Larry Derfner über linke Israel-Besessenheit

Wenn alles Andere nicht funktioniert, versuchen eingeschworene Israel-Apologeten in Diskussionen desöfteren der unguten argumentativen Lage, in der sie sich befinden, dadurch zu entgehen, indem sie behaupten, Israel werde allzu sehr beobachtet, kritisch beäugt und entsprechend verurteilt. “Singling out Israel”, so der Vorwurf. Manchmal mag sogar etwas dran sein.

Der vor gut einem Jahr bei der Jerusalem Post geschasste Larry Derfner macht sich Gedanken darüber, warum soviele Linke des politischen Westens einer Israel-Obsession anhängen. Nein, eben kein Antisemitismus, eher Schamgefühl.Und nochmals nein, jetzt kommt keine Shoa-Schere, keine Holocaust-Keule, noch sonst irgendein Werkzeug aus dem entsprechenden Kasten.

Es ist laut Derfner eher so: Der weiße Mann mit den Bio-Tomaten in der Kiste und dem PC-Vokabular auf der Zunge schämt sich einfach, wenn Stammesgenossen sich nicht so verhalten, wie er es sich in seiner Mittelklasse-Butze erträumt hat. Mit anderen Worten:

As leftists (or progressives, liberals or social democrats), what they hate more than anything else is seeing the strong bully the weak - but the worst, by far, is when the bully comes from among their peers, the strong on a global scale - the Western-dominated, economically-advanced world. Then the left – the college students, professors, activists, writers, artists and other politically engaged people - have a personal stake in the injustice they’re seeing. When Syrians are bullying Syrians, or Sudanese are bullying South Sudanese, they don’t.

Was man nun, auch aufgrund meiner Hinführung, als beißende Kritik an auch hiesigen Denk- und Diskursverhältnissen deuten könnte, nutzt Derfner für eine Empfehlung:

Western liberals – not to mention Israeli liberals – whose greatest moral outrage is reserved for Israel’s oppression of the Palestinians have nothing to apologize for. It’s a natural reaction, an inevitable one. As with apartheid South Africa, Vietnam, European colonialism and other examples from the West’s history,  the occupation enflames leftists in a way that other, greater tyrannies in the world don’t, simply because this tyranny - the last of its kind still standing – is being perpetrated by their own side.

Vielleicht ist etwas dran an Derfners Befund. Meinem Eindruck nach handelt es sich bei der Israel-Frage bzw. der Frage des Umgangs maßgeblicher Repräsentanten des Staates Israel  mit Palästinensern, ihrem Leib, Land und Leben, um eines der letzten wirklichen Arbeitsfelder für zeitgenössische Religionskritik.

Kaum ein Land, dass so dermaßen hart kritisiert wird wie Israel. Kaum ein Land, dass derartig leidenschaftlich verteidigt wird wie Israel. Kaum ein Land, dessen Überleben so häufig beschworen bzw. – von Freund und Feind – in Frage gestellt wird wie Israel. Kaum ein Staat, dessen Existenz zur Staatsräson anderer Staaten erklärt wird.

Wenn von Religion die Rede ist, dann auch von Taboos. Allgemein geht es bei der Religion um etwas, was als schützenswert ausgerufen wird. Ich präzisiere: als unbedingt schützenswert. So wie die einen behaupten, jede Israel-Kritik sei antisemitisch, gibt es wiederum andere, die Israel-Kritik grundsätzlich nicht für antisemitisch zu halten scheinen. Es geht um den Umgang mit Taboos, um die angemessene Sprache, Sprachhaltung, um den jeweiligen Sprachort.

Ganz wichtig: Es geht auch immer um die Frage nach dem Verhältnis von Realität und Wahrnehmung. Eine der in den letzten Jahren ja leider rar gewordenen starken Veröffentlichungen des konkret-literatur-verlags ist der Band Zweierlei Israel aus dem Jahr 2003. Darin dokumentiert: Der öffentlich ausgeübte Unwille – oder ist es die schiere Unfähigkeit – der Herren Gremliza und Ebermann, den Ausführungen Moshe Zuckermanns. Der Band enthält gewissermaßen das Skript der Diskussion. Frappierend, wie unerbittlich Ebermann und Gremliza ihr (Anti-)Deutschtum als Schutzschild gegen die von Zuckermann in Israel, also on the ground, gemachten Beobachtungen und Erfahrungen – aus erster Hand – hochhalten. Ebermann meint sogar, das Thema Nahost solle man, wenn überhaupt herzulande, dann nur im “seminarischen” Rahmen (in Laboren vielleicht?) abhandeln.

