachdem ich mich ausziehen durfte.

Ich bin es leid, über Israelkritik und Solidarität mit wem auch immer zu debattieren. Ich habe keine Lust mehr auf messerscharfe Analysen. Ich bin entsetzt. Als Familienvater kommen mir bei den Bildern zermetzelter Kinder und Babys die Tränen.  Als Christ und Humanist bleibt mir nur, Ohnmacht und Trauer auszuhalten. Worte vermögen dabei wenig. Die Streitschrift von Anna Esther Younes lese ich auch als Trostschrift. In einer trostlosen Zeit. Ihr Text ist aus einer anderen Perspektive als meiner eigenen verfasst, aber die in ihm zum Ausdruck gebrachten Gefühle – sie sind die meinen.

 

4 Gedanken zu “Anna Esther Younes‘ „Banalität des Bösen“ – eine Streitschrift als Trostschrift

  1. Jeder, der sieht und hört, was die Israelis mit Palästinensern von Unrecht , Bombadieren, Vertreiben und Vernichten anstellt und nichts unternimt, zumindest den Mund nicht aufmacht, um den Kindermördern zu sagen, ihr seid Mörder, ist ein Mittäter.
    Das könnten auch die Kinder von jedem von uns sein.
    Wie viele müssen noch sterben, bis die Welt versteht, dass es keinen Frieden mit Israel geben kann!

    Wenn diese Zionisten friedlich wären, wäre es gar nicht sazu gekommen, dass sie aus allen Ländern vertireben wurden.
    Eine einfache Frage würde ich hier stellen:
    Sind die Europaer einverstanden, dass jeder israeli in sein Heimatland zurückkeht…
    Jeder kann zumindest mit sich ehrlich sein und über die antwort nachdenken.

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  2. ich hab’s unter http://treueliebe.wordpress.com/2014/07/31/httpmondoprinte-wordpress-com20140731anna-esther-younes-banalitat-des-bosen-eine-streitschrift-als-trostschrift/ aufgenommen.

    die historischen kurzschlüsse und die vereinnahmung des (humanitären) kriegsvolkerrechts durch das denken in effektivität sind nur mit mühe auszuhalten.

    auf demos treffe/sehe ich auch frühere mandantinnen, auch staatenlose palästinenserinnen – denen gerade tel-zaatar und sabra+shatila, die blanke angst, hochkommt. und die sich verzweifelt fragen, wie sie ihre zornigen söhne noch besänftigen sollen.
    den israelinnen geht es nicht sehr viel besser. und mir auch nicht.

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