Unterschied rechtsnationale und „Mitte-Links-Zionisten“

Den Unterschied zwischen der amtierenden israelischen Regierung und dem – u.a. von der Arbeitspartei mitgetragenen Wahlbündnis Herzog/Livni kann man sich am besten anhand eines Vergleichs aus einem völlig anderen Bereich deutlich machen. In einem Fußballforum von Fans von Borussia Mönchengladbach wurde kürzlich hingebungsvoll und kenntnisreich darüber diskutiert, warum Gladbachfans den BVB aus Dortmund eigentlich so unsympathisch finden. Und wo man bei unsympathischen Personen und Vereinen war, fand auch Bayern München Erwähnung. Ein tiefgründiges Posting wechselte sich mit dem nächsten ab. U.a. hieß es:

Beim FC Bayern sitzen aus meiner Sicht mit Rummenigge, Sammer und Breitner sogar noch unsympathischere Typen in den Führungspositionen. Aber was den FC Bayern und den BVB immer schon unterscheidet: Die Bayern haben nie einen Hehl daraus gemacht, dass ihnen der Erfolg über alles geht und es ist allgemein bekannt, dass sie dafür auch über Leichen gehen. Das ist deren Vereinsphilosophie, denn nichts anderes bedeutet Miasanmia übersetzt. Ich kann jeden verstehen, der das widerlich findet. Aber wenigstens ist das ehrlich. Der BVB macht faktisch nichts Anderes. Aber nach außen wird es immer so verkauft, dass man selbst das Gute verkörpert im Kampf gegen die bösen Bayern. Klopp hat sie ja z. B. allen Ernstes mit Robin Hood verglichen. Und dieses total aberwitzige Zerrbild wird tatsächlich von den Medien übernommen. Was nicht ganz von ungefähr kommt, denn das Schema Gut gegen Böse ist der Stoff, der letztlich zu jedem Show-Event und jedem Hollywood-Film gehört. Die Bayern haben wie gesagt nie ein Problem damit gehabt, als Böse gesehen zu werden – solange sie Erfolg haben. Sie sind böse, sie wissen das und sie stehen dazu. Der BVB ist zwar eigentlich auch ähnlich böse und wendet dieselben Mechanismen an. Aber sie heucheln nach außen, dass sie ja eigentlich ganz anders seien. Echte Liebe halt. Sie haben die allerbesten Fans von allen und nur bei ihnen gibt es so richtig echte Stimmung und echte Vereinsliebe. Das glauben die allen Ernstes.

Auf Israel übertragen bzw. übersetzt:

In der israelischen Regierung sitzen mit Netanyahu, Bennett und Liebermann sogar noch unsympathischere Typen in den Führungspositionen. Aber was die Rechten vom Zionistischen Lager unterscheidet: Die Rechten haben nie einen Hehl daraus gemacht, dass ihnen Landraub und Groß-Israel über alles gehen und es ist allgemein bekannt, dass sie dafür auch über Leichen gehen. Das ist deren politische Philosopgie, denn nichts anderes bedeutet Am Israel Chai übersetzt. Ich kann jeden verstehen, der das widerlich findet. Aber wenigstens ist das ehrlich. Herzog/Livni machen faktisch nichts Anderes. Aber nach außen wird es immer so verkauft, dass man selbst das Gute verkörpert im Kampf gegen die böse Regierung. Und dieses aberwitzige Zerrbild wird tatsächlich von den Medien, westlichen Politikern, ja sogar der Sozialistischen Internationale (die Arbeitspartei gehört zu ihr, genau wie übrigens SPD und Fatah…) übernommen. Was nicht ganz von ungefähr kommt, denn das Schema Gut gegen Böse ist der Stoff, der zu jedem Show-Event und jedem Hollywood-Film gehört. Netanyahu und Co. haben wie gesagt nie ein Problem damit gehabt, als Böse gesehen zu werden – solange sie vor den eigenen Wählern und Mäzenen nichts als schwach dastanden. Sie sind böse, sie wissen das und sie stehen dazu. Ihre Hauptgegner im Wahlkampf sind zwar eigentlich auch ähnlich böse und wenden dieselben Mechanismen an. Aber sie heucheln nach außen, dass sie ja eigentlich ganz anders seien. Für Frieden halt. Sie vertreten die guten Israelis und nur bei ihnen ist das echte Israel beheimatet. Das glauben die allen Ernstes.

