Einige gute Texte aus der letzten Zeit.

“Die Vorrangstellung des Westens ist zu Ende”: Zum Tod Peter Scholl-Latours ein gutes Interview mit ihm aus dem Jahr 2009.

“Sieben Mythen über die Hamas”: ein vortrefflicher, mutiger Artikel, der als einer der wenigen in deutscher Sprache die rhetorischen und propagandistischen Reflexe vermeintlicher Israel-Freunde in Bezug auf die Vermengung von Hamas-Interessen (böse) und palästinensischen Forderungen (noch okay) auseinanderzunehmen vermag. 

“Besser ohne Israel-Fahnen”: ein hervorragender Kommentar von Daniel Bax zur – nicht nur hierzulande überhaupt nicht vorgenommenen – Unterscheidung von Israel-Apologetik und Kampf gegen Antisemitismus. So in dieser Form und diesem Wortlaut ein Ausnahmetext.

Hamas’s Chances”: ein nüchterner Artikel aus dem London Review of Books, der strategische Optionen der Hamas erörtert. Man muss Hamas nicht lieben – und ich tu es als Letzter -, um ihren Einfluss auf Politik, die von Palästinensern in Palästina betrieben wird, zumindest zur Kenntnis zu nehmen.

“Schockwellen aus Nahost”: Gregor Kritidis über den Nahostkonflikt in der sog. deutschen Linken:

 Vor allem gegen Teile der antikapitalistischen Linken wird der Vorwurf vorgebracht, eine verkürzte Kapitalismuskritik und damit antisemitische Positionen zu vertreten. Insbesondere in der Linkspartei läßt sich in aller Regelmäßigkeit beobachten, wie der Antisemitismus-Vorwurf dabei zum innerparteilichen Machtkampf mißbraucht wird. Aber auch hier ist die Sache zweischneidig: Zweifelsohne gibt es insbesondere bei der orthodoxen Linken blinde Flecken, die ein Einfallstor für antisemitische Stereotypen bilden.[6] Und es wäre naiv zu glauben, in der Linken gäbe es keine Antisemiten.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Blogs, Empfehlungen, Israel-Palästina

Anna Esther Younes’ “Banalität des Bösen” – eine Streitschrift als Trostschrift

A Work in progress: In Erinnerung an die toten Kinder von Gaza, Flüchtlingslager Aida (nahe Bethlehem), 28. Juli 2014. Quelle: smpalestine.com.

A Work in progress: In Erinnerung an die toten Kinder von Gaza, Flüchtlingslager Aida (nahe Bethlehem), 28. Juli 2014. Quelle: smpalestine.com.

Abermals Kudos to Wolf Wetzel. In seinem Blog ist jetzt ein Text in die Welt gesetzt worden, der es wahrlich in sich hat. Die deutsch-palästinensische Politologin Anna Ester Younes hat eine Streitschrift zum Umgang mit dem Nahostkonflikt in Deutschland in Zeiten des jüngsten Gaza-Massakers verfasst und sie, gar nicht einmal unprovokant, unter die Überschrift “Die Banalität des Bösen” gefasst. Es geht um ihre Wahrnehmung des besagten Konflikts. Durchsetzt mit massig Fußnoten, soll Younes’ Beitrag  eben keine wissenschaftliche Abhandlung sein – und schon gar nicht so es darum gehen, Argumente kritisch und (scheinbar) objektiv gegeneinander abzuwägen. Vielmehr geht es darum, wie der Umgang der hiesigen Öffentlichkeit – gerade auch die Rezeption in jenen Kreisen, die sich sonst, ohne mit der Wimper zu zucken, für jede sonstige Form der Solidarität einspannen lassen –  mit dem Gemetzel in Gaza, aber auch die Biographie der Autorin bei derselben zu einem Gefühl der Ohnmacht, zu Wut und zu Trauer geführt haben:

Ich schreibe diese Zeilen, weil ich sie gerne mal gelesen hätte – auf Deutsch: Einen wütenden Artikel über und aus Deutschland! Auf Facebook ist die internationale Sprache English und so wird in Zeiten des Konfliktes auch oft gepostet – die besten Artikel und tollsten politischen Übersichten[85] und Abrisse[86] und Chronologien[87]. Sie sind herzlichst eingeladen alle Fußnoten hier nachzulesen!