Derfner trifft mit seinen Überlegungen im Hinblick auf israelkritische Westlinke, weil er ihnen den Spiegel vorhält. Und was sehen sie in diesem Spiegel? Sich selbst, wie sie in einen Spiegel blicken. Interessant, dass er den  – am Ende nicht erhobenen – Vorwurf der Israel-Besessenheit nicht auch auf jene Linke übertragen hat, denen es ja angeblich unbedingt um eine Bejahung des Staates Israel gehen soll, koste es palästinensische Menschenleben, soviele es seien.

Apropos Holocaust-Keule: Dass es davon dann doch nicht zu wenige geben kann, zeigt die momentane, auch in den ganz und gar der Ratio verpflichteten Kreisen, auf sehr deutsche Weise geführte Diskussion um das sog. Kölner Beschneidungsurteil.

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10 Kommentare

Eingeordnet unter Antisemitismus, Befindlichkeiten, Debattenkultur, Israel-Palästina, Kritik, Literatur, Shoa, Solidarität

10 Antworten zu “Larry Derfner über linke Israel-Besessenheit

  1. Ralph

    Die Artikel der Publikative sind häufig stark eindimensional geschrieben, so dass linksgerichtete Schlagwörter als Behauptungen aufgestellt werden, die schlicht nicht stimmen und die mit einem extrem abwertenden Unterton geschrieben werden, die auf dem Niveau der Bild-Zeitung liegt, damit man sich beim Lesen der Lektüre von Publikative nicht selbst eine Meinung bilden kann, sondern alles glaubt, was einem vorgesetzt wird, da wirre Behauptungen als Tatsachen hingestellt werden.

    Es gibt innerhalb von Publikative kaum Meinungsfreiheit. Kritische Beiträge, die sich auf den Inhalt eines Artikels dieser populistischen Beiträge beziehen, werden häufig gelöscht und die Urheber dieser Kritik aufs Übelste beschimpft, nur weil sie eine andere Meinung haben. Sehr oft, wenn man nicht mit einem Artikel der Publikative konform ist, wird man als Rechtsextremist hingestellt, der „besser zu Politically Incorrect“ gehen solle (dies scheint ein Standardargument der Autoren von Publikative zu sein).

    Eher rechtsgerichtete Menschen (damit meine ich keine Extremen, sondern die rechte Mitte, wie etwa CDU oder Schweizer Regierung), die einen Artikel kritisieren, werden bepöbelt und runtergemacht von den Machern des Blogs, was die linksextreme Intoleranz von Menschen, die selbst angeblich für Toleranz kämpfen, perfekt aufzeigt.

    Man muss nur einmal erwähnen, dass es verschiedene Formen des Nationalismus gibt (nämlich den moderaten inklusiven und den extremen exklusiven Nationalismus) und schon wird man wie ein Nazi behandelt . Kritik an Minderheiten wird sehr häufig als Rassismus in der Publikative abgestempelt, selbst wenn sie sachlich vorgetragen und sogar mit Belegen in Form von Weblinks gestützt wurde. Umgekehrt wird der Kommunismus als gut gedachte politische Ausrichtung bezeichnet und Kritik an Deutschen gilt natürlich auch nicht als Rassismus.

    Zudem steht der Blog der gewalttätigen und extremistischen Antifa-Bewegung sehr Nahe (von denen sich naturgemäß auch sehr viele im Blog tummeln) und gibt die Antifa, wie ich mehrmals erlebt habe, auch oftmals in Quellen an oder lobpreist diese Extremisten in ihrer Werbung.

    Mit Verlaub, aber den Populisten-Blog „Publikative“ kann man vergessen, zumindest wenn man sich politisch bilden will und nicht eine Meinung von Antideutschen vorgesetzt bekommen will, die man gefälligst zu glauben hat.