 Dies ist mein 1000. Posting. Nie hätte ich gedacht, dass Israel-Palästina und Borussia Mönchengladbach auf diese Weise miteinander eine Melange eingehen würden.

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Jüdische Lebenswelten im Tatort – aus der Sicht eines Nichtsehers

Vorerst leben meine Frau und meine Wenigkeit ohne Fernsehanschluss. Nachrichten beziehen wir über’s Internet, zum Fußballgucken gehe ich zu Freunden, alle Jubeljahre mal ins Stadion oder in die nächste Sportsbar, wo sich mit mir sicher der eine oder andere Trainingsjacken-Pantoffelheld mit „11-Freunde“-Appeal zur Bundesliga-Bionade-Konferenz einfindet.

Letzten Sonntag, so entnehme ich der Fachpresse, ermittelte das Münchener Tatort-Team Batic/Leitmayr in jüdischen Lebenswelten. Glaubt man dem Rezensenten meines Vertrauens, sowie Matthias Dell vom Freitag, habe ich nicht viel verpasst. „Jüdische Lebenswelten im Tatort – aus der Sicht eines Nichtsehers“ weiterlesen

Eilat, Gaza, Ägypten, Silverstein, Schlesinger

In den letzten Tagen waren meine Frau und ich außerhäusig, u.a. um Borussias euphorisch stimmendes 4:1 gegen Magaths Gölfe zu bejubeln. Was sich letzte Woche in Eilat ereignete, scheint sich anders zu verhalten, als israelische Regierungs- und deren Fankreise bzw. publizistische Vorkoster es haben verlauten lassen. Nachdrücklich empfehle ich diesen, diesen und diesen Beitrag von Richard Silverstein. Ans Herz gelegt sei zudem Schlesingers Artikel.

J 14: „diese Bewegung, die Grenzen durchbricht und Trennungen aufhebt“

"Ägypten ist hier" (Tel Aviv, 6.8.2011, Bild: Oren Ziv)
"Ägypten ist hier" (Tel Aviv, 6.8.2011, Bild: Oren Ziv)

Dimi Reider über die gigantische Demonstration in Tel Aviv am vergangenen Samstagabend.

Es wäre übetrieben zu sagen, den Protestierenden gehe es ganz bewusst darum, bestehende Klüfte und Grenzen zu überwinden. Doch eine der nicht für möglich gehaltenen Leistungen dieser Bewegung – die ja in ihrer Zusammensetzung an sich schon einen gigantischen Erfolg darstellt – besteht eben darin, dass ebendiese Grenzen nicht mehr so relevant erscheinen wie das, was Menschen zusammen bringt. Wir haben es versäumt, der Besatzung ein Ende zu bereiten,  wir haben uns nicht ernsthaft genug gegen sie gewehrt, aber diese Bewegung, die Grenzen durchbricht und Trennungen aufhebt, könnte die Besatzung u.U. aushöhlen.

[Übersetzung von mir]

Und ich sag nur: 300 000 Menschen – vielleicht sogar mehr –  auf der Straße.

Und: Borussia siegt in München…

Schmok – lesen, was weh tut

Machmal kommt mir Schmok vor wie ein in deutscher Sprache schreibender Norman Finkelstein – nicht nur, dass er fundiert und pointiert Kritik übend dahin geht, wo es weh tut. Nein, er ist nicht nur ein Polemiker, sondern ein harter Textarbeiter. Wo andere, meine Wenigkeit eingeschlossen, ihr Heil in der noch dämlichsten sprachlichen Pointe suchen, weist Schmok am jeweiligen Text nach, wo der Hase im Pfeffer liegt. Manchmal erinnert mich sein Ansatz auch an die von Edward W. Said formulierte Maxime, „Speak truth to power“, d.h. ihm geht es immer darum, nachzuweisen, wer auf welche Weise welche Lüge in die Welt setzt – und wessen Machtkalkül damit gedient sein soll.Schmok ist sich nicht zu schade, die schriftlichen Erzeugnisse noch der finstersten Dunkelmänner und der schmierigsten Schmierfinken genau zu studieren und auf diese Weise Denkfehler, Vorurteile, blanken Rassismus – oder aber Antisemitismus nachzuweisen.
„Schmok – lesen, was weh tut“ weiterlesen