Eine nicht unbedeutende Rolle in Younes’ Überlegungen spielen auch ihre Erlebnisse in sozialen Medien. Einerseits ergebe sich dort, so Younes, am ehesten die Möglichkeit, ungefiltert, empathisch und offen über Israel-Palästina zu sprechen. Andererseits würden ebendort aber auch Unvermögen und Unwillen zum Dialog besonders deutlich zum Tragen kommen.

Letzten Endes behandelt Younes’ Streitschrift die ganz großen Fragen: Was tun, wenn alle schweigen im Angesicht des Bösen? Was tun, wenn jegliches Mitgefühl fehlt und einem Worthülsen und messerscharf-unbarmherzige Analysen um die Ohren fliegen? Was tun, wenn Worte nicht ausreichen, um die entstandene Vereinsamung zu beschreiben? Was, wenn Krieg gleich Frieden ist? Wenn Moral und Unmoral gleich sind? Wenn es dann doch nur um uns selbst geht? Und der Tod das letzte Wort haben darf?

Auf Instagram prahlt der IDF-Soldat David Dovadia damit, 13 Kinder im Gazastreifen getötet zu haben. 

Auch in der taz wird dem Lesenden befohlen, nicht so fixiert auf Israel zu sein – ach, der cel:

Wenn dir die Menschenrechte im Nahen Osten so am Herzen liegen, dann finden sich für dich andere Themen. Die Situation der Palästinenser in Syrien zum Beispiel, die zwischen den Truppen des Assad-Regimes und den liebevoll „Rebellen“ genannten islamistischen Milizen eingeschlossen sind.

Und Younes erzählt u.a. von zwei Begegnungen der besonderen Art mit Israelis, die auf ihre Weise für ihre Sache und ihr Land im wahrsten Sinne des Wortes eintreten. Zunächst gibt es auch in Israel den Ruf nach einem freien Tibet:

Ich traf einmal einen Israeli in Nordindien mit einem „Free Tibet“ T-Shirt. Ich ging rüber, lächelte und fragte höflich: „Sag mal, hast du nicht das gleiche Problem bei dir zu Hause?[62] Wie kannst du denn da für Tibet sein?“ Antwort: „Der Unterschied ist, dass Tibetaner friedliche Menschen sind. Nicht wie Araber, die sind aggressiv und Terroristen.“ Wenig später sagte er noch, dass sie alle „ausgerottet werden sollten! Eine Atombombe auf die Westbank und Gaza“. Das war 2007, liebe Leserinnen und Leser.

Und dann noch der Philosophiestudent:

Während einem Verhör an der Israelischen Grenze zu Jordanien, sagte mir mein Verhörer grinsend, dass er die Möglichkeit hätte meinen Laptop zu konfiszieren und mich zurück nach Jordanien schicken kann, zu meiner Familie, so dass ich meine Masterarbeit vergessen könnte (und somit auch meinen Studienabschluss!). Das alles weil ich mich weigerte meine persönliche eMail und die meiner Mitbewohnerin in Ramallah herauszugeben. Ich antwortete: „Das stimmt, das können Sie tun. Machen Sie’s doch einfach! Wir wissen doch beide sehr wohl, wer hier mehr Macht hat. Aber was ich gerade interessant finde, ist dass Sie das anscheinend genießen, oder warum lächeln Sie so!? Haben Sie mal Hannah Arendts ‚Banalität des Bösen’ gelesen?“ David, so hat er sich genannt, ohne so zu heißen, verlor sein Lächeln. Er hatte Philosophie an der Hebräischen Universität in Jerusalem studiert. Das Verhör dauerte acht Stunden und ich musste in einer kurzen Pause selbst um ein Glas Wasser (bei 35 Grad) bitten. Letzteres ist nichts Ungewöhnliches an der israelischen Grenze – wenigstens wurde ich reingelassen und meinen PC durfte ich auch behalten nachdem ich mich ausziehen durfte.