    • Daniel Domeinski

      @Ralph
      Dieses Publikative-Bashing ist mir zu oberflächlich. Bei Publikative schreiben Autoren mit unterschiedlicher politischer Ausrichtung. Neulich erschien dort ein lesenswerter Artikel zur Islam kritischen Szene, der endlich auch einmal das Treiben von “antideutschen” Publizisten wie Thomas Maul oder Matthias Küntzel thematisiert. http://www.publikative.org/2012/10/18/der-pseudo-anti-antisemitismus-religionskritischer-think-tanks/
      Nervig finde ich die Artikel von Patrick Gensing und Stefan Laurin. Die Laurinschen Argumenationskünste sind hier zu bewundern (beachtlich sind auch seine Kommentare im Thread):
      http://www.ruhrbarone.de/alles-richtig-gemacht-nobelpreiskomitee-npd-dagdelen-und-dehm-aergern-sich-ueber-den-nobelpreis-
      fuer-die-eu/
      An ihren Punkten kann ich nur bestätigen, dass kritische Kommentare bei Publikative häufig nicht freigeschaltet werden, die Autoren der Blogeinträge selten an Diskussionen interessiert sind und sich lieber in Rechthaberei üben. Aber was soll bitte die “gewalttätige und extremistischen Antifa-Bewegung” sein? Ich bin auch kein Fan dieser Steinwerfer, aber spätestens die NSU-Geschichte hat gezeigt, dass den staatlichen Behörden bei der Bekämpfung des Nazitums nur bedingt zu vertrauen ist. Besonders enge Kontakte zur Autonomen Antifa kann Publikative als Internet-Auftritt der Antonio Amadeu Stiftung nach meinen Wisssen nicht vorweisen.

      • g.scheit

        publikative hat küntzel kritisiert? immerhin, denn der durfte dort lüders bzw dessen buch gegen einen iran-krieg anpinkeln. was auch die frage aufwirft, wie die antonio-stiftung zur kampagne “drop the bomb” (auf iran) steht

      • pauli

        Richtigstellung der Redaktion:
        In einer früheren Fassung dieses Artikels wurde behauptet, auf der ersten „Kritischen Islamkonferenz“ 2008 hätte “Thomas Maul gemeinsam mit dem damaligen Vorsitzenden der islamfeindlichen „Bürgerbewegung Pax Europa“ (BPE), Udo Ulfkotte” diskutiert. Diese Behauptung entspricht nicht den Tatsachen, da Udo Ulfkotte zu besagter Konferenz nicht als Referent geladen war – und zwar weder zu Herrn Mauls noch zu einem anderen Podium. Thomas Maul stellt in diesem Zusammenhang unmissverständlich klar, dass er “weder im wörtlichen noch im übertragenen Sinne mit Herrn Ulfkotte irgendwie ‘gemeinsam’ diskutiert” hat. Wir bedauern diesen Fehler in unserer Berichterstattung.
        http://www.publikative.org/2012/10/18/der-pseudo-anti-antisemitismus-religionskritischer-think-tanks/
        Was für ein Journalismus!

        • Daniel Domeinski

          @pauli
          Vielen Dank für den Hinweis.
          Auch wenn dieser Maul nicht mit Ulfkotte diskutiert hat, bleibt er ein dummer Islamhasser. Solche Fehler sind bei Publikative Texten des öfteren nachweisbar. Trotzdem halt ich es für sinnvoller, Publikative und die Amadeu Antonio Stiftung von links zu kritisieren, daher auch meine Anmerkungen zum Kommentar von Ralph.

          @g.scheit
          Soweit ich weiß, unterstützt Anetta Kahane “Stop the Bomb”.

          • Das ist zutreffend:

            Kampagne STOP THE BOMB in Deutschland
            Koordinierungsrat deutscher Nicht-Regierungsorganisationen gegen Antisemitismus: Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien an der Universität Potsdam ; Amadeu-Antonio-Stiftung; Claudia Korenke, Vizepräsidentin der Deutsch-Israelischen Gesellschaft; Daniel Kilpert M.A., Stellvertretender Bundesvorsitzender des Deutsch-Israelischen Jugendforums; Honestly Concerned e.V.; Wissenschaftsforum der Sozialdemokratie in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern; Scholars for Peace in the Middle East, SPME-Germany, e.V.; Initiative 9. November 1938; Demokratie & Courage, Till Meyer; Mohammed Schams, Berlin, Senior Advisor IFI (Iranian Freedom Institute); Rosemarie Matuschek, Erik-Verlag; Robin Stoller, Internationales Institut für Bildung, Sozial- und Antisemitismusforschung (IIBSA); Peter Wirkner, Wissenschaftlicher Direktor; Alexander Arndt, M.A., Editor-in-Chief /Online-Redakteur, Jerusalem Center for Public Affairs, Berlin; Interessengemeinschaft Gehörloser Jüdischer Abstammung in Deutschland e.V. (IGJAD), Hamburg; Jüdisches Berlin/Jewish Berlin Online Yad Achat e.V.; Deutsch-Israelische Gesellschaft, Arbeitsgemeinschaft Berlin und Potsdam Pro-Israel-Initiative “neveragain”; WIZO Deutschland e.V., Women’s International Zionist Organisation Mideast Freedom Forum Berlin e.V.; Green Party of Iran – Deutschland; CIEF – Club Iranischer Europäischer Filmemacher; LAK Schalom Berlin; haKadima – Bildungswerk für Demokratie und Kultur e.V.; Hummel Antifa; Gruppe ISKRA; ISAG Berlin; WADI e.V. – Verband für Krisenhilfe und solidarische Entwicklungszusammenarbeit; AVIVA-Berlin.de – Das Online-Magazin für Frauen; der Berliton.de; GayWest”