Über Solidarität, dummes Gesprächsverhalten, Ehrenmorde und Diskurshoheit

In diesem Blog geht es oft um Solidarität, und vielfach wird Kritik geübt am hiesigen Meinungsmainstream, der den Staat Israel zum alleinigen Beurteilungsmaßstab bezüglich aktueller Entwicklungen und Ereignisse vor Ort zu machen. Kritik an Israel und Solidarität mit den Opfern der seit 1948 andauernden Nakba führen einen oftmals in Versuchung, über Missstände auf arabischer bzw. palästinensischer Seite hinwegzusehen. „Über Solidarität, dummes Gesprächsverhalten, Ehrenmorde und Diskurshoheit“ weiterlesen

Fußball und (meine eigenen) Vorurteile

Schade, dass Ghana am gestrigen Abend sein Viertelfinalspiel gegen die graue Eminenz des Weltfußballs, Uruguay (Weltmeister 1930 und 1950) auf so unglückselige Weise hat verlieren müssen. Schade – oder vielleicht dooch nicht so schade? Glaubt man Kurt Wachter, dessen Gespräch mit einem Reporter der Zeit vom Metalust-Betreiber verlinkt wird, bestand die Funktion des Fußballs auch einmal darin, Kolonialmächten als „Disziplinierungswerkzeug“ zu dienen:

Wachter:Ursprünglich war es ein koloniales Spiel. Die Briten, Franzosen und Belgier brachten den Fußball nach Afrika und versuchten, ihn als Disziplinierungswerkzeug einzusetzen und koloniale Werte wie Unterordnung und Gehorsam zu vermitteln. Im Zuge der Dekolonialisierung kam es zu einer Aneignung des Fußballs. Die neuen Eliten nutzten das Spiel für die Nationenbildung. Fußball war quasi ein Werkzeug, um die fragmentierten Nationalstaaten zu einen. Eine Art ideologisches Bindeglied.“

Da kann der Zeit-Reporter noch so sehr an die „Tatsache“ gemahnen, dass Fußball „in Afrika“ – wo genau? – eine immens wichtige Rolle spielt, Wachter zweifellos einige unangenehme Aspekte zu besagter „Tatsache“ zutage. Bestimmte Unsinnigkeiten sind auch einfach nicht totzukriegen. Wachter weiter:

Ich hielt mit Kollegen vom Institut ein Medientraining für ORF-Journalisten ab, um sie für bestimmte Dinge zu sensibilisieren. Wir sind auf offene Ohren gestoßen. Als es aber um bestimmte physische Zuschreibungen für afrikanische Spieler ging – dass sie beispielsweise kräftiger und schneller sind, was sich empirisch nicht belegen lässt –, stießen wir auf Gegenwehr. Keine Chance, wurde uns gesagt, das werden wir weiter so bringen.

Kein Wunder, dass niemand über Jogi Löws Versuch einer fußballerischen Biologie des Afrikaners auch nur den Kopf zu schüttelnd  bereit war – zumindest nicht öffentlich.

Ich liebe den Fußball. Aber ich freue mich auf die Bundesliga. St. Pauli ist wieder erstklassig, und wieder einmal bin ich voller Hoffnung, dass sich die Mönchengladbacher Borussia in der kommenden Spielzeit vielleicht noch ein Mü geschickter bei der Tore- und Punktejagd anstrengen wird als in der abgelaufenen Saison. Aber Fußball fördert Vorurteile. Schalker, Dortmunder, Bochumer, Duisburger? Alles Ruhrpottkanaken! Kölner? Alle schwul! Schwule? Ein Schimpfwort. St. Pauli? Alle links-alternativ und antikapitalistisch unterwegs. Arabische Fußballfans, die mit Deutschlandfahnen durch die Metropolen der Levante  dölmern? Alles Antisemiten, die nur ihren Israelhass auf genehme Weise zum Ausdruck bringen! Dass ich mich selbst von diesen Vorurteilen nicht immer freisprechen kann, will ich gar nicht bezweifeln. Und ja: Mir erschien der entsprechende Text „WM-Fieber im Libanon“ bei Al-Sharq allzu harmlos. Doch ist mir mein Kommentar fast schon unangenehm. Scheiß Vorurteile.