Ich bin es leid, über Israelkritik und Solidarität mit wem auch immer zu debattieren. Ich habe keine Lust mehr auf messerscharfe Analysen. Ich bin entsetzt. Als Familienvater kommen mir bei den Bildern zermetzelter Kinder und Babys die Tränen.  Als Christ und Humanist bleibt mir nur, Ohnmacht und Trauer auszuhalten. Worte vermögen dabei wenig. Die Streitschrift von Anna Esther Younes lese ich auch als Trostschrift. In einer trostlosen Zeit. Ihr Text ist aus einer anderen Perspektive als meiner eigenen verfasst, aber die in ihm zum Ausdruck gebrachten Gefühle – sie sind die meinen.

 

3 Kommentare

Eingeordnet unter Befindlichkeiten, Blogs, Debattenkultur, Empfehlungen, Glaube, Israel, Israel-Palästina, Kritik, Literatur, Nakba, Palästina, Solidarität, taz, Zionismus

Staatsterrorismus und Kindesmörder

MondoPrinte:

Was Wolf Wetzel zu all dem zu sagen hat…

Ursprünglich veröffentlicht auf Eyes Wide Shut:

Staatsterrorismus und Kindesmörder

Am 28. Juli 2014 ließen uns die gutinformierten Kreise wissen, dass die israelische Regierung unter dem Ministerpräsidenten Netanjahu »unter Druck« geraten sei. Auf der einen Seite habe der US-Außenminister Kerry auf eine Waffenruhe gedrängt, auf der anderen Seite würden die Stimmen in den eigenen Reihen immer lauter, dass man den Krieg in Gaza härter, entschiedener führen müsse.

Man fragte sich unwillkürlich, was diese Regierungsmitglieder damit meinen könnten? Bombardierung von Wohnhäusern ohne Vorwarnung? Mehr Geißelnahmen und Ermordungen?

Auch die Frage: Was für Regierungsmitglieder müssen das sein, die den bisherigen Krieg nicht mörderisch genug finden?

All diese Fragen haben sich erübrigt: Am 29. Juli 2014 bombardierte die israelische Luftwaffe das einzige Stromkraftwerk in Gaza. Nachdem die israelische Regierung bereits mit dem Krieg die Stromlieferung nach Gaza stoppte, leben seit dem 29. Juli 2014 ca. zwei Millionen Menschen ohne Strom:

»Das Kraftwerk erzeugt Strom für Haushalte, Betriebe, Krankenhäuser und…

Original ansehen noch 314 Wörter

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Israel-Palästina

Wenigstens das: Hasbara-Bingo

670-hasbarah

 

Was bleibt sonst?

Hinterlasse einen Kommentar

30. Juli 2014 · 09:40

Gaza: Wer in dieser Zeit nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit dem Herzen denkt, hat es schwer.

In Gaza türmen sich Trümmer und Leichen. Die Zahl geht mittlerweile bis in Bereiche jenseits von 1200 Toten. Und Außenminister Steinmeier analysiert messerscharf:

Vor seinem Abflug, der ihn am Montag zunächst in die jordanische Hauptstadt Amman führen wird, kritisierte Steinmeier erneut scharf die Hamas: “Der Raketenbeschuss der Hamas gegen Israel hat eine Spirale der Gewalt in Gang gesetzt, die kaum noch aufzuhalten scheint.” Auf beiden Seiten lebten die Menschen seitdem in ständiger Angst vor dem nächsten Angriff.

“Die Bilder der vielen unschuldigen Opfer”, so Steinmeier, “sind schwer zu ertragen.” Die tragische Entwicklung könne Deutschland deshalb nicht gleichgültig sein, so der Minister weiter: “Nicht nur aus Sorge um die Sicherheit Israels, sondern auch weil die möglichen Konsequenzen einer weiteren Eskalation kaum absehbar sind.”

Demnach trägt Hamas die Hauptschuld alleinige Schuld am Massaker, das die israelische Armee gegenwärtig im Gazastreifen anrichtet. Und was Steinmeier mit den “möglichen Konsequenzen einer weiteren Eskalation” meint, wer weiß das? Tribünen für israelische Zuschauer des Massakers?

Und wenn der Deutsche Koordinationsrat der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (DKR)  in einer vor Selbstgerechtigkeit, Wirrheit aber auch Kaltschnäuzigkeit nur so strotzenden Presseerklärung offen die Propaganda der Regierung Netanyahu weiter betreibt und eindrucksvoll Marc Ellis’ These vom “ökumenischen Deal” in der christlich-jüdischen Zusammenarbeit belegt, kann man nicht einmal mehr den Kopf schütteln. Wie heißt es in anderen Zusammenhängen immer gern: “Die schlimmsten Feinde des Glaubens sind seine unbarmherzigen Verteidiger.”