            [Fettdruck von mir]

  2. Daniel Domeinski

    Lesenwert zum Thema Dekolonisierung und Nation-Building nach dem WKII ist das Essay von Stephan Malinowski, ‘Modernisierungskriege : militärische Gewalt und koloniale Modernisierung im Algerienkrieg (1954-1962)’, Archiv für Sozialgeschichte 48 (2008) , 213-248

  3. Daniel Domeinski

    Vielen Dank für den Hinweis auf den Derfner Text.
    Er ist offensichtlich als Anregung gedacht, Selbstkritik zu üben, weist aber die für eine Polemik üblichen Schwächen auf. Am meisten wundert mich, dass Derfner problemlos “leftists” in einer Gruppe mit “progressives, liberals or social democrats” aufgehen lässt. Es waren schließlich die “liberals”, die die USA in den Vietnamkrieg führten und diesen Konflikt unter dem Banner des Fortschritts bereitwillig eskalieren ließen. Aus der Gegnerschaft zu der Kriegspolitik der “liberals” entstand in den USA und in anderen Ländern die “new left”, die in ihrer Ausrichtung antiimperialistisch war. Ziel der Kritik waren die Versuche der USA, europäische Kolonien in proamerikanische, antikommunistische Entwicklungsdiktaturen umzuformen. Derfners Behauptung “leftists” hätten schon immer den Hang dazu gehabt, sich schützend vor die Schwachen zu stellen, ist mir zu oberflächlich. Diese Politik hatte einen theoretischen Hintergrund, der mit antikolonialen Theoretikern wie Franz Fanon oder Marxisten wie Andre Gunder Frank verbunden war. Ich möchte auch daran erinnern, dass zu der “new left”, Teile der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung gehörten, die sich nun wirklich nicht als “white, middle-class members of the First World’s educated elite” labeln lassen.
    Ich denke, dass “leftists” sich häufig auf die Seite der Opfer des westlichen Imperialismus schlugen, lag weniger an einer bestimmten Mentalität. Es ergab sich aus bestimmten weltgeschichtlichen Konstellationen, die die “leftists” mit ihren theoretischen Hintergrund reflektierten. Dieser theoretische Hintergrund muss natürlich kritisiert werden. Meiner Meinung nach ist linke Theoriebildung aber schon weit über diesen Punkt hinaus.
    Ich würde mich auch freuen, wenn Derfner konkreter angegeben könnte, wie ein Engagement der “leftists” im Fall von Syrien oder dem Sudan aussehen sollte. Die Situation dort ist sehr unübersichtlich und mit vorschnellen, einseitigen Handeln könnten Fehler der “new left” unter anderen Vorzeichen wiederholt werden.
    Noch kurz zu den “Antideutschen” und Publikative:
    Die “Antideutschen” sind in der Frage des Beschneidungsverbots auch gespalten. Auf Publikative gibt es manchmal lesenswerte Artikel, ansonsten steht diese Seite für die intellektuelle Krise, in der sich der Antifaschismus hierzulande seit geraumer Zeit befindet.