Letzten Endes bin ich nämlich ganz bei genova68:

Was soll die Kategorie des Nationalen? Warum brauchen plötzlich alle wieder diesen Müll? Keine Ahnung, ob das harmlos ist oder nicht. Es ist so harmlos wie es dämlich ist. Es steht nichts dahinter. Zumindest nichts, was die Schwenker checken würden.

Sowieso absurd zu behaupten, Millionen fahnenschwenkender Menschen hätten nichts mit den Millionen Toten zu tun, die die Kategorie des Nationalen auf dem Gewissen hat. Alleine die Aggressivität, die einem entgegenschlägt, wenn man das thematisiert. Und keineswegs nur in Nazi-Kreisen, da reicht mittlerweile der durchschnittliche Grünen-Wähler.

Die argumentieren ja gerne, dass bei der deutschen Elf jetzt so viele Migranten mitspielen, das sei doch toll. Ja, ist ja nett, aber was ändert das an der Kategorie des Nationalen? Die Abgrenzung läuft dann halt nicht mehr übers Blut, aber nach wie vor über den Boden, das ist alles. Sozusagen eine Art Nationalismus der Globalisierung.

Aber auch ich habe schwachen Momente… Und ob es nun politisch korrekt ist, sich darüber zu freuen, dass Ghana nicht mehr mitzumachen braucht beim Kolonialistensport – ich weiss es nicht.

Jogi Löw und die Genetik der Afrikaner – oder: Grillsaison in Schland

Bin ja großer Fußball-Fan, aber von mir aus können sich alle Schland-Fans ihre Autofähnchen bzw. Außenspiegel-Spannbezüge in Schwachz-Rot-Gold sonstwo hinstecken. Warum sich in mir der Antinationale so kurz vor Anpfiff des wahnsinnig wichtigen Vorrunden-Abschluss-Klassikers Schland-Ghana regt und windet?  Bundestrainer Jogi Löw hat bereits im Wonnemonat Mai folgende Worte zu Protokoll gegeben – es geht um seine Bewertung von Gegner Ghana:

Physisch haben die Afrikaner vielleicht durch ihre Genetik allen anderen etwas voraus.

Aha. Sach bloß…

Die Afrikaner haben enorme Vorteile, weil sie genetisch bedingt eine unglaubliche Ausdauer, Schnelligkeit und körperliche Präsenz mitbringen.

Die Genetik eines ganzen Kontinents von Tanger bis Kapstadt mal so eben zum Gegenstand für ein launiges Statement bei der Bundesbitburgerpressekonferenz zu machen, alle Achtung. Vergessen zu erwähnen hat Löw noch die wilden Tiere, die hinter den Afrikanern her sind und letztere erst richtig schnell machen.

Von der Genetik der Afrikaner zum inneren Reichsparteitag: Zur Feier des eigenen Landes und des eigenen Nationalismus‘ gehören Würstchen nun einmal mit dazu. Gerade im Sommer, wenn Schland spielt. Und kein Shitstorm, der die Laune trüben könnte.

„Shitstorm“ über Mainz

„Shitstorm“ – bis sehr kürzlich hätte ich gedacht, mit diesem Begriff bezögen sich Fans der deutschen Nationalmannschaft auf die Leistungen der vorderen Mannschaftsteile um den in den letzten Monaten verdächtig lahmen Miroslav Klose. Bei „Shitstorm“ wäre mir noch Mario Gomez bei der Euro 2008 in den Sinn gekommen. Doch es geht um Anderes. In der Halbzeitpause des WM-Spiels Schland gegen Australien gab Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein zu Protokoll, das 2:0 durch gerade erwähnten Klose müsse sich ja für ebendiesen ausnehmen wie ein „innerer Reichsparteitag“.  Sebastian Dörfler schreibt dazu:

ZDF-Experte Oliver Kahn zuckte nicht einmal mit der Wimper, als ihm Müller-Hohenstein diesen Ball zuspielte. Doch die Twitter-Welt war aus dem Häuschen. Ein gewitterterter Nazivergleich, und schon entlädt sich ein kleiner „Shitstorm“ über dem ZDF: Sofort feuern, wenn sie nicht selbst zurücktritt!