Man muss kein Freund der Hamas sein – und wer ist das schon? -, um dennoch zu erkennen, dass die wieder und wieder aufgewärmte Behauptung, alles sei, vereinfacht gesagt, ruhig und friedlich im Lande Israel gewesen, bis die Hamas mit Raketen Angst und Schrecken in der israelischen Bevölkerung verbreitet hat, nicht zutrifft. Die Abriegelung des Gazastreifens, die wiederhole Heimsuchung unschuldiger Zivilisten durch israelisches Militär – sei es aus der Luft, sei es von der See her oder im Rahmen der sog. “Kriege” in den Jahren 2008/2009 und 2012: Man muss schon mit einer Haltung ausgestattet sein, wie sie vom Koordinationsrat eingefordert wird: Eine Mischung aus gehobener Feiertagsstimmung, wenn es um den Staat Israel geht, (un)freundlischer Gleichgültigkeit, was zivile Opfer angeht, Ignoranz ob der Lage vor Ort, z.B. im Gazastreifen und, seinerseits, Geschichtsvergessenheit.

Wer Propaganda widerlegen will, lese diesen wichtigen Beitrag von Noura Erakat aus dem amerikanischen Nation-Magazin. Doch Vorsicht: Wer in dieser Zeit nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit dem Herzen denkt, hat es schwer.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Befindlichkeiten, Debattenkultur, Israel-Palästina, Juden, Kirche, Kritik, Marc H. Ellis, Pressewesen, Propaganda, Shoa, Solidarität

“Wer Mitgefühl mit Juden hat, hat auch Mitgefühl mit den Menschen in Gaza”

Es ist richtig: Antisemitismus bekämpfen, egal, wo er auftaucht. Aber auch: Israels Umgang mit Palästinensern klar verurteilen. In den letzten Tagen und Wochen war ich sprachlos. Soviel hat sich angestaut in mir. Habe viel gelesen, zumeist auf Englisch. Aber auch einige deutschsprachige waren dabei.  Viele Einschätzungen der Lage in Gaza, wo kein Krieg herrscht, sondern ein Massaker verübt wird.

Was Todenhöfer, der gerade aus dem Gazastreifen und Israel heimgekehrt ist, sagt, trifft zu:

Wenn ich an Gaza denke, schäme ich mich für die Tatenlosigkeit unserer Welt. Auch für meine eigene Hilflosigkeit. Wir versagen alle.

In Presse und Politik versucht man, allen Mut zusammenzunehmen, um dann doch nur zu einem ausgewogenen, fairen, alle Konfliktparteien ansprechenden, aber doch auch ermutigenden Appell, die Waffen doch bitte schweigen zu lassen, zu gelangen. In den Debattierstuben der (früheren) radikalen Linken sucht man derweil fieberhaft nach den richtigen Bannern: “Free Gaza from Hamas”, etc. Oder man fragt sich, ob die Initiative ARAB auch wirklich nichts vergessen hat: “Gegen Imperialismus, Besatzung, Nationalismus, Antisemitismus und Fundamentalismus”. Ich finde das alles wahlweise ärgerlich und einleuchtend. Gestern stieß ich auf Facebook auf den Text von Albrecht Metzger. Seitdem ich ihn gelesen habe, geht es mir besser. Und ich meine es genauso. Lest selber:

Wer Mitgefühl mit Juden hat, hat auch Mitgefühl mit den Menschen in Gaza

Wenn ich an die Geschichte der Juden in Europa und speziell in Deutschland denke, dann empfinde ich Trauer, Demut und Mitgefühl. Ich empfinde keine Scham, denn ich habe an der Zerstörung jüdischen Lebens nicht teilgenommen, und weil ich keine Scham empfinde, entschuldige oder rechtfertige ich mich nicht bei Juden, wenn ich mich mit ihnen über die Geschichte unterhalte, sondern ich versuche ihnen klar zu machen, wie traurig ich darüber bin, dass ihren Vorfahren dieses Unrecht angetan wurde, und ich versuche ihnen klar zu machen, dass wir Deutschen uns damit selbst ein Stück vernichtet haben.

