Matrix der Ignoranz

Die USA haben im UNO-Sicherheitsrat eine Resolution gegen den israelischen Siedlungsbau mitgetragen – das war 1969.  Die Nachricht vom Veto, das die USA gegen eine neuerliche Resolution eingelegt haben, hat bei mir Kopfschütteln ausgelöst. Daraus resultierende Nackenschmerzen werden verstärkt durch Nachrichten wie diese: Mairav Zonszein berichtet, dass sich ein New Yorker Kongressabgeordneter bei Michael Oren, Israels Botschafter in den USA, in einem Brief besorgt gezeigt hat über die, wie er findet, unzureichend gewährleistete Sicherheit für jüdische Besucher Ostjerusalems. Die müssten u.U., so Jerry Nadler – so heisst der Abgeordnete – , damit rechnen, von Palästinensern mit Steinen beworfen zu werden, wenn sie versuchten,  den jüdischen Friedhof auf dem Ölberg zu betreten. Möglicherweise hat Nadler recht. Steine auf Friedhofsbesucher – wer findet das schon nett? Genauso richtig ist allerdings, dass Nadler in seinem Brief an Oren die eine oder andere wichtige Information  offensichtlich nicht mitberücksichtigt hat. Der genannte Friedhof liegt in unmittelbarer Nähe des Felsendoms, befindet sich im Ostjerusalemer – und damit arabischen – Stadtteil Ras al Amud, sowie in unmittelbarer Nähe der noch relativ jungen jüdischen Siedlung Maale Zeitim. Dazu  Zonszein:

Maale Zeitim is a residential complex owned by Irving Moskowitz, the same wealthy tycoon who owns the Shepherd Hotel in Sheikh Jarrah. It was sold to him by Hasidic seminaries in the 1980s, who claimed ownership of the land in the 19th century and won a long legal battle with a Palestinian family under whose name the land was registered during Jordanian rule of East Jerusalem. Permits to build in Maale Zeitim were only granted in the late 1990s, since before then, national and municipal government policies in Jerusalem largely avoided construction of settlements in the heart of Palestinian East Jerusalem, and rather focused on building neighborhoods on hilltops and open areas surrounding Jerusalem (such as Gilo, Pisgat Zeev and Maale Adumim).

Jeff Halper spricht in Bezug auf Gilo, Pisgat Zeev und Maale Adumim  von einerisraelischen matrix of control. Auch werden diese drei Großkolonien auch als maßgeblicher Teil eines Siedlungsrings dargestellt, der Jerusalem von Gebieten der Westbank, die von Palästinsnern bewohnt und verwaltet werden, abschirmt. Innerstädtische Kolonien wie Maale Zeitim drehen die Schraube nur noch weiter an und tragen mit dazu bei, dass palästinensische Bevölkerungen auf immer verstreuteren Arealen unter immer beengteren und damit unerträglichen Bedingungen zu leben haben. Zudem geht es beim Thema Siedlungen ja nicht nur um Landraub, um darauf Gebäude entstehen zu lassen. Genauso wichtig ist die  – exklsiv für jüdische Siedler bereitgestellte – Infrastruktur: Straßen, Wasser- und Stromversorgung. Ob ein Jerry Nadler das weiss, oder nicht – das ist beinahe egal. Dieser Mensch wäre möglicherweise niemals Kongressmensch geworden, würden ihn solche Tatsachen auch nur peripher tangieren.

Seien wir aber nicht ungerecht: Dass man mit derartig verbürgter Ignoranz nur in den USA Karriere machen kann, ist das eine. Ich erinnere mich aber an eine der unzähligen Debatten um den richtigen „deutschen“ Umgang mit dem Thema Israel-Palästina, die oft und gern auf Delegiertenversammlungen von Pax Christi, Deutschland, zelebriert wurden und möglicherweise noch werden. Die „propalästinensische“ Nahostkommission hatte die Anwesenden Alternativ- und Öko-Katholen mit schlümmen Details zum israelischen Besatzungsregime echt betroffen machen können. Meiner Erinnerung war auch darauf beharrt worden, dass Menschen unter Besatzung ein verdammtes Recht auf Selbstverteidigung zukäme. Kopfnicken allerorten. Da meldete sich ein besonders eloquenter Vertreter der „proisraelischen“ Antisemitismus-Kommission zu Wort. Den Namen möchte ich aus Fairness-Gründen nicht nennen. Nicht dass er den Palästinensern Böses wolle bzw. wollte. Es gelte nur zu bedenken: In der israelischen Armee seien nun einmal mehrheitlich Juden. Da schwieg die Versammlung still.

2 Gedanken zu “Matrix der Ignoranz

  1. Obama macht derzeit alles falsch, was man – zumindest in den Augen der arabischen Welt – falsch machen kann. Dieses Veto, zu diesem Zeitpunkt, wo viele seiner gepäppelten Diktatoren ihre eigenen Bürger umbringen lassen, ist eigentlich unverzeihlich.

    Was den letzten Absatz angeht: in einer Diskussionsveranstaltung eines katholischen Trägers in Deutschland wurde ich einmal gefragt, warum „die Muslime“ denn Israel so hassen. Ich hatte keine rechte Lust auf eine Nahostdiskussion und antwortete mit einer Gegenfrage: warum ist den Christen in Deutschland und anderswo das Schicksal der palästinensischen Mitchristen so egal, dass sie permanent Israel auf deren Kosten unterstützen? Die Antwort war die Frage an den Diskussionsleiter, ob es TATSÄCHLICH christliche Palästinenser gebe, als dies bejaht wurde (dem Pater war die Ignoranz sichtlich peinlich), war das Thema vom Tisch.

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