Der Tenor des Textes hat mir eine zu starke politisch bewusst unkorrekte Schlagseite, doch man erfährt  auch  so manches Wissenswertes in Dörflers Artikel:

Wenn man aber reagiert, dann ganz bedacht. Und bloß nicht so, wie es das ZDF tat: „Innerer Reichsparteitag“ ist eine Redewendung, die bedeutet: mit Stolz erfüllt oder tiefste Befriedigung. „That’s it!“, twitterte die Online-Redaktion zurück. Ob das nun stimmt oder nicht, war eigentlich egal. Die etwas lapidare „Richtigstellung“ machte alles nur noch schlimmer. Als man das auch beim ZDF verstand, und die Meldung wieder vom eigenen Account löschte, war es schon längst zu spät: Denn die Meldung war schon mehrfach retweetet, zumeist mit einem vorangestellten WTF („What the fuck?“). Jetzt regten sich noch mehr Menschen auf. Einige Twitterer der Vernunft verwiesen zwar auf wichtigere Probleme, wie die Koalitionsfrage in NRW oder die neusten Regierungskrisen-Berichte. Aber sie waren chancenlos.

Bis sich dann eben am späten Abend der ZDF-Sportchef meldete und verlauten ließ: „Wir haben mit Katrin Müller-Hohenstein gesprochen, sie bedauert die Formulierung. Es wird nicht wieder vorkommen.“ Für die meisten war die Sache damit gegessen. Die, die sich immer noch aufregen, tun das auch über diese „nervenden Vuvuzelas“. Dass auf entsprechenden Facebook-Seiten, denen sie angehören, im Minutentakt wesentlich drastischere und offen rassistische Kommentare zu lesen sind, darüber regen sie sich seltsamerweise nicht auf.

Also: Ball flach halten, es geht auch noch schlimmer. Oberblogger und Lena-Hypester Stefan Niggemeier hat ja nicht unrecht, wenn er ironisch anmerkt:

Man sieht sie förmlich, die Massen, die sich vor dem geistigen Auge des Autors mit den Armen in den Hüften vom Platz vor dem Fernseher erhoben oder empört von der Public-Viewing-Party nach Hause stapften, um dort erst einmal vor lauter Ärger den Computer hochzufahren — als hätten die Leute, von denen da “gewettert, getwittert und in sozialen Netzwerken online diskutiert” wurde, nicht ohnehin vor dem Computer gesessen.

Was dennoch auffällt: Nicht nur die zelebrierte Empörung über (vermeintliche? Freudsche?) Versprecher wie den von oben erwähnter ZDF-Sport-Moderatorin – ich vergesse ihren Namen immer… – haben Hochkonjunktur. Eine nicht geringe Anzahl an Blogs verdankt auch dem reflexartigen Aufjaulen bei jeglicher als solcher wahrgenommenen Form des Beharrens auf Mindeststandards in Kommunikation und Diskurs ihre Existenz. PI ist da nur ein Beispiel.

Es ist eine Binse, dass besonders solche gegen Political Correctness anzetern, die sich in ihrem Rassismus nicht auch noch als Rassisten beschimpfen lassen wollen.

Und hierüber regt sich keiner auf, was?
Und hierüber regt sich keiner auf, was?

Pünktlich zur Fußball-WM: Antideutsche dürfen deutscher werden!

Das Problem: Man freut sich auf die Fußball-WM und möchte zusammen mit den Schwarzweißen Adlern auf der Brust und der schwarz-rot-goldenen Fahne in der Hand beim Public Viewing mitfeiern – Stichwort: „Fanta statt Fatwa“ bzw. „Sherry statt Sharia“ – , aber: Als Antideutscher geht das nicht. Was soll die Gang dazu sagen? Aram Lintzel kennt die Lösung.

Nun kann die Fußball-WM wirklich losgehen!

Erstens: Kritik am Fußball-Nationalismus mehr oder weniger direkt als antisemitisch geißeln – und dafür dann auch noch Deutschtürken als lebende Schutzschilder benutzen:

Dieses zunächst nicht unsympathische Gemaule enthält zugleich die Unannehmlichkeiten der antideutschen Position. „Es geht wieder los“ verweist auf die Logik der Latenz, im Jubelfan schlummert die Barbarei. Und ohne empirischen Test wird dann gleich eine abgedichtete Volksgemeinschaft fantasiert, die sich ultrahomogen aus Nachkommen der Täter zusammensetzt („Unschuldig wie einst die Ahnen“). Deutsche türkischer Herkunft gehören nicht dazu und erst recht nicht jüdische Deutsche!