Mit anderen Worten: Für mich hat die Auseinandersetzung mit Antisemitismus sehr viel mit Gefühl zu tun, mit dem Bauch und dem Herzen, erst in zweiter Linie mit dem Kopf. Es ist für mich nichts Angelerntes, das ich roboterhaft wiederhole, wenn jemand meiner Ansicht nach antisemitsche Positionen vertritt. Ich spüre dieses Leid in mir

Auch wenn es hart, provokant und überheblich klingt, sage ich es trotzdem: Ich habe bei vielen Deutschen das Gefühl, dass sie genau das machen, wenn sie über Antisemitismus reden: Sie wiederholen roboterhaft etwas Angelerntes: Sie haben irgendwann in der Schule gelernt, dass es ganz, ganz böse war, was die Deutschen mit den Juden gemacht haben, und um ganz, ganz gut zu sein, müssen sie den Antisemtismus mit Inbrunst verdammen, wenn sie ihn irgendwo entdecken.

Wenn man morgen das Curriculim änderte und sagte, die Juden sind ganz, ganz böse, weil sie alle Araber vernichten wollen und über den Weg der USA nach der Weltherrschaft greifen, dann würden viele Deutsche eben diese Position vertreten, davon bin ich überzeugt. Denn der Antisemitismus ist nicht tot, er steckt in uns, Tausend Jahre Judenhass verfliegen nicht einfach so, das kann man leicht reaktivieren.

Wer Mitgefühl und Demut angesichts der Vernichtung der deutschen Juden empfindet, der hat grundsätzich Mitgefühl, und das bedeutet, dass man auch Mitgefühl mit den Menschen in Gaza hat, die seit Jahrzehnten ein Trauma nach dem anderen erleiden. Dieses Mitgefühl mit den Menschen in Gaza muss nicht in Hass auf Juden und speziell Israelis umschwenken, da muss man eben doch seinen Kopf einschalten und sich klarmachen, wie diese Tragödie entstanden ist. Womit wir wieder bei Tausend Jahren Judenhass in Europa wären…

Danke.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Befindlichkeiten, Israel-Palästina

Von Volksverhetzung zu Volksverhetzung

Und mit einem Mal regt sich alle Welt auf. Der gestern in der Bild am Sonntag erschienene, vor Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Primitivität nur so schäumende Beitrag von BamS-Vizechef Nikolaus Fest, erregt die Gemüter. Treffend zerpflückt Mats Schönauer die widerlichen Worte Fests. Auch Stefan Niggemeier findet passende Formen, um das Geschwalle als das herauszustellen, was es eigentlich ist: Aggressiver Rassismus. Der Spitze von Bild ist das alles mittlerweile höchst unangenehm. Schlimmer noch für Fest, der sich über Twitter noch über den veritablen Shitstorm freute, der schon kurz nach Erscheinen seines Beitrags angerührt wurde:

Kai Diekmann antwortete in der Ausgabe vom Montag: „Genau solche Auseinandersetzung entlang religiöser Grenzen wollen wir NICHT. Wir wollen sie nicht führen, nicht befördern und nicht herbeischreiben.“ Diekmann verantwortet zwar die Bild, hat aber auf die Berichterstattung der BamS keinen Einfluss. Marion Horn ist die zuständige Chefredakteurin der Sonntagsausgabe. Sie verteidigte Nicolaus Fest zunächst auf Twitter, schrieb dann aber: „Bild am Sonntag hat Gefühle verletzt. Ganz deutlich: Wir sind nicht islamfeindlich! Ich entschuldigte mich für den entstandenen Eindruck.“

Bei Bild streiten sich die Granden also in aller Öffentlichkeit über den manifest gewordenen Islamhass Fests – sorry, kein Wortspiel intendiert.