    • Danke für die erhellenden Hinweise. Natürlich ist Derfners Artikel eben nicht wissenschaftlich erschöpfend. Immerhin gibt er Denkanstöße. Dein Hinweis auf die afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung ist sehr hilfreich! Deine abwartende Haltung zu Syrien und Sudan finde ich absolut nachvollziehbar, ja begrüßenswert. Mir passt nicht so recht das Wort “einseitig”, denn Eingreifen in Syrien könnte nur im Kontext von Einseitigkeit erfolgen. Mir geht es oft darum, aufzuzeigen, wie schnell und wie bereitwillig politische Akteure und Meinungsmedien das Spiel der Vereinnahmung mitspielen – egal an welcher Stelle der Nahrungskette.
      Noch zu Publikative: Ich bin erst kürzlich auf die Website gestoßen, u.a. weil ich als Fußball-Fan kein Bock auf Party-Nationalismus im 88er-Shirt hatte und ich auf Publikative erhellende Hintergrundinfos fand.
      Kannst Du Näheres sagen dazu, inwiefern Publikative – wie hast Du es ausgedrückt – “für die intellektuelle Krise, in der sich der Antifaschismus hierzulande seit geraumer Zeit befindet”?

      • Daniel Domeinski

        Auf Publikative wurde jüngst ein Buch von Clemens Heni beworben, an den auch einige Autoren dieser Seite mitgewirkt haben. ( siehe http://www.publikative.org/2012/05/22/ein-super-gauck/ )
        In diesem Buch soll der neue Bundespräsidenten Joachim Gauck kritisch hinterfragt werden. Heni ist seit einigen Jahren sehr bekannter Rechtsextremismus- und Antisemitismusforscher, den man den “Antideutschen” zuordnen kann. ( siehe http://www.trend.infopartisan.net/trd0907/t270907.html )
        Ich habe mir seine Buchvorstellung, dieses Jahr bei den Linken Buchtagen in Kreuzberg angetan. Ich würde seiner Kritik sogar in vielen Punkten folgen: Ja es ist ärgerlich, wenn Gauck meint, Kindergärten in der DDR mit den Autobahnen des “Dritten Reiches” parallelisieren zu müssen oder darauf verweist, dass die Stasi mehr IMs als die Gestapo hatte. Die Prager Deklaration, die Gauck unterstützt, finde ich auch in vielen Punkten fragwürdig und natürlich ist der Neofaschismus in Osteuropa ein sehr ernstes Problem. Doch wie begegnet Heni diesen Entwicklungen? Er erstellt ein Ranking der Schrecken des 20.Jh. mit der Shoah an der Spitze und fordert die Osteuropäer auf, doch bitte die hinteren Plätze einzunehmen. Da darf natürlich der Hinweis nicht fehlen, dass es in Osteuropa viele NS-Kollaborateure gab. Nach Heni hatte Stalin zwar auch Verbrechen begangen, doch ohne den “heldenhaften” Kampf der Roten Armee hätte der Faschismus nicht niedergerungen werden können. Ich denke, sehr viele Osteuropäer, die keine rechtsradikale Einstellung, werden diesen Ansatz, als von oben herab, empfinden. Ich frage mich auch, was eigentlich so schwer daran ist, klarzustellen, dass viele Antifaschisten, gerade in Osteuropa und der SU, sowohl unter dem Terror der Nazis als auch dem der Stalinisten gelitten haben, dass Antifaschismus und Sowjetkommunismus nicht deckungsgleich sind. Diesen antistalinistischen Antifaschismus teilen gegenwärtig viele Aktivisten in Osteuropa und Rußland.

        An Publikative stören mich die teilweise recht oberflächlichen Analysen. Da wird mit Schlagworten wie “antiamerikanisch” oder “antiwestlich” hantiert und dann munter “Querfronten” konstruiert. Es geht ihnen oft um Denunziation, vor allem der Linken, denen pauschal ein veralteter antiimperialistischer Ansatz vorgeworfen wird. Beton-”Antideutsche”, wie eben Clemens Heni oder Thomas von der Osten-Sacken und Alex Feuerherdt betrachtet man dagegen als Kollegen. Die Amadeu Antonio Stiftung, die Publikative.org betreibt, hat jüngst eine Broschüre zu “israelbezogenem Antisemitismus” veröffentlicht. (hier http://www.amadeu-antonio-stiftung.de/w/files/pdfs/aas- israelfeindschaft.pdf ) Ein absoluter Tiefpunkt ist der Beitrag von Nina Rabuza, “Die Debatte um Israel und »Pinkwashing« in der LSBTI-Szene”.
        Um es abzuschließen: Mit intellektuelle Krise des Antifaschismus, meinen ich einen theoretischen Antifaschismus, den es mehr um Denunziation als dem Erklären von Zusammenhängen geht, der vorgibt undogmatisch zu sein, den Stalinismus aber immer noch als notwendiges Übel betrachtet.

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