Zweitens: Auf bewährte Mittel zurückgreifen, d.h. beliebte Projektionsfiguren, ohne dass sie etwas dafür können, zur Unterfütterung der eigenen These ausbeuten:

Zur idealistisch abgedunkelten Wirklichkeit gehörte 2006 eine Gruppe schwarz-rot-gold geschminkter Israelis, die nach dem Spiel Deutschland gegen Argentinien am Brandenburger Tor feierte. Die, mit denen ich da auf der temporären Tribüne saß, waren keineswegs solche Israelis, die in Deutschland – aus dem Nahost-Zusammenhang gerissen, in den deutschen Entlastungsdiskurs geschmissen – als Stichwortgeber einer „legitimen Kritik“ an der Politik Israels herbeigerufen werden. Es waren genau jene amtlichen Zionisten, mit denen Antideutsche „bedingungslos solidarisch“ sind.

Ob „legitime“ Kritiker oder „amtliche Zionisten“ – nach wie vor müssen Juden hierzulande damit rechnen, auf der Hut sein zu müssen. Und sei es nur vor der Umarmung eines antiantiantisemitischen wissenschaftlichen Grünen-Mitarbeiters. Die Lizenz zum Fußballrausch durch „Muster-Juden“ im antideutschen Sinne schließt den Kreis: Letzten Endes ist die antideutsche Szene kein antinationales Projekt „gegen Deutschland“, sondern nichts Anderes als eine besonders verdruckste Version bedingungsloser Israel-Begeisterung, einhergehend mit teils wirklichlich krassem Antiarabismus. Scheiß auf Kritik…

Ich frage mich nur, was die Anhänger dieses Kultes tun, sollte es im Zuge einer Fußball-WM einmal zum Aufeinandertreffen der DFB-Auswahl und Israels kommen.

Sei’s drum: Wie schrieb Victor de Arroyo gestern:

also manche Leute schnallen´s nie…die können die (bzw. IHRE) Welt auch nur in S/W, Pro-/Contra/ oder Gut/Böse einteilen…

Fehlt noch „schwarz und weiß“ (O. Pocher)…

Neues aus Gaza: Über Bekenntniszwang, Faktenwissen und Mindeststandards

Was auch immer sich zugetragen haben mag in den internationalen Gewässern Nähe Gaza – es scheint, die Zeit für Bekenntnisse und Offenbarungen ist gekommen. Which side are you on? Das Entsetzen dauert keine dreißig Sekunden, schon mischt sich die Artikulation desselben mit dem dringenden Wunsch, zu deuten, zu interpretieren, einzuordnen. Was gilt es einzuordnen? Das Geschehen an sich? Nicht so sehr… Es gilt, sich selbst einzuordnen, sich zu bekennen – übrigens: Heute ist Fronleichnam, happy cadaver. Entweder, weil man Teil einer politischen Gruppierung oder Sekte sein möchte, oder, weil es da ganz private Bedürfnisse (gemeint sind die des H.M. Broder ;-)) zu geben scheint, die gestillt werden möchten.

Interessant, diese Reflexe. Wie schnell das Wort „Massaker“ die Runde machte am Montagmorgen – wie schnell aus einer Twitter-Äußerung eine offizielle Linie abgeleitet werden konnte. Bemerkenswert die immer gleichen Worthülsen von seiten der Meinungsführern der sog. „Israelkritik“. Kaum einer, der die Indizien, die aufzeigen können, warum auch Kritik am Verhalten der Aktivisten kritikwürdig sein könnte, auch nur in Erwägung zu ziehen bereit war. Auch wenn ich die  Bezeichnung „‚anti-Israel‘ comunity“ im Großen und Ganzen unpassend finde, Schlesinger vom Transatlantikblog stellt eine zumindest bedenkenswerte Frage:

Will die “anti-Israel” community belastende Indizien unterdrücken?