In den sozialen Netzwerken ereifern sich Muslime und andere über Fest. Nicht nur aufgrund des in seinem Text enthaltenen Rassismus. Auch und gerade ob der zum Himmel speienden Heuchelei, die, so empfinden es viele, von Seiten der Bild vorgeführt werde: Noch kürzlich vergossen Promis wie Maria – “Die Flucht”- Furthwängler  für das Flaggschiff des Hauses Springer Krokodilstränen: Einen neuen Antisemitismus gelte es zu bekämpfen. Dieser mache sich in den europäischen Metropolen breit: auf propalästinensischen Demonstrationen. Schlesinger hat zu den entsprechenden Vorkommnissen, etwa zum Skandieren von “Jude, Jude feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein!” bereits die richtigen Worte gefunden:

Solche Parolen wollen doch ganz offenkundig eine Volksgruppe treffen und erniedrigen, und nicht etwa eine Politik Netanjahus anprangern.

Evelyn Hecht-Galinski, die zu Radikalität neigende Tochter des früheren Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, die durch ihre zügellosen Äußerungen zum Aushängeschild aller hiesigen Israelfeinde wurde, meint zu solchen Slogans ungerührt “Natürlich sind diese Parolen nicht politisch korrekt.” Oh nein, mit politischer Korrektheit hat das nichts zu tun. Hecht-Galinski übersieht die besondere Qualität solcher Hetzparolen nur deshalb großzügig, weil sie selbst gerne maximal vom Leder zieht.

Die anti-jüdischen Slogans sind und bleiben: Abstoßend. Nicht zu rechtfertigen. Letztlich schlicht unrechtmäßig.

Die Schreihälse  – nicht: alle Demonstrationsteilnehmer! – nehmen den Gazakrieg nur zum Anlaß ihre niederen Instinkte zum Ausdruck zu bringen. Diesem Klientel sollte nicht erlaubt sein, den ansonsten durchaus berechtigten Protest gegen den Gazakrieg und die jahrelange israelische Blockade zu diskreditieren.

Kommen wir von dieser Volksverhetzung zur oben beschriebenen zurück.

Ich wundere mich ein bisschen über all jene, die sich nun über Bild echauffieren. Weder will ich Verschwörungstheorien Vorschub leisten noch sonstwie schlaumeiern, aber verdichtet sich in einem Organ wie Bild – und ich schließe Bild am Sonntag ausdrücklich mit ein in mein Gebet – nicht das, was der mediale Meinungsmainstream der Bevölkerung ohnehin anträgt zu glauben?

Im Gazastreifen werden zumeist palästinensische Zivilisten – auffallend viele Kinder! – abgeschlachtet. Mittlerweile ist die Tausendergrenze überschritten. Auf den Hügeln nahe dieses Elendsgebiets sitzen israelische Schlachtenbummler und machen La Ola dazu. Es sind gerade die sozialen Netzwerke, denen es zu verdanken ist, dass Bilder unvorstellbarer Grausamkeit an die Öffentlichkeit gelangen. Als Vater einer zweijährigen Tochter rauben mir diese Bilder den Schlaf. Die Israelis sind dabei, den Gazastreifen in ein riesiges Massengrab zu verwandeln, in  USA und in Israel von dankbaren, vermeintlichen, Israel-Freunden euphorisch registriert.

In Zeiten wie diesen rücken Bundesregierung und freie Medien in diesem Lande besonders eng zusammen. Die Qualität der Untaten der israelischen Streitkräfte unter der Führung von Ministerpräsident Netanyahu lässt sich mitunter auch daran bemessen, wie hoch die Gefahr eines neuen Antisemitismus eingeschätzt wird. Wie hat es Norman Finkelstein einmal ausgedrückt: “Kill Arabs, cry anti-Semitism”. Ging es nur mir so, oder war es nicht doch auffallend, wie breit sich die Front der neuen Antisemitenjäger in Presse und Politik hierzulande ausnahm? 

 Von FAZ bis stern, von Frankfurter Rundschau bis Kölner Stadtanzeiger, nicht zu vergessen Welt und Bild: Man war sich einig. Mit Gauck. Mit Graumann. Mit Broder. Das Abschlachten der zivilen Bevölkerung des Gazastreifens hat man dabei kaum erwähnt.

 Und Nikolaus Fest hat das alles – ist dies nicht seine Aufgabe? – zusammengefasst und in geballter Form wiedergegeben. Pointiert. Gerade heraus. Und nun ist man entrüstet. In den sozialen Netzwerken. Plötzlich erinnert man sich, dass Anders Breivik gerade mal vor drei Jahren mit seinem Massenmord die Gewaltphantasien hiesiger, ach so kritischer, Islamkritiker in die Tat umsetzte. Nun ist einem das alles unangenehm.