Von der „anti-Palestine“ community ganz zu schweigen. Dieselben Argumente – ob Libanon 2006 oder Gaza 2008/2009 – das pathologische Festhalten an der generellen Unschuldsvermutung in Bezug auf israelische Soldaten ist zu einem Bekenntnisreflex von schier katholischen Ausmaßen angeschwollen. Man muss sich nicht als „Wachhund der herrschenden Ideologie“ (Lothar Baier) so stark selbst offenbaren, um lautstark vorgetragende Forderungen nach einem „Tod Israel[s]“ abstoßend zu finden:

Am Montag, 31. Mai 2010 fand am späten Nachmittag eine Demonstration gegen das israelische Vorgehen gegen die als Hilfsflotte getarnte Terrorflotte im Mittelmeer statt. Während dieser Demonstration, auf der Rufe wie „Tod Israel“ gebrüllt wurden, stürmten einige Teilnehmer ein vollbesetztes Starbucks Café am Münsterplatz und forderten die Gäste laustark auf, mit dem Trinken und Reden aufzuhören, da sie eine Meldung zu verkünden hätten.

Mit der Beer7 bin ich mir in kaum einer Sache einig, aber hier geht sie nicht fehl:

Der ideologische Graben besteht sicher. Aber auf die Fakten sollten wir uns einigen koennen.

Aber mit den Fakten, so erweist sich gleich im nächsten Absatz,  ist es so eine Sache:

Israel hat eine Blockade gegen den Gazastreifen errichtet, dessen de-facto Regierung Hamas sich in einem kriegerischen Konflikt mit Israel befindet. Das ist voelkerrechtlich legitim. Das Brechen einer bekannten Blockade dieser Art ist ein Verstoss gegen Voelkerrecht. Israel hat das Recht, einen solchen Bruch zu verhindern.

Die Hilfsgueter haetten jederzeit an die Bewohner in den Gazastreifen geliefert werden koennen (die natuerlich keineswegs hungern) und zwar sowohl ueber Israel wie auch ueber Aegypten. Dass die Veranstalter daran kein Interesse hatten, sollte eigentlich zu denken geben.

Biederste Propaganda, die selbst in der Jerusalem Post belächelt wird.

Ich will mich selbst gar nicht herausnehmen aus diesem Chor der Bekloppten. Auch ich möchte zuweilen „Teil einer Jugendbewegung“ sein, und mein Unbehagen an der eigenen Religion lässt mich zu Übersprunghandlungen neigen. Das habe ich in meinem letzten Gaza-Posting deutlich gezeigt. Mir ist bewusst, Nick Hornby hat in Bezug auf Fußball recht, wenn er sagt, dass man kein faires Spiel will, sondern einen Sieg der eigenen Mannschaft. Was auch immer in den Wassern vor Gaza vorgefallen sein mag, muss untersucht werden. Wer auch immer sich dort welchen Vergehens schuldig gemacht hat – er oder sie muss angemessen (ich weiß, schwammiger Begriff) zur Verantwortung (ich weiß, schwammiger Begriff) gezogen werden. In diesem Zusammenhang zitiere ich hier die weisen Worte rhizoms, der uns in seiner Funktion als Kommentator bei Schmok bestimmte Mindeststandards in Erinnerung ruft:

Es wirkte auf den ersten Blick extrem unwahrscheinlich, aber mittlerweile muss man, wenn man die Berichte in der Ha’aretz liest, tatsächlich die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass die Armee die Situation falsch eingeschätzt und die Soldaten aus der vielleicht nicht ganz unbegründeten Angst heraus gehandelt haben, sie könnten, wenn sie das Feuer nicht eröffnen, von der Schiffsbesatzung gelyncht werden.

Allerdings sollte man auch endlich mit der Dämonisierung der Aktivisten aufhören: Diese Leute haben ihr Leben riskiert (und verloren), um auf die völkerrechtswidrige Belagerung der Menschen in Gaza aufmerksam zu machen. Die dramatischen Ereignisse beim Aufbringen der Flotte könnten nun tatsächlich so etwas wie einen Wendepunkt markieren: zum Guten oder Schlechten, Frieden oder Krieg, das liegt nicht zuletzt an uns selbst!

Ich weiß aber noch etwas. Die Geschehnisse vom frühen Montagmorgen belegen nichts Anderes als das Scheitern dessen, was man als Israels Gaza-Politik bezeichnen könnte. Nicht mehr und nicht weniger.

Eine weitere Selbstkritik: Schon symptomatisch, dass ich diesen Text mit „Neues aus Gaza“ überschreibe, dabei aber gar nicht direkt auf die Situation im „Streifen“ eingehe… oder?