Handelt sich das alles um Theater? Um eine große Inszenierung? Wie gesagt:  Verschwörungstheorien Vorschub zu leisten, ist nicht mein Ding. Dies ist schließlich ein Nahost-Blog. Aber mal ernsthaft: Ist die Causa Fest womöglich als eine Art von Ouvertüre zu deuten? Werden sich in den kommenden Tagen kritische Stimmen gegen Israels Morden in Gaza auch im Meinungsmainstream mehren? Rolf Verleger und der Fotograf Martin Lejeune haben im Deutschlandfunk in zwei höchst unterschiedlichen Interviews den Anfang gemacht. Ich bin auf die kommenden Tage gespannt.

Und bereits jetzt angeekelt.

Wer sich über die Bild entrüstet, hat nichts verstanden. Keinem toten Fisch möchte ich es antun, ihn in entsprechend bedrucktes Papier einzuwickeln. Und für die anderen Blätter gilt: Es geht nicht um Juden, auch nicht um Palästinenser, nur um eigene Befindlichkeiten.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Antisemitismus, Befindlichkeiten, Debattenkultur, Israel-Palästina, Pressewesen, Propaganda, Rassismus

UK news anchorman makes emotional plea for Gaza after visit left him ‘deeply scarred’

Ursprünglich veröffentlicht auf Sixteen Minutes to Palestine:

Jon Snow, a British journalist and television presenter for Channel 4 News, traveled to the Gaza Strip to document the tragedy that continues to unfold as more and more Palestinians die from Israeli attacks. Israel launched its latest offensive against Gaza, dubbed “Operation Protect Edge,” on July 8. Since then, at least 1,023 Palestinians have been killed, including nearly 200 children.

Snow’s coverage of the invasion has been refreshing to say the least. In a recent interview with Israeli Prime Minister spokesman Mark Regev, Snow asked hard-hitting questions about Israel’s seemingly indiscriminate targeting of Palestinian civilians. In the interest of time, Snow narrowed his focus to the shelling of Gaza’s Al-Wafa rehabilitation and geriatric hospital as well as the shelling of a beach that killed four young boys — all related — and injured a fifth.

Despite Regev’s flustered attempts to deflect Snow’s challenging questions with the usual talking points…

Original ansehen noch 387 Wörter

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Israel-Palästina

Noch Fragen?

2 Kommentare

Eingeordnet unter Israel-Palästina, Video

Fußball-WM: Algerien ist weiter!

“Ich danke Gott, dass wir 40 Millionen Algerier und Millionen Araber eine Runde weiter gekommen sind. Wir möchten mit unserem Sieg alle Araber beschenken, besonders die Palästinenser. Danke.” (Übersetzt von mir aus dem Englischen, via 16 Minutes to Palestine)

Hinterlasse einen Kommentar

27. Juni 2014 · 09:11

Rice und Peres…

Hinterlasse einen Kommentar

26. Juni 2014 · 10:42

Abbas und Peres beim Papst

Der Papst empfängt Abbas und Peres. Zum ersten Mal wird im Vatikan ein muslimisches Gebet gesprochen. Marc H. Ellis hält das alles, sagt er auf Facebook, für eine absolute Farce. Banalität von Religion? Let’s see: Solange es nicht wieder irgendeine architektonische “zionistische Antwort” in der Westbank oder in Ostjerusalem gibt, kann doch schon von einem bedeutenden Schritt gesprochen werden.

Hinterlasse einen Kommentar

8. Juni 2014 · 22:17

Lebenszeichen

Lange nichts mehr gehört von mir? Der Friedensprozess ist mal wieder am Ende, die Palästinenser haben ihre EInheitsregierung und Israel hat mit 1000 Wohneinheiten in der Westbank und Ostjerusalem die “angemessene zionistische Antwort” gegeben. Nichts Neues, oder?

Hinterlasse einen Kommentar

6. Juni 2014 · 10:51

Chomsky in Karlsruhe

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Befindlichkeiten, Debattenkultur, Empfehlungen, Kritik, Obama, Propaganda, USA